„Ich bin geworden. Ich bin verantwortlich geworden. Ich bin schuldig geworden.“ Drei Sätze, ein Menschenleben. Oder: ein Bürgerleben? Gäbe es keine Personalausweise, keine Religion, keine Schule, was würde ein Mensch dann? Nie schuldig? Der archaische Brudermord im Unterholz, mit einem Stein, spricht das Gegenteil. Der reglose Körper liegt als Anklage im Laub. Bis ein Wesen vorbeikommt, hochgewachsen, in einer ausladenden blauglitzernden Robe, ein Cherub, Gott, eine Zauberin? Ein Wesen jedenfalls, das Tod ungeschehen machen und verschlossene Türen öffnen kann. Womöglich auch den Stand der Unschuld wiederherstellen kann. Aber nicht für jeden.
Das blauglitzernde Wesen hat Regisseur Michael Weber nun ebenso als Kunstgriff in die Frankfurter Naxoshalle geschleust wie ein anderes Wesen, das in Peter Handkes frühem Sprechstück „Selbstbezichtigung“ nicht vorgesehen ist: ein Kind. Zu Beginn, einen piepsenden Vogel in der Hand, ist es eins mit sich und der Natur. Am Ende tritt es, wie die Erwachsenen schwarzweiß gekleidet, wieder auf, es befremdet, wenn es sagt „Ich bin schon mit der Erbsünde behaftet auf die Welt gekommen“ und klingt dabei ein bisschen wie einst David Bennent als Oskar Matzerath in Volker Schlöndorffs Film „Die Blechtrommel“.

„Bin im Wald, kann sein, dass ich mich verspäte“ hieß vor zehn Jahren ein Dokumentarfilm über Peter Handke, und es mag sein, dass Weber die Anregung für sein Bühnenbild in der industrieromantischen Naxoshalle aus diesem Satz gezogen hat: Eine vertrocknete Waldlandschaft mit Ästen, Baumstümpfen zieht sich als schmaler Weg über die Länge der Halle. Es wird eine Menge Laub, Staub und Dreck aufgewirbelt, wenn Weber, der ein akribischer Leser ist und ein Regisseur, der das große Bild liebt, Handkes Text aus der Reihe der frühen Sprechstücke befragt. Die „Selbstbezichtigung“ untersucht die Menschwerdung, oder eher die Subjekt-Werdung, durch Sprache mit den Mitteln der Sprache. Die titelgebende „Selbstbezichtigung“ ist darin nur ein Teil, sie kann erst einsetzen, wenn, über klare sprachphilosophische Schritte, das Werden des Menschen, sein zur Sprache und in die Welt kommen, gesprochen worden ist.
Sorgfältig gespielt, ist „Selbstbezichtigung“ ein Ereignis
Das klingt zunächst extrem sperrig und ist, mit liebender Sorgfalt gespielt, ein Ereignis. Seit Jahren belegt das die Ausnahmeschauspielerin Stefanie Reinsperger, die den Text als intensives Solo in der Regie von Dušan David Pařízek spielt. Die im selben Jahr 1966 entstandene „Publikumsbeschimpfung“ allerdings ist ungleich bekannter, ist geflügeltes Wort geworden. Anlässlich ihrer Uraufführung vor 60 Jahren am Frankfurter Theater am Turm ist sie in der vergangenen Spielzeit auch am Schauspiel Frankfurt, in der Regie von Claudia Bauer, neu interpretiert worden, als Hommage an das Theater.
Eine solche gibt es nun im Theater Willy Praml auch – aber anders. Sie steht im Dienst des Textes, der dem Publikum, links und rechts von der schmalen Spielfläche aufgereiht, zu denken mitgibt. Verblüffend Aktuelles, denn die Frage, wie das Individuum sich verhält, zur Welt, zu anderen Individuen, wird im Lauf der Sprachwellen immer drängender. Und bei allem, was daran ins Komische kippt in dieser detaillierten Selbstbezichtigung des moralischen, intellektuellen, politischen Versagens oder Widerstands: Man beginnt beinahe unwillkürlich, die aufgezählten Normen und Konflikte, auch die Banalitäten, auf sich selber zu wenden.
Überdies haben Weber und sein Ensemble Handke auf der Folie eines anderen Sprachdenkers gelesen: Heinrich von Kleists Erzählung „Über das Marionettentheater“ (1810) kommt zwar nur im Programmheft zu Wort, aber sie ist zu sehen, denn ein „Gliedermann“ wie bei Kleist wird immer wieder zum Spielpartner der erwachsenen Darsteller. Es ist eine Pinocchio-Figur, also jene Figur, die zum Menschenkind wird, Fehler macht und schuldig wird, bis das glückliche Ende naht.
Für Kleist gibt es nur zwei Möglichkeiten, die Last des Bewusstseins abzuschütteln, keines zu haben wie die Puppe oder wieder in das glückliche Stadium der Unschuld zurückzukehren, wieder vom Baum der Erkenntnis essen. Am Ende mampft das Ensemble Äpfel. Dass auch das nichts nützt, ist nur eine der tragikomischen Pointen, die in den straffen 90 Minuten zünden. Das hat viel damit zu tun, dass Weber, begleitet von der treibenden Titelmelodie der italienischen Realverfilmung von „Pinocchio“, der von Fiorenzo Carpi komponierten „Birichinata“, seine Spielerinnen und Spieler ganz persönlich werden lässt. Da ist Anna Staab, die mit einer leichten Verschiebung aus der „Aneinanderreihung“ eine „Anna-nanderreihung“ macht und in einer herzzerreißenden Szene in inniger Umarmung mit ihrer großartig spielenden kleinen Tochter Elin spricht. Da ist Jakob Gail, dessen vergebliche Mühen, die verschlossene Tür einzurennen, in die Überbetonung des tatsächlich erstaunlich oft vorkommenden Wortes „zu“ mündet, da ist Muawia Harb, das aus Syrien geflohene Ensemblemitglied, dem passgenau die Sätze des Spracherwerbs und der Grenzübertritte zugeschlagen werden. Da ist Birgit Heuser, die sich in eine rasende Wut nur der Stimme steigert, den Körper unterdessen fast reglos lassend. Irgendwann beginnt das Rätsel-Wesen Eleonora Gobena Wolf zu sprechen, ein irritierender Bruch, der bald wieder aufgehoben wird.
In Handkes Regieanweisung werden zwei Stimmen verlangt, und „der Vorhang wird nicht betätigt“. In Michael Webers Inszenierung wird der Vorhang betätigt. Und wie. Aus dem schwarzen Theatervorhang treten, krabbeln, winden sich fünf Personen hervor, einer reißt ihn gegen Ende in wildem Lachen herunter – und schließlich verschwinden sie, einer um den anderen, in den schwarzen Falten. Das Theater nimmt sie auf. Die Tür auf der gegenüberliegenden Seite aber bleibt verschlossen, die längste Zeit. Offen steht sie nur: dem Kind und dem Wesen. Eine schöne letzte Pointe.
