In ihrem aktuellen Film „Vaterland“ setzt sich Sandra Hüller wieder mit deutscher Geschichte und der Frage der Schuld auseinander. Als das Drama des polnischen Regisseurs Paweł Pawlikowski im Mai in Cannes mit dem Preis für die beste Regie ausgezeichnet wurde, sagte die Schauspielerin über ihre Arbeit an dem historischen Stoff: „Ich fühle mich jeden Tag schuldig.“
In „Vaterland“, der diese Woche in den deutschen Kinos anläuft, sieht man sie als Erika Mann gemeinsam mit deren Vater Thomas Mann bei dessen erstem Besuch in der zerstörten Heimat nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Vater und Tochter fahren von Frankfurt in die sowjetische Besatzungszone nach Weimar. Die Häuser liegen in Trümmern, die Kunst lebt noch, aber auch die Ideen der Nazis leben weiter.
Sie lässt lieber ihre Arbeit für sich sprechen
Hüller geht es nicht nur in der Kunst um das Lernen aus der Vergangenheit. Vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt unterstützt sie eine Kampagne, die sich gegen die Aussicht auf eine absolute Mehrheit der AfD engagiert. Solche politischen Bekenntnisse setzt die Schauspielerin sehr sparsam ein, sie lässt lieber ihre Arbeit für sich sprechen.

Und die zeigt gerade in diesem Jahr Hüllers differenzierten Zugang zur Welt. Gleich viermal ist sie im Kino zu sehen. Vor „Vaterland“ liefen bereits das Historiendrama „Rose“ über eine Frau, die sich im Dreißigjährigen Krieg als Soldat verkleidet, und der Hollywood-Blockbuster „Der Astronaut“, in dem sie Ryan Gosling zur Rettung der Erde ins All schickt. Im Herbst wird sie an der Seite von Tom Cruise in Alejandro Iñárritus Satire „Digger“ zu sehen sein. Die Fülle dieser Rollen zeugt nicht nur von Hüllers Können, sondern auch von ihrer Disziplin.
Als die Schauspielerin vor zwei Jahren für das französische Krimidrama „Anatomie eines Falls“ die Oscar-Nominierung als beste Hauptdarstellerin erhielt, nahm sie die damit verbundene Werbetour mit der Gelassenheit einer Ausdauerläuferin hin, meisterte Auftritte in US-Talkshows souverän und den Gang über den roten Teppich elegant – in extravaganten Kleidern, wie sie sich zuletzt Katharine Hepburn traute.
Die 1978 in Thüringen geborene Hüller weiß den Moment zu nutzen. Und bleibt dabei entspannt, denn eine erfolgreiche Karriere hatte sie bereits, bevor Hollywood anrief. Nach der Ausbildung an der renommierten Berliner Schauspielschule Ernst Busch etablierte sie sich als Bühnendarstellerin. Daneben arbeitete sie in Hörspielen und nahm ein eigenes Musikalbum auf. Voriges Jahr inszenierte sie in Halle ihr Regiedebüt „Penthesile:a:s“, eine Überarbeitung des Kleist-Dramas, die eine Utopie jenseits von Krieg und starren Geschlechterrollen erzählt. Wer so gegenwartsoffene, weltzugewandte Arbeit leistet, weiß, wie wichtig Kunstfreiheit in einer menschenwürdigen Gesellschaft ist.
