Den heimarbeitenden verarmten Webern in Schlesien „reicht es nun wirklich“, also erheben sie sich 1844 gegen die Ausbeutung durch Fabrikanten wie Ernst Friedrich Zwanziger; Sigmund Freud ist „starr vor Angst“, denn im März 1938 steht die Geheime Staatspolizei in seiner Wiener Wohnung; der Zweite Weltkrieg beginnt im September 1939 mit „einer infamen Räuberpistole“, dem fingierten Überfall auf den Radiosender Gleiwitz nahe der polnischen Grenze. Das sind lässige Formulierungen für einschneidende Ereignisse, steile Einstiege, die in der „Deutschen Geschichte“ von Gunilla Budde den Zugang zum historischen Wissen erleichtern wollen.
Man muss sich daran nicht stören. Sie signalisieren aber ein didaktisch-erzählerisches Konzept, folgen einer mittlerweile eingeübten Praxis der Medialisierung von Geschichtsschreibung, der Anlehnung an dramaturgische Kniffe, die etwa in einschlägigen TV-Doku-Reihen gang und gäbe geworden sind: Personalisierung und Emotionalisierung als Türöffner beim anvisierten Publikum, in diesem Fall vor allem bei älteren Jugendlichen und jungen Erwachsenen.
Auf mehr als 400 Seiten schlägt der Band einen Bogen von den Germanen bis zu den Krisen und Kriegen der unmittelbaren Gegenwart, der Text spart nicht mit Details, die Seiten sind eng bedruckt, zusammen mit den Illustrationen, die sich meist an bekannten Motiven orientieren, verlangt das Buch durchaus nach einer gewissen Anstrengung. Als opulentes Lesebuch, als Gratwanderung zwischen Information und zugänglicher Darstellung, soll der Band eine Antwort auf die aktuelle Diagnose vom mangelnden Geschichtswissen junger Menschen geben.
Und was ist mit den großen Entwicklungslinien?
Aber auch gut 400 Seiten für 2000 Jahre verlangen nach straffer Auswahl, heißt es im Vorwort von Gunilla Budde, die in Oldenburg Deutsche und Europäische Geschichte lehrt und als Jurorin für den Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten tätig ist – und darin steckt das Problem. Der entspannte Duktus kann nicht verbergen, dass die Anknüpfungspunkte, an denen sich diese „Deutsche Geschichte“ orientiert, überraschend konventionell gewählt sind. Von der Schlacht im Teutoburger Wald bis zur Reformation und auch noch darüber hinaus stehen vor allem die Taten von Herrschern und vergleichbar herausragenden Gestalten – es sind meist Männer – im Mittelpunkt, und das mit der Begründung, dass die Quellen nur wenig zu anderen Facetten der Geschichte hergäben. Damit bleiben beispielsweise die Ergebnisse jahrzehntelanger Forschungen zu Sozial-, Alltags- und Strukturgeschichte außen vor, während zugleich Rangeleien um die Macht zwischen Königen, Kaisern, Fürstenhäusern und Kirche mit einem Verweis auf „Games of Thrones“ eingeebnet werden.

Es herrscht ein Ungleichgewicht bei der Akzentuierung der Themen in diesem Buch. Mal wird etwa Kaiser Friedrich II. ausführlich als kunstsinniger und naturkundiger Herrscher beschrieben, auf einer Doppelseite wird auch das Lehnswesen eingehend umrissen. Langfristige Entwicklungen jedoch, etwa der Aufstieg vieler Städte oder bürgerlicher Schichten zu Akteuren im politischen Geschehen, werden nicht ähnlich klar herausgearbeitet. Einzelnes dazu wird zwar immer wieder angesprochen, sei es im Zusammenhang mit dem Schicksal der Juden im Hochmittelalter, mit der Finanzierung der Herrschaft Karls V. durch die Augsburger Kaufmannsfamilie Fugger oder durch die Rolle der Stadt Wittenberg für das Wirken Martin Luthers – aber solche Verweise bleiben punktuell, stiften keinen Zusammenhang über die jeweils einzelnen Ereignisse hinaus.
Das zugrunde liegende Prinzip des Buches bis in die unmittelbare Gegenwart, bis zur Corona-Epidemie und zu den Auswirkungen der Kriege in der Ukraine oder in Gaza, bleibt eine chronologische, oft sprunghaft inszenierte Reihung. Punkt für Punkt wird abgehakt, was schon immer in Lehr- und Schulbüchern als wesentlich herausgestellt worden ist oder die Schlagzeilen der vergangenen Jahre dominiert hat, die Themen werden zudem oft eng geführt, globale Zusammenhänge, die umso einflussreicher werden, je näher die Darstellung der Gegenwart rückt, werden oft nur knapp angerissen.
Schwer nachvollziehbar ist das vor allem dann, wenn Themen verschenkt werden, die eine historische Darstellung gegenwärtig gerade für junge Menschen brisant erscheinen lassen könnten: Seien es die Fragen einer problematisch gewordenen Erinnerungskultur zur Geschichte und zum Nachwirken des Dritten Reiches, sei es die Hilflosigkeit der Umweltpolitik, die nicht mit ein paar Sätzen über Aufstieg und Fall von Fridays for Future abgetan sein sollte, seien es die Umwälzungen durch die Digitalisierung, die für junge Menschen und die Ordnung ihres Wissens, also für das Zielpublikum des Buches, weit mehr bedeuten als bloß grassierende Angst vor Bedrohungen durch die KI.
Gunilla Buddes Abriss der deutschen Geschichte steckt voll gutgemeinter Absichten und Appelle: Wissen um die Vergangenheit könne eine Ahnung davon vermitteln, was alles „kommen könnte“, und könne auch davor schützen, Fehler zu wiederholen, weil Geschichte nicht „einfach passiert“, sondern „von uns allen“ gemacht wird. Was dem Buch jedoch fehlt, ist die Auseinandersetzung mit der Frage, ob eine so konventionelle, letztlich staatstragende Chronik diesen Zielen heute noch dienlich ist. Diese mangelnde Bereitschaft, ausgetretene Wege auch einmal zu verlassen, kann mit flockigen Formulierungen allein nicht überspielt werden.
Gunilla Budde: „Die deutsche Geschichte“. Mit Illustrationen von Greta von Richthofen. Verlag C. H. Beck, München 2026. 448 S., geb., 29,90 €. Ab 12 J.
