Endlich Wolken und Regen: An Tag zwei der wichtigsten skandinavischen Messe für zeitgenössische Kunst ist der Umschwung Richtung Herbst für die Aussteller eine willkommene Erleichterung. Die Eröffnung in den lichtdurchfluteten Sälen der Kunsthalle Charlottenborg – einem früheren Schloss, das heute die Königliche Dänische Kunstakademie beherbergt – wurde noch bei gleißendem Sonnenschein mit mediterranen Hochsommergefühlen gefeiert. Auch in Dänemark war der August zu warm. Gleichwohl ist die Stadt noch voller Touristen aus Spanien oder Frankreich, die neben der nordischen Lebensart wohl Abkühlung suchten – und den Ausblick auf frisches Grün.
Einladung zum Innehalten im Tivoli-Park
Den können Kunstbegeisterte dieses Jahr außerdem wieder im historischen Tivoli-Vergnügungspark genießen, der mindestens so berühmt für seine Achterbahnen, Karusselle und Lakritzstände ist wie für die bis Ende September vor Blütenschmuck strotzenden Gartenanlagen. Seit vier Jahren zeigt die CHART während der Messe und darüber hinaus im Park eine Auswahl skulpturaler Werke. Bislang waren es großformatige Arbeiten, die jedes Messekojenformat sprengen würden und mit Aplomb auf dem gesamten Gelände verteilt wurden. Nun ist das Konzept deutlich bescheidener: Die meisten der zwölf auf das Blumenparterre begrenzten Beiträge ragen kaum über die Vegetation hinaus.

Das entspricht dem Trend zum kleineren Format in Zeiten, in denen Menschen wenig optimistisch in die Zukunft schauen und ihr Geld auch beim Kunstkauf eher zusammenhalten. Die Messedirektorin Julie Quottrup Silbermann sagt im Gespräch, das neue Format solle zur besinnlicheren, konzentrierten Betrachtung einladen, wie die Messe überhaupt zu einem gemeinschaftlichen Innehalten als Ausgleich zum allgemeinen Hetzen durch einen digital fragmentierten öffentlichen Raum einladen wolle. „Shared Realities“, gemeinsame Wirklichkeiten, heißt das Motto.
Hintersinnige Arbeiten mit naturnahen Sujets – überhaupt eine Stärke nordischer Gegenwartskunst – machen sich in dem nun überschaubaren Tivoli-Kunstbiotop am besten: etwa eine kleine Herde kopflos weidender schwarzer Schafe, die der Schwede Ulf Jevin (Galerie Arnstedt, Östra Karup) in einem Beet arrangiert hat, oder eine Marmorbüste der Wettergöttin Asiaq aus der grönländischen Mythologie. Der aus Nuuk stammende Künstler Martin Brandt Hansen (Galerie Andersen’s Contemporary, Kopenhagen) lässt ihre Gesichtszüge in Stein zerfließen wie ein Wolkenbild im Wind; vielleicht ein Antlitz des Klimawandels.

Auch auf der Messe ist die frühere dänische Kolonie Grönland stark vertreten. Am Stand der in Kopenhagen beheimateten Wilson Saplana Gallery hängt ein großformatiger Fotodruck in Schwarz-Weiß von Inuuteq Storch, der Dänemark schon auf einer Venedig-Biennale vertreten hat. Als die US-amerikanische Rhetorik der Begehrlichkeiten bezüglich der Insel im vergangenen Jahr immer schärfer wurde, erzählt die Galeristin Christina Wilson, habe der Fotograf sich vor Interviewanfragen kaum retten können. Inzwischen sei mehr Ruhe eingekehrt und trete die Kunst wieder in den Vordergrund: auf der CHART ein erhabenes Panorama schneebedeckter Berge, von denen junge Männer als winzige dunkle Figuren über Eisschollen springen.
Die Preise in Christina Wilsons Koje, die wie alle auf der Boutiquemesse offen und weitgehend hierarchiefrei in die der Mitstreiter übergeht, bewegen sich zwischen 2500 und 44.000 Euro. Das ist typisch für die CHART. Besonders günstig sind Werke in der Sektion für junge Sammler und im Bereich „Please Notice“ aufstrebender Galerien.
Geben ist, aufs Ganze gesehen, wichtiger als Einnehmen
Den Einstieg leicht machen, ohne Kompromisse bei der Qualität einzugehen: Das war von Beginn an ein Anliegen der Messe, deren Aussteller auf Einladung nominiert werden, dezidiert nur aus Skandinavien oder mit einer persönlichen Verbindung in ein nordisches Land. Gegründet 2013 von fünf Galerien in der Stadt, gehört die CHART inzwischen einer nicht gewinnorientierten Stiftung. Geben ist für sie also aufs Ganze gesehen wichtiger als Einnehmen. Entsprechend trägt die Messe zur landestypischen Demokratisierung der Kultur mit ihrem Rahmenprogramm bei: Kunst in der Metro, frei zugängliche Vorträge und Videokunstvorführungen, Performances und Konzerte sowie eine Großinstallation im Innenhof von Charlottenborg.

Für die 37 teilnehmenden Galerien – mehr wären in der Kunsthalle kaum unterzubringen – steht neben dem individuellen Geschäft der Gemeinschaftsgedanke im Vordergrund. Es geht familiär zu, wie bei einem Sippentreffen. „Wir verstehen uns mehr als Kollegen denn als Konkurrenten“, sagt Bo Bjerggaard, einer der Gründer der Messe. Gemeinsam seien die nordischen Galeristen stärker und könnten sich klar profilieren. Kontinuität und Loyalität seien dabei wichtige Werte. Die Werke an seinem Stand – darunter ein Gemälde für knapp 91.000 Euro von Tal R – widmen sich spielerisch dem Bett als Sujet.
Etablierte Größen, frei von einer thematischen Klammer, präsentiert die Kopenhagener Galeristin Susanne Ottesen, gleichfalls eine Mitbegründerin. Vor den mannshohen Aquarellen mit exquisiten Naturabstraktionen von Kehnet Nielsen formieren sich sieben auf Augenhöhe montierte Köpfe aus poliertem Glas wie zu einem stummen Gespräch. Der 79 Jahre alte dänische Bildhauer Bjørn Nørgaard beweist mit ihnen einmal mehr, wie mühelos er seine schöpferische Energie immer neue Formen annehmen lassen kann. Die geisterhaft irisierenden, abstrahierten Porträts evozieren verlorene Weggefährten: „7 Frères d’Outre-Tombe“.
Anders als bei anderen Messen dominiert auf der CHART nicht die Malerei, sondern eine Vielfalt der Gattungen. Dorothée Nilsson hat aus Berlin eine Fotoserie ausgebrannter Blitzlampen von Marike Schuurman mitgebracht; die Kopenhagener V1 Gallery offeriert Tattoo-Motive nach Seemannsart als schräge Keramiken von Rose Eken, und Berg Contemporary aus Reykjavík technoide Plexiglasarbeiten der jungen Þórdís Erla Zoëga. Auf der Chart steht all das egalitär nebeneinander oder eher zusammen und gibt sich gegenseitig Halt. Das macht die Stärke dieser Messe aus.
CHART Art Fair, Charlottenborg, Kopenhagen bis 30. August, Eintritt rund 12 Euro.
Parallel findet die ENTER Art Fair statt, Lokomotivværkstedet, Kopenhagen, bis 30. August, Eintritt rund 30 Euro.
