
Bevor das amerikanische Militär in der Nacht zum Montag erstmals seit Juli wieder Ziele in Iran bombardierte, schien es den Vereinigten Staaten gelungen zu sein, die Ölexporte durch die Straße von Hormus deutlich zu steigern. Das ist der Hintergrund, vor dem sich die jüngste Eskalation abspielt. Nach eigenen Angaben bombardierten die amerikanischen Streitkräfte zwei Raketenwerfer auf der Insel Larak, um Vorbereitungen der Revolutionsgarde zum Ausbringen neuer Seeminen zu unterbinden. Das für die Region zuständige U.S. Central Command sprach von „begrenzten, präzisen Maßnahmen“ zum Schutz der zivilen Schifffahrt.
Die Revolutionsgarde nannte den Angriff einen „Akt der Aggression“, bei dem zwei Personen getötet worden seien. Es werde den USA nicht gelingen, „Irans Kontrolle über die Straße von Hormus durch Aggression zu schwächen“. Zur Vergeltung flog Iran nach eigenen Angaben Angriffe auf Militärstützpunkte in Jordanien und in den Vereinigten Arabischen Emiraten, von denen aus das US-Militär operiere. In iranischen Staatsmedien wurde die Unmittelbarkeit der Vergeltung hervorgehoben, offenbar um die eigene Gefechtsbereitschaft zu unterstreichen. Der Sprecher der Revolutionsgarde, Hossein Mohebbi, nannte den US-Angriff einen „strategischen und fatalen Fehler der Trump-Regierung“ und kündigte neben militärischen auch wirtschaftliche Vergeltungsmaßnahmen an.
Mehr Durchfahrten mit ausgestelltem Transponder
Beobachter sehen eine erhöhte Eskalationsbereitschaft Irans, weil dem Regime offenbar zunehmend die Kontrolle über die Straße von Hormus zu entgleiten droht. Das tatsächliche Ausmaß der Durchfahrten durch die Meerenge ist schwer zu ermitteln, weil viele Schiffe, unterstützt vom US-Militär, ihre Transponder ausschalten. Analysten des Finanzinstituts Goldman Sachs äußerten vergangene Woche, dass die Ölexporte aus dem Persischen Golf inzwischen zwei Drittel des Vorkriegsniveaus erreicht hätten. Dazu hätten sowohl Alternativrouten als auch vermehrte Durchfahrten durch die Straße von Hormus beigetragen.
„Die Zunahme von heimlichen Durchfahrten durch spezialisierte Spediteure und von Schiffs-zu-Schiffs-Transfers zeigt, dass Produzenten und Spediteure sich an den Nahostkonflikt anpassen“, hieß es in der Analyse. Erleichtert wurden die Durchfahrten möglicherweise dadurch, dass die USA bei ihrer Angriffswelle auf Küstenstellungen im Süden Irans im Juli Radaranlagen und Überwachungstürme unter Beschuss genommen hatten, um Irans Kontrollfähigkeiten einzuschränken.
Der amerikanische Energieminister Chris Wright behauptete jüngst, dass täglich zwischen acht und zehn Millionen Barrel Öl die Seestraße passieren. Trackingdienste wie Tankertrackers bestätigten dagegen nur 4,1 Millionen Barrel pro Tag, was einem Fünftel des Vorkriegsniveaus entspräche. Die Schätzung von Goldman Sachs liegt nun aber nahe an den offiziellen Regierungsangaben.
Im Wettstreit der Narrative geht es auch um die Frage, ob die Seestraße noch vermint ist. Während Präsident Donald Trump vergangene Woche erklärte, das US-Militär habe in monatelangen Geheimoperationen alle verbliebenen Minen aus den internationalen Gewässern geräumt oder zur Detonation gebracht, behauptete die Revolutionsgarde am Montag, „ein abtrünniger Supertanker“, der versucht habe, die Straße von Hormus durch eine von Iran nicht genehmigte Route zu passieren, sei nach der Explosion zweier Seeminen in Brand geraten und gestoppt worden. Die US-Angaben zur Minenräumung bezogen sich auf die sogenannte mittlere Route zwischen Oman und Iran. Bislang hat das US-Militär Schiffe vornehmlich bei Durchfahrten über die südliche Route nahe der Küste zu Oman geschützt.
