Zu den Absonderlichkeiten der deutschen Sportgeschichte zählen zwei riesengroße Lücken. Jahrzehntelang wurde das vorhandene Filmmaterial vom WM-Finale 1954 so schlecht behandelt oder gar achtlos zerstört, dass bis zu einem Dachbodenfund 2003 nur 18 Filmminuten vom deutschen 3:2-Sieg gegen Ungarn vorlagen. Ein Großteil der Bilder fehlt heute noch, was – und das ist noch erstaunlicher – auch für das erste Tor der Bundesligageschichte gilt.
Timo Konietzkas 1:0 am ersten Spieltag nach Gründung der Bundesliga 1963 für Borussia Dortmund gegen Werder Bremen nach 35 Sekunden haben bislang nur die Augenzeugen zu sehen bekommen. Aus nicht näher bekannten Gründen liefen damals trotz der historischen Bedeutung, und obwohl Dortmund der Meister war, so früh im Spiel keine Kameras. Nun hat der BVB mit einem Sponsor eine aufwendige, von Künstlicher Intelligenz produzierte Filmimitation des Treffers herstellen lassen. Das Wetter, der Zustand des Rasens, die Architektur des Stadions, die Bewegungen der Spieler – all das wurde eingespeist.
Erinnerung, Fiktion und Realität treffen auf kommerzielle Interessen
Zwar machen Zeitzeugen unterschiedliche Angaben zum vorletzten Pass, einig ist man sich aber, dass Lothar Emmerich links außen einen Steilpass erlief und anschließend nach innen flankte, wo Konietzka aus ungefähr elf Metern ins Tor traf. So produzieren die Computer interessante Eindrücke, samt altmodisch klingendem Kommentar und Bildern von entsprechenden Zuschaueremotionen. Erinnerung, Fiktion und Realität treffen auf die kommerziellen Interessen des BVB-Partners, der sich hübsch in Szene setzen kann.
Wobei ein seltsames Gefühl bleibt, das nicht zuletzt die WM im Zeitalter des perfekt inszenierten TV-Sports begleitete: Ist die Realität des digitalen Medienfußballs mit all seinen Filtern, Großaufnahmen, Regieanweisungen, Superzeitlupen und Zerrbildern mittlerweile wirklicher als das, was Menschen vor Ort mit den eigenen Augen sehen? Dem Deutschen Fußballmuseum, in dem man es nun ansehen kann, ist das KI-Tor jedenfalls real genug.
