Neugierig schnuppernd erkundet Flint den Auslauf vor dem Frankfurter Tierheim. Ungewohntes Terrain – es gibt viel zu entdecken. Tierpflegerin Giuliana Oliveri ruft ihn. Flint dreht sich um. Schon kommt er mit wackelnden Ohren und wedelndem Schwanz zurückgelaufen. „Super gemacht, Flint“, lobt sie ihn mit hoher Stimme. Aufgeregt läuft er zwischen den Menschen hin und her. So einen Trubel ist er gar nicht gewohnt. Der Hund legt sich vor Sabine Urbainsky. Die Leiterin des Tierheims fängt sofort an, seinen Bauch zu kraulen. „Er freut sich so sehr, wenn er mal Menschen um sich herum hat, die zu ihm kommen und ihn anfassen“, sagt sie. Denn Flint ist schon seit sechs Jahren im Tierheim und die meiste Zeit allein in seinem Zwinger. Dabei liebt er solche Streicheleinheiten.
Auch wenn Urbainsky die Hoffnung nicht aufgibt, die Aussicht, dass Flint ein neues Zuhause findet, ist gering, wie sie sagt. „Der arme Kerl ist eigentlich chancenlos.“ Denn auch wenn Flint nicht so aussieht, ist er ein sogenannter Listenhund. Das sind Hunde, deren Haltung an bestimmte Auflagen gebunden ist. Deshalb sind die Tiere schwer zu vermitteln.
Im Frankfurter Tierheim, das Sabine Urbainsky seit 18 Jahren leitet, leben von Fisch bis Chinchilla über 700 Tiere, darunter rund 150 Hunde. Knapp die Hälfte von ihnen sind Listenhunde. Hessen ist eines von elf Bundesländern, in denen eine solche Rassenliste existiert. Bei den betroffenen Rassen, die sich von Land zu Land unterscheiden, wird eine Gefährlichkeit pauschal per Verordnung vermutet. Für Urbainsky sind solche Listen „reine Willkür“. Viele der Listenhunde säßen nur aufgrund der Auflagen im Tierheim und nicht weil sie tatsächlich gefährlich seien, so auch Flint.

„Flint ist ja wirklich nur freundlich. Er mag jeden Hund und will immer allen hallo sagen. Mit ihm hatten wir noch nie ein Problem“, sagt Urbainsky. Dennoch könne sie die Anfragen für Flint über all die Jahre an einer Hand abzählen. Das Problem sei wohl sein Aussehen. Der Hund ist ein Mischling aus Staffordshire Bullterrier, einer Listenrasse, und Boxer. Für Boxer-Liebhaber sei er zu wenig Boxer, hinzu kämen die Auflagen. „Die Leute sagen, wenn ich schon so viel Geld zahlen muss, dann soll der Hund auch wie ein Staffordshire Bullterrier aussehen. Dieses Bild erfüllt Flint nicht. Deswegen sitzt er immer noch hier“, sagt die Tierheimleiterin, die sich selbst einen Staffordshire Bullterrier hält.
Hinzu komme sein Alter von mittlerweile neun Jahren. Häufig seien eher jüngere Hunde gefragt. Flint ist dabei bei Weitem kein Einzelfall. Die wenigsten der „Dauersitzer“ im Frankfurter Tierheim seien schwierige Hunde. Meistens stimme lediglich ihr Äußeres nicht mit dem überein, was gefragt sei.
Hundesteuer für Listenhund neunmal höher
Für die Haltung eines Listenhundes ist eine behördliche Erlaubnis erforderlich. Voraussetzung für diese sind ein Wesenstest des Hundes sowie ein Sachkundenachweis des Halters, der Nachweis einer Haftpflichtversicherung, die Kennzeichnung des Hundes mit einem Mikrochip und der Nachweis der Anmeldung zur Hundesteuer. Zudem bedarf es bei einer Mietwohnung der Erlaubnis des Vermieters. Das kostet mögliche Halter und Interessenten Geld und vor allem Zeit. In der Regel dauere es mehrere Monate, bis man alles zusammen habe, sagt Urbainsky.

Zudem kann eine erhöhte Hundesteuer hinzukommen. Da sie von den Kommunen erhoben wird, ist der Betrag von Stadt zu Stadt unterschiedlich. Während sie in Frankfurt mit 900 Euro für einen Listenhund rund neunmal höher ist als für einen anderen Hund, macht beispielsweise die Stadt Offenbach keinen Unterschied bei der Besteuerung von Listenhunden. Personen, die einen Listenhund ohne Erlaubnis halten, müssen damit rechnen, dass dieser von der Ordnungsbehörde der Stadt sichergestellt wird. Laut der Stadt Frankfurt erfolgen solche Kontrollen anlassbezogen, also zum Beispiel nach einem Hinweis von Nachbarn. In den vergangenen drei Jahren wurden in Frankfurt 89 Hunde in unerlaubter Haltung sichergestellt, davon 22 im vergangenen Jahr.
Hunde können lernen
Jeder Hund bringt seine eigene Geschichte mit – das merken Sabine Urbainsky und ihre Mitarbeiter jeden Tag. Viele Hunde haben bei ihren vorherigen Haltern Dinge erlebt, die die Vierbeiner prägen. So auch Pitbull-Mischling Tilmann, ebenfalls ein Listenhund. Als er ins Tierheim kam, war er sehr verunsichert „Er hatte vor allem Angst: vor seinem Bettchen, seiner Schüssel, vor der Leine. Wir wissen natürlich nicht genau, was passiert ist, dass Tilmann so fürchterlich verängstigt war, aber vermutlich war es nichts Gutes“, sagt Urbainsky. Ein junger Hund sollte vor solchen Gegenständen normalerweise keine Angst haben.
Heute merkt man Pitbull Tilmann seine Unsicherheit kaum noch an. Gemütlich schlendert der schwarz-weiße Hund über die Wiese, schnuppert umher und setzt sich nach einer kurzen Buddeleinheit neben Pflegerin Oliveri. Dann bekommt er seine Lieblingsleckerli – Streichwurst an Hundebrot. „Den haben sie wirklich toll wieder hinbekommen“, lobt die Tierheimleiterin ihre Mitarbeiter. Was dahintersteckt? „Viel, viel Geduld und Training.“ Die Chancen, dass Tilmann bald ein neues Zuhause findet, stünden besser als bei Flint. Zum einen sei er erst vier Jahre alt und zum anderen entspreche sein Aussehen, auch wenn er ebenfalls ein Mischling sei, mehr dem eines typischen Vertreters seiner Rasse.

Geduld und Training – das brauche jeder Hund. Aber daran hapere es häufig. Zeitmangel und Überforderung seien die häufigsten Gründe, warum Hunde im Tierheim landen. Bis zu zehn Abgabeanfragen für Hunde bekomme das Frankfurter Tierheim pro Woche. Zu oft seien die betroffenen Hunde schon verhaltensauffällig. Natürlich gibt es auch Welpen, die von Natur aus „kerniger“ sind, wie Urbainsky sagt. „Aber es ist wie beim Menschen. Kein Welpe wird bösartig geboren.“
Menschen können lernen
Die Überforderung beruhe dann häufig auf Gegenseitigkeit. Der Halter könne die Bedürfnisse des Hundes nicht erfüllen und umgekehrt. Ein menschengemachtes Problem ist für Urbainsky das Ideal „des zivilisierten Hundes“. Viele Halter wünschten sich einen Hund, der immer gerne spiele und sich immer gut mit allen anderen Hunden verstehe. Das entspreche aber nicht der Natur des Hundes. Oft würden den Tieren Sozialkontakte aufgezwungen, die sie gar nicht bräuchten. „Ich spreche immer gerne von Hundewiesengesellschaften. Alle Hunde treffen aufeinander, und wenn es dann kracht, ist das Heulen groß“, sagt sie. Zum Kennenlernen von Hund und Mensch gehöre auch die Arbeit mit Hundetrainern. Daher finanziere das Tierheim bei Vermittlung eines schwierigen Hundes auch bis zu fünf Trainerstunden im neuen Zuhause.

Häufig höre die Tierheimleiterin, dass man für schwierige oder „kernige“ Hunde am besten schon viel Hundeerfahrung bräuchte. Dabei seien Halter ohne Hundeerfahrung sogar häufig die lernfreudigsten. „Wir haben teilweise festgestellt, dass es viel einfacher ist, mit Menschen zu arbeiten, die überhaupt keine Hundeerfahrung haben, weil die ein unbeschriebenes Blatt sind“, sagt Urbainsky. Diese brächten die nötige Zeit und den Willen mit, sich auf ihren neuen vierbeinigen Lebenspartner einzustellen. „Wir haben schon einen Terrier vermittelt, der recht knackig war, an einen blutigen Anfänger. Und das klappt super, weil die Person mit uns zusammenarbeitet.“
Ministerium: Liste wird immer wieder angepasst
Das hessische Innenministerium schreibt, dass es in der Natur der Sache liege, dass jede Regelung Vor- und Nachteile mit sich bringe. Auf der einen Seite nähmen pauschale Listen generelle Einordnungen vor, die im Einzelfall nicht zutreffen müssten. Auf der anderen Seite sorge diese Pauschalität für ein hohes Maß an Sicherheit und Verlässlichkeit, für Behörden wie Besitzer.
Zudem sei die hessische Rassenliste kein starres Instrument. Wenn bei einer Rasse in einem Beobachtungszeitraum von vier Jahren keine Beißvorfälle verzeichnet werden und die Durchfallquote beim Wesenstest bei weniger als drei Prozent liege, werde die Rasse von der Liste gestrichen. Die Auswahl der Rassen erfolge somit nicht auf Basis von Willkür, sondern nachvollziehbaren und überprüfbaren Kriterien.
Sabine Urbainsky fehlt bei dieser Regelung aber der Blick für den individuellen Hund. Zudem sorge die Verordnung dafür, dass Halter lediglich auf andere Rassen wie den Belgischen Schäferhund auswichen. „Das kann in den falschen Händen ein kerniger Hund sein.“ Dass sie eine pauschale Rassenliste ablehne, heißt aber nicht, dass es keine Regelung geben sollte: „Man kann vor verhaltensauffälligen Hunden nicht die Augen verschließen und nach einem Beißvorfall sagen, der arme Hund, der konnte ja nichts dafür. Natürlich braucht es eine Regel. Eine Regel, die alle Hunde gleichbehandelt.“ Nach einem Vorfall müsse selbstverständlich die jeweilige Haltung überprüft und der Hund notfalls, wenn der Halter uneinsichtig sei, sichergestellt werden. So könne der Hund in ein Tierheim verbracht, trainiert und an geeignete Halter vermittelt werden.
