
Ein Slogan, mit dem Ritter-Sport seit Jahren wirbt, muss verschwinden. In vier Wochen darf der kleine Kasten oben links auf den quadratischen Tafeln des baden-württembergischen Schokoladenherstellers mit dem Hinweis „100% zertifiziert nachhaltiger Kakaobezug“ und einer stilisierten Kakaobohne nicht mehr auftauchen. Hintergrund ist die neue EU-Richtlinie „Empowering Consumers for the Green Transition“ (EmpCo), die am 27. September in Kraft tritt.
„Jede Aufmachung, die an ein Siegel erinnert und die eine Nachhaltigkeitsaussage enthält, ist nur zulässig, wenn eine staatliche Stelle sie prüft und freigibt“, erläutert der Ritter-Sport-Sprecher auf Anfrage der F.A.Z.: „In der bestehenden Optik kommt unsere Aussage einem Siegel gleich, und das wäre nicht mehr erlaubt.“ Die Richtlinie soll das sogenannte Greenwashing verhindern und unterbinden, dass Unternehmen bestimmte Umweltvorteile im Zusammenhang mit dem Kauf von Produkten suggerieren, die nicht vorhanden oder zumindest nicht ausreichend nachgewiesen sind.
„Hätten wir an unserer Aufmachung und dem bisherigen Logo festhalten wollen, hätten wir uns noch einmal extra zertifizieren lassen müssen, obwohl wir schon durch zwei Organisationen zertifiziert sind und sich an unseren Kakao-Bezug nichts geändert hat“, erläutert der Sprecher weiter mit Blick auf die beiden Programme „Rainforest Alliance Cocoa“ und „Fairtrade Cocoa Program“, die dem Unternehmen bescheinigten, dass der verwendete Kakao aus nachhaltigem Anbau stammt.
Nun erscheint „Ohne Einsatz von Aromen“
Künftig will Ritter-Sport die Informationen über den Kakao-Anbau und die Nachhaltigkeit auf der Rückseite in einem Text ausweisen. An die Stelle des Nachhaltigkeitslogos auf der Vorderseite soll dann der Hinweis „Ohne Einsatz von Aromen“ erscheinen.
Allerdings haben die heißen Tage in den vergangenen Wochen, die „nicht unbedingt Schokoladenzeit waren“, die Planungen für die Bestellungen der Verpackungsmaterialien ein wenig durcheinandergeworfen. Sprich: In den Sommermonaten ist weniger Schokolade genascht worden, sodass Ritter-Sport noch Verpackungsfolien mit den alten Druckmotiven übrig hatte, die das Unternehmen noch nutzen wollte. „Dadurch rutschen wir in den Zeitraum rein, in dem die neue Regel schon gilt, wenn die Tafeln in den Handel kommen“, sagt der Sprecher: „Wir wollten die teure Lebensmittelfolie einfach noch weiter nutzen.“
Ein Sticker für alle EU-Länder
Das Unternehmen lässt nun den Nachhaltigkeitshinweis auf der Vorderseite der mit alter Folie verpackten Tafeln mit einem Sticker mit der Aufschrift „100 g“ überkleben. „Wir haben uns für Sticker mit dem Gewicht entschieden, weil da keine Übersetzungen erforderlich sind, da geht das Stickern einfach, unabhängig davon, in welches EU-Land die Ware geht“, erläutert der Sprecher weiter. Auf diese Weise habe man auch vermieden, für die unterschiedlichen Textlängen in verschiedenen Sprachen die Aufkleber in verschiedenen Größen drucken zu müssen.
Die Klebeaktion fällt in die Phase des Umbruchs bei dem schwäbischen Traditionsunternehmen. Im Jahr 2025 ist der Schokoladenhersteller vor allem wegen gestiegener Rohstoff- und Kakaokosten in die roten Zahlen gerutscht. Bei einem um 17,7 Prozent auf 712 Millionen Euro gestiegenen Umsatz sei das Ergebnis negativ gewesen. Die Höhe des Verlustes nannte Ritter-Sport nicht. In der ersten Jahreshälfte hat Ritter-Sport ein Sanierungsprogramm umgesetzt und erstmals in der Unternehmensgeschichte Stellen abgebaut. Zudem verließ im Mai der langjährige Chef Andreas Ronken das Unternehmen, und die vierte Generation der Inhaberfamilie, Moritz Ritter und Tim Hoppe, übernahm die operative Verantwortung.
Ritter-Sport produziert am Stammsitz in Waldenbuch südlich von Stuttgart im Durchschnitt täglich drei Millionen Tafeln über alle Sortimente. Die Sticker kommen aber nur auf der klassischen 100-Gramm-Tafel zum Einsatz. Das Unternehmen schätzt die Zahl der Schokoladentafeln, die bis zu zehn Mitarbeiter händisch mit Stickern bekleben, auf eine mittlere zweistellige Millionenzahl. Je nach Sorte mussten bestimmte Geschmacksrichtungen mehr mit Aufklebern versehen werden als andere, je nachdem wie viel Folie für die einzelnen Sorten noch vorhanden war.
Die meisten Sticker haben offenbar die beliebtesten Sorten erhalten, zu denen seit Jahren dieselben Geschmacksrichtungen zählen: die Vollmilch-Schokolade in der blauen Verpackung, die Alpenmilch in der hellblauen Folie sowie die Voll-Nuss im braunen und die Nugat im dunkelblauen Einschlag. Nur eine Sorte habe sich zuletzt in die Spitzengruppe gearbeitet und sich dort auch etabliert: die Geschmacksrichtung Pistazie in einer hellgrünen Folie.
