Am 20. September wird in Mecklenburg-Vorpommern der Landtag neu gewählt. Fachkräftemangel, Abwanderung, niedrige Löhne und der Streit um die Nord-Stream-Pipelines gehören zu den brisanten Wirtschaftsthemen. Wie geht es dem Land im bundesweiten Vergleich und welche Pläne haben die Parteien für die wirtschaftliche Zukunft? Ein Überblick

Wie ist Mecklenburg-Vorpommern aufgestellt?

Mecklenburg-Vorpommern ist das am dünnsten besiedelte Bundesland. Laut Statistischem Bundesamt leben bei 1,6 Millionen Einwohnern durchschnittlich nur 69 Menschen auf einem Quadratkilometer. Knapp zwei Drittel des Landes sind Felder, Weiden und Wälder, 1,34 Millionen Hektar werden landwirtschaftlich genutzt. Damit tragen Land- und Forstwirtschaft mit 3,7 Prozent einen verhältnismäßig großen Anteil zur gesamten Wirtschaftsleistung des Landes bei, deutschlandweit liegt der Anteil bei nur 0,9 Prozent (2023).

Geerntet und produziert werden unter anderem Kartoffeln, Fleisch, Getreide, Milch, Obst, Gemüse und Fisch. Ihre Weiterverarbeitung macht das Bundesland zu einem starken Standort für die Ernährungs- und Nahrungsmittelindustrie. Die Branche erwirtschaftete nach Angaben des Wirtschaftsministeriums zuletzt einen Jahresumsatz von rund 4,5 Milliarden Euro. Derzeit sind in 88 Betrieben mit mehr als 50 Mitarbeitern über 14.400 Menschen beschäftigt.

Welche Vorteile bringt die Küstenlage?

Durch die Lage an der Ostsee prägen drei Branchen die Wirtschaft: der Tourismus, die Energiewirtschaft und die maritime Industrie, zu der Häfen, Schiff- und Bootsbau, Meeres- und Offshoretechnik zählen.

Der Tourismus profitiert besonders stark von der Meeresnähe. 2025 verzeichnete das Land mit 8,2 Millionen Gästeankünften und 33,3 Millionen Übernachtungen das zweitbeste Ergebnis in seiner Geschichte. Mit einer durchschnittlichen Aufenthaltsdauer der Gäste von 3,8 Tagen liegt Mecklenburg-Vorpommern bundesweit an der Spitze. In keinem anderen Bundesland bleiben die Gäste länger. »Mittelfristig scheint mir Mecklenburg-Vorpommern im Tourismusbereich gut positioniert zu sein«, sagt Aleksandar Zaklan, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Rostock, der ZEIT. »Das Land wird von den zunehmenden Hitzewellen in Deutschland und Europa profitieren, ähnlich wie die skandinavischen Länder.«

Um die Infrastruktur und die Wohnsituation für Beschäftigte zu verbessern, will die Linke eine Tourismusabgabe einführen. Die Partei kündigt in ihrem Wahlprogramm außerdem an, Jugendherbergen und Schullandheime energetisch zu sanieren. Die Grünen koppeln die Förderung touristischer Projekte an ökologische und sozialökonomische Kriterien. Die FDP würde gern Auflagen in der Beherbergung und Gastronomie abbauen. Sie lehnen zusätzliche Abgaben auf Übernachtungen ab: »Betten- und Übernachtungsteuer sind Tourismusbremsen.«

Die Lage an der Ostsee macht Mecklenburg-Vorpommern auch in der maritimen Industrie stark. Dort beschäftigen rund 500 Unternehmen etwa 13.000 Mitarbeitende. Nach Angaben des Wirtschaftsministeriums arbeiten alleine in den 85 Unternehmen des Schiffs- und Bootsbaus 5.300 Beschäftigte. Das BSW spricht sich in seinem Wahlprogramm explizit gegen das seit 2024 in Rostock stationierte Hauptquartier der Deutschen Marine aus. Diese Commander Task Force Baltic übernimmt für die Nato Führungs- und Koordinierungsaufgaben im Ostseeraum.

Ist Windenergie für Mecklenburg-Vorpommern eine Chance?

Haushalte im Osten zahlen – bezogen auf ihre Kaufkraft – deutlich mehr für Energie als im Westen. Gestritten wird um den Ausbau der Windkraft. Mittlerweile leisten etwa 50 Bürgerinitiativen Widerstand gegen neue Windräder. Sie kritisieren Eingriffe in Landschaft und fehlende Beteiligung der Anwohner, obwohl das Land früh Beteiligungsmodelle (2016) und ein Bürgerbeteiligungsgesetz (2022) eingeführt hat. Windkraftverbände warnen nach Angaben des Onlinemagazins klimareporter, dass eine Bürgerbeteiligung den Ausbau der Windkraft verteuern und damit bremsen könnte.

Der Wirtschaft Mecklenburg-Vorpommerns bringt die Windenergie viel: In der Windenergiebranche arbeiten mehr als 8.000 Beschäftigte in knapp 200 Unternehmen. Die SPD plant, die Seehäfen als Standorte für Offshore-Windanlagen auszubauen. In Rostock-Warnemünde sollen riesige Stromumspannplattformen für Offshore-Windparks gebaut werden. Auch die Linke setzt in ihrem Landtagswahlprogramm explizit auf Offshore-Windenergie. Grüner Wasserstoff soll etwa in der Chemie- oder Schwerlastindustrie etabliert werden. Die Abwärme bei der Herstellung von grünem Wasserstoff soll für Fernwärmenetze genutzt werden.

»Die Unternehmen bauen zunehmend ihre Position in spezialisierten Bereichen der Energiewirtschaft aus«, sagt Experte Zaklan von der Universität Rostock. »Produkte aus dieser Branche werden zunehmend in die USA exportiert. Daraus ergeben sich aber zwei Risikofaktoren. Diese Wirtschaftszweige sind zunehmend verwundbar gegenüber der US-Industrie- und Zollpolitik.« Sie seien davon abhängig, dass Deutschland beim Ausbau erneuerbarer Energien weiter Tempo mache.

Die AfD setzt ausschließlich auf klimafeindliche Energien. Sie fordert in ihrem Regierungsprogramm 2026 die Abschaffung der CO₂‑Bepreisung und des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) sowie eine Aussetzung der Umsatzsteuer auf Energie und Kraftstoffe. Über diese Maßnahmen kann jedoch nicht der Landtag entscheiden. Sie betreffen Bundesgesetze und das Bundessteuerrecht. Die CDU verspricht den Menschen eine pauschale Entlastung von 30 Euro pro Einwohner und Jahr, mit denen die hohen Stromkosten ausgeglichen werden sollen.

Kritisch gesehen wird die Rolle des SPD-geführten Landes bei der Ostseepipeline Nord Stream 2: Ein Parlamentarischer Untersuchungsausschuss beleuchtet seit Jahren die Verflechtungen zwischen Landesregierung, Gaspipeline und der 2021 gegründeten Stiftung Klima‑ und Umweltschutz MV. Die Stiftung wurde zu mehr als 99 Prozent von dem mehrheitlich staatlich kontrollierten russischen Energie- und Erdgaskonzern Gazprom und deren Nord Stream 2 AG finanziert. Am 28. Februar 2022, vier Tage nach dem russischen Überfall auf die Ukraine, kündigte Ministerpräsidentin Manuela Schwesig die Auflösung der Stiftung an. Das BSW kündigt in seinem Kurzwahlprogramm an, die Nord-Stream-Pipeline wieder in Betrieb zu nehmen.

Warum ist das Land für Arbeitnehmer nicht attraktiv?

Im Jahr 2025 erwirtschaftete das Land 63,6 Milliarden Euro. Damit stieg die Wirtschaftsleistung um 1,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr und wuchs deutlich stärker als die deutsche Wirtschaft insgesamt, die nur um 0,2 Prozent zunahm. »Das Wirtschaftswachstum in Mecklenburg-Vorpommern lag in den vergangenen fünf Jahren stets im oberen Mittelfeld unter den deutschen Bundesländern«, sagt Volkswirt Zaklan. »Von den ostdeutschen Bundesländern wuchs die Gesamtwirtschaft von Mecklenburg-Vorpommern in dieser Zeit am dynamischsten.«

Auch wenn die Wirtschaft dynamisch ist, sind in Mecklenburg-Vorpommern verhältnismäßig viele Menschen arbeitslos. Im Juni 2026 meldeten sich nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit 61.886 Menschen arbeitssuchend. Das entspricht einer Arbeitslosenquote von 7,6 Prozent. Bundesweit liegt sie bei 6,2 Prozent. Hinzu kommt: Laut Statistischem Bundesamt lag der durchschnittliche Bruttomonatsverdienst von Vollbeschäftigten in Mecklenburg-Vorpommern im April 2024 bei nur 3.294 Euro, der von Vollbeschäftigten in Deutschland bei 4.784 Euro (Stand April 2025).

Wie wollen die Parteien mehr Fachkräfte und junge Menschen ins Land holen?

»Eine Stärke Mecklenburg-Vorpommerns ist das insgesamt gute Bildungssystem«, sagt Zaklan. »Im Hochschulsystem wird viel in den Nachwuchs investiert, im Vergleich zu Unis in anderen Ländern sind die Betreuungsverhältnisse traumhaft.« Daran knüpfen fast alle Parteien an und versprechen attraktive Bedingungen für Auszubildende. Die SPD schlägt in ihrem Regierungsprogramm 2026–2031 vor, die Praktikumsprämie im Handwerk auf weitere Bereiche der Wirtschaft auszuweiten. Sie will außerdem 1.000 neue oder sanierte Wohnheimplätze für Auszubildende und Studierende schaffen.

Die Grünen sichern in ihrem Wahlprogramm allen Auszubildenden einen Startbonus für die erste Ausbildung als zinsfreies Darlehen von 1.500 Euro zu. Wer ein Jahr als Facharbeiter in Mecklenburg-Vorpommern gearbeitet hat, muss es nicht zurückzahlen. Die Partei will die sogenannten One-Stop-Agencies und Welcome Center ausbauen und so fördern, dass Fachkräfte ins Bundesland kommen.

Die CDU verspricht Rentnern einen Steuerfreibetrag, wenn sie als Ausbilder helfen. Wer eine Ausbildung erfolgreich abschließt, erhält eine Prämie von 3.000 Euro. Laut Wahlprogramm soll eine Meisterausbildung kostenfrei werden. Wer einen Betrieb übernimmt, kann eine staatliche Gründungsprämie erhalten.

Verlassen wirklich so viele Menschen das Bundesland?

Wie könnten mehr Betriebe ansiedeln und Menschen zuziehen?

Die SPD will laut ihrem Regierungsprogramm alle Berichtspflichten für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) für zwei Jahre aussetzen sowie Tarifbindung, Betriebsratsgründungen und betriebliche Mitbestimmung stärken. Die Linke will Leiharbeit und sachgrundlose Befristungen in landeseigenen Unternehmen begrenzen.

Die Grünen sprechen sich in ihrem Wahlprogramm für das Once-Only-Prinzip aus. Damit sollen Unternehmen Daten nicht mehr doppelt einreichen müssen. Die CDU will mit dem digitalen Bauamt Genehmigungsprozesse beschleunigen. Für Arbeitnehmer verlockend ist eine Idee der Steuerverwaltung: Sie soll für alle Steuerpflichtigen, für die alle notwendigen Steuerdaten vorliegen, einen Vorschlag für die Einkommensteuererklärung erstellen. Wenn die Steuerpflichtigen dieser nicht widersprechen, erhalten sie nach einer Frist von acht Wochen ihren Einkommensteuerbescheid.

Die FDP plädiert in ihrem Programm zur Landtagswahl für eine völlige Freigabe der Ladenöffnungszeiten. »Wer immer Dienstleistungen oder Waren anbieten möchte, darf frei entscheiden, ob und wann er das will.« Die AfD plant, die Umsatzsteuer auf Nahrungsmittel auszusetzen und den Grundfreibetrag bei der Einkommenssteuer auf 12.600 Euro zu erhöhen. Beides ist keine Ländersache. Sowohl Umsatzsteuer als auch Einkommensteuer regelt der Bund.