Schon eine Weile war kein Sehnsuchtsroman mehr zu lesen, der in grausamer Ruhe eines der großen Lebensthemen behandelte, die Suche nach der Liebe und zugleich die wachsende Unmöglichkeit, diese in unserer Gegenwart zu finden. Es sind ja immer mehr junge Menschen ungewollt Single, zuletzt hat das eine Befragung von Achtzehn- bis Neunundzwanzigjährigen für Studien in Deutschland und Großbritannien gezeigt. 52 Prozent hatten keine feste Partnerschaft, viele litten darunter. In Amerika hat sich der Anteil der Singles zwischen 25 und 34 Jahren in den letzten fünfzig Jahren verdoppelt.

Das klingt recht technisch. Der jetzt für den Deutschen Buchpreis nominierte Roman „Anti Müller“ von Yade Yasemin Önder ist es nicht, im Gegenteil, er ist laut und wütend und voller innerer Monologe. Man muss sich allerdings darauf einlassen, denn die Handlung spielt sich in Berlin ab, dem Standard-Schauplatz für die mühsame Suche nach gesunden Beziehungen. Da lernt die namenlose Protagonistin beim Onlinedating im Winter einen Typen mit langem Mantel kennen, der sie kurz darauf zum Dinner mit Freunden einlädt, wo es dann ausgewählte Häppchen gibt.
Wenn diese junge Frau, die noch ihrem Ex nachtrauert (der gerade in die Altbauwohnung gezogen ist, die sie mit ihm bewohnen wollte), die wirklich exzeptionell verlassen ist, James-Salter-artig in die Welt geschmissen, dann kurz darauf in Depression versinkt, klingt das so: „Mein Körper, mein Geist, meine Seele, alles erinnert sich plötzlich wieder an alles. Und mit diesem Gewicht saust es sich hervorragend bergab. Im Tal angekommen, bleibe ich liegen. Warte auf einen sogenannten Gedanken. (…) Möwen krächzen, Magen knurrt, und es wird Mai.“ Wobei genau dann der Neue auf den Plan tritt, dieser Andi Müller, der dem Roman den schönen, scharfsinnigen Titel gibt.
Partnersuche dient nicht nur Genussmaximierung
So gehen die Geschichten. Sei geduldig, sei beharrlich, einer erkennt dich dann doch. Irgendein Andi Müller, hier in der Gestalt eines gutaussehenden, mäßig erfolgreichen, pseudofeministischen Schauspielers, der schon ein Kind hat und von dessen Mutter getrennt lebt, wird dich erretten. Es wird sich die Mühe machen, weil nicht jede Nacht gleich viel wert ist und das Kennenlernen potentieller Partner(innen) nicht bloß Genussmaximierung.
Aber es geht natürlich schief. Und die Protagonistin beginnt zu kämpfen, auf zornige, verzweifelte Art. Bei ihr ist der Wunsch nach Familie ein existenzieller, sie hat keine mehr, hat außerdem kaum Geld, ist mit 36 schon diagnostiziert vermindert fruchtbar. Ihr Drang nach Geborgenheit ist überlebenswichtig, aber keiner merkt es.
Zum Thema Mutterschaft gab es auch schon genug zu lesen in den letzten Jahren, zu den Fragen, die im Inneren wohnen und scheinbar frei im Kopf herumwandern: Will ich, kann ich frei sein, braucht es dieses Kind, was wird aus seiner Zukunft? „Glück“ von Jackie Thomae war so ein Roman, unterhaltsam, aber an keiner Stelle überraschend. Man darf deshalb doppelt misstrauisch sein bei „Anti Müller“. Und dann wiederum fehlen literarische Beispiele für die Mächte, die im Spiel sind, es zu verhindern, wenn eine, die ein Kind will und es biologisch haben könnte, keines bekommt, für die Unerbittlichkeit der davonlaufenden Zeit, die Verzweiflung angesichts der Ohnmacht, den ewigen Kampf um das bessere Leben.
Hier kommen Kindersehnsucht und Romanabfassung zusammen
Es gibt an dieser Stelle, bei der Kindersehnsucht, gewisse Überschneidungen mit dem Ausbrüten eines Romans, all den Widrigkeiten, den selbst auferlegten Grenzen. Da ist die tiefe Einsamkeit mit den eigenen Gedanken, weil man ja bei allem Planen in Gesellschaft die Sache am Ende doch allein durchziehen muss. Die Frage nach dem Umfeld, der Reaktion, dem, was nach dem Erscheinen geschieht. Die völlige Unwägbarkeit.
In „Anti Müller“ kommen diese beiden Sphären zusammen. Dass diese Erzählerin Schriftstellerin ist, macht alles noch schlimmer, und die Tatsache, dass es sich auch bei dem skrupellosen Exfreund um einen Schriftsteller handelt, sogar einen erfolgreichen, ist die Krönung der Grausamkeit. Beispiel: „Das Wochenende in Athen, aus dem er eine schnelle Novelle gemacht hat.“
Von Beginn an ist einem das gesamte Figurenensemble von „Anti Müller“ so unsympathisch, dass man sich wirklich fragt, ob ein Leben in der Provinz viel trister sein kann als so ein Alltag in Berlin. Es passieren so furchtbare Dinge in dieser völlig normalen, bis auf die Abwesenheit von echten Sozialkontakten privilegierten Welt, dass man nur noch davonlaufen will.
Die Sprache rettet uns aus der Verzweiflung über das hauptstädtische Elend
Die Erzählerin reflektiert all das die ganze Zeit selbst und schafft es doch nicht, zu entkommen. Das ist Teil des Deals von „Anti Müller“, man muss sie begleiten, diese aufbrausende, sensible, junge Frau, die um ihren Eierstock Angst hat und nachts im Regen vor der Wohnung ihres Geliebten steht – aus Sehnsucht und aus Panik. „Wir wissen, wir könnten, und fallen synchron“ hieß 2022 Önders Debütroman. Vier Jahre später geht es so was von sturzbachartig bergab, dass die Frage von Andi Müller nach einjähriger Bekanntschaft, wie die Erzählerin darauf käme, dass die beiden ein Paar seien, noch weit vom Tiefpunkt entfernt ist.
Erträglich wird alles bloß dank Önders sprachlicher Geschmeidigkeit, der spielerischen Erzählform: „Erschossen wird die, die abgehalfterte Sätze verfasst, abgegriffene Bilder benutzt“, so hat es sich die Erzählerin auferlegt. Niemand muss erschossen werden. Für die Protagonistin geht es nicht viel besser aus. Aber für die Literatur sehr gut.
Yade Yasemin Önder: „Anti Müller“. Roman.
Park/Ullstein Verlag, Berlin 2026. 240 S., geb., 23,– €.
