Dass Valeria Gordeev an diesem Roman saß, war seit Ende Juni 2023 allgemein bekannt, als sie mit einem Auszug daraus beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt antrat – und bei seltener Einmütigkeit der Jury gewann. „Er putzt“ hieß dieser Text, eine grandiose Tour de Force durch das Innenleben eines jungen Mannes, der an Schwester und Mutter verzweifelt, weil sie nicht dieselben peniblen Maßstäbe an häusliche Reinlichkeit anlegen. Das Buch, in der er nun Eingang gefunden hat – und zwar sehr spät in dessen Handlungsverlauf, im letzten Sechstel von mehr als sechshundert Seiten –, trägt einen weitaus umständlicheren Titel: „Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle“. Und darin spielt der Reinlichkeitsfimmel des Mannes, den wir nun als Konstantin Molot kennenlernen, nur noch eine Nebenrolle.

Gordeev betreibt ein souveränes Verwirrspiel: Ihr Buchtitel verweist auf Metamorphose und entstammt der Entomologie, aber viel wichtiger für die Handlung ist die Mykologie, also Pilzkunde. Konstantins Mutter Nadja, ukrainischer Abstammung, arbeitet für die telefonische Pilzberatung einer deutschen „Mykologischen Gesellschaft“, und ihre drei im Roman wiedergegebenen Gespräche (darunter eines mit ihrer Tochter Lada) sind köstliche Seitenlinien, die aber für die Haupthandlung wenig Relevanz zu haben scheinen. Wie auch der erst gegen Ende in ebenfalls drei Abschnitten eingestreute Reisebericht eines bolivianischen Stigma-Experten, der dringend nach Moskau gerufen wird. Oder die Passagen zur Gefolgschaft eines gerade in Russland festgenommenen Sektenführers. All diese Erzählstränge laufen aufeinander zu, aber bevor sie zu einem einzigen Tau werden, ist das Buch aus. Wenn es ein Vorbild für Tonfall und literarische Strategie von Gordeev gibt, dann ist es David Foster Wallace. Und für einen deutschen Kühlschrank in Moskau die Objektskurrilität eines Thomas Pynchon.
In diesem Buch ist der russische Präsident vor drei Jahren gestorben
Gibt es jedoch so etwas wie den Hauptgegenstand dieses Romans, der gerade für den Deutschen Buchpreis nominiert worden ist und von dem schon 2023 zu hören war, dass er sich mit dem Leben im heutigen Russland beschäftigen werde? „Heutiges Russland“, das war damals wie heute ein Russland im Krieg, aber wer glaubte, dass diese scheußliche Kontinuität die Aufgabe für die 1986 in Tübingen als Kind einer aus der Sowjetunion ausgewanderten Familie geborenen Autorin leichter machte, der muss sich nur vergegenwärtigen, was Ende Juni 2023, als Gordeev in Klagenfurt auftrat, in Russland geschah (und im Roman jetzt auch thematisiert wird).
Für einen kurzen Moment schien die Putin-Diktatur damals aus dem Inneren herausgefordert durch den Aufstand der Söldnergruppe „Wagner“ unter ihrem Führer Jewgeni Prigoschin. Deren ausgerufener „Marsch auf Moskau“ brach indes schnell in sich zusammen; Prigoschin starb zwei Monate später bei einem Flugzeugabsturz – einer von vielen ominösen Toten unter den Gegenspielern Putins. Der saß danach fester im Sattel als zuvor.
Nicht in Gordeevs Roman. Da erleidet der nie namentlich genannte russische Präsident dasselbe Schicksal wie Prigoschin: einen angeblichen Unfalltod. Der im Roman wiedergegebenen russischen Agenturmeldung zu diesem Hubschrauberunglück ist zu entnehmen: „Offenbar hatte der Präsident am Boden einen Schneeleoparden entdeckt und den Wunsch geäußert, das seltene Wildtier aus der Kabine heraus zu füttern und Fotos aufzunehmen.“ Die Nachfolge an der Staatsspitze tritt fürs Erste der kurz zuvor ins Amt gelangte Premierminister Karpow an. Auch den hat Gordeev sich ausgedacht, aber wie dieser Karpow politisch aufgestiegen ist und was er mit der neuen Machtfülle anfangen wird, das ist einer der reizvollsten Aspekte im Buch und bei aller Bitterkeit der dabei zutage tretenden russischen Gesellschaftsstrukturen ein satirisch mindestens so überzeugender Handlungsfaden wie die Einzelepisode zum Putzfimmel.
Das Buch ist also im besten Sinne eine Farce. Und als solche wunderbar geglückt. Etwa auch beim unmittelbaren Nacheinander des organisatorischen und konservatorischen Irrsinns im von Gordeev in Moskau angesiedelten Institut für biologische Strukturen, wo man sich um den Erhalt der Leiche Lenins bemüht und Konstantin Molot aktuell beschäftigt ist, und dem Wahnsinn, den Konstantins mittlerweile erwachsene Schwester Lada in Berlin erlebt, weil das Haus, in dem sie lebt, zwecks Wohnungsaufwertung systematisch entmietet werden soll. Der Renovierungslärm spielt dabei die entscheidende Rolle. Außer Lada hat das kaum eine Partei ausgehalten; ihre Mitbewohnerin Hanne ist günstigerweise taub.
Übersteigerung auch noch bei den brisantesten Themen
Beide Episoden sind fabelhaft in ihrer deskriptiven Zuspitzung. Das Ausharren in der Berliner Wohnung ist als eine einzige Schikanensteigerung angelegt, und das Moskauer Institut siedelt Gordeev gleich neben dem Lenin-Mausoleum auf dem Roten Platz an, als trichterförmig in den Boden versenktes Gebäude nach dem Vorbild von Dantes Hölle. Dort geht Konstantin einer nie näher bestimmten Aufgabe nach, doch vor allem ist er im Auftrag seines Patenonkels, eines im Exil lebenden russischen Oligarchen, mit dem Diebstahl von Präparaten aus Institutsbesitz befasst, denn der reiche Mann möchte von der Langlebigkeitsforschung profitieren, die in Moskau aus dem Bemühen um die Leichenkonservierung entstanden ist. Lada weiß davon nichts und begreift deshalb auch nicht, was den Bruder zu Kriegs- und Sanktionszeiten in Russland hält. Aber auch sie wird vom Onkel für seine Zwecke eingespannt.
Valeria Gordeev hat brisante Themen in Hülle und Fülle zu bieten: den Ukrainekrieg, den Neostalinismus in Russland, die transhumanistischen Longevity-Bemühungen, die deutsche Wohnungskrise. All das übersteigert sie, und wenn man dem Roman einen Vorwurf machen kann, dann genau diesen. Denn für die psychologische Zeichnung ihres zentralen Geschwisterpaars bleibt trotz diverser skurriler Episoden zu wenig Raum. Meisterhaft dagegen der Andeutungsreichtum bei Figuren, die nur gelegentlich in die Handlung eingreifen – aber dann umso prägender: die Mutter Nadja, der geheimnisvolle Onkel, die Institutskollegen von Konstantin. Selbst die Mutter eines von ihnen bekommt einen unvergesslichen Auftritt als schwangeres Mädchen in Leningrad während der Belagerungszeit. Die Erzählfreude dieses Buchs kennt keine Grenzen.
Doch es lässt andere erkennen, vor allem in seiner postmodernen Konstruktion, die sich um chronologische Abläufe nicht schert, damit aber das mosaizierende Erzählprinzip nicht begünstigt, weil es der Phantastik und Ironie denn doch zu viel wird. Gordeevs „Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle“ dürfte neben dem ähnlich bewusst bruchstückhaft erzählten Roman „Die Lücken“ von Shida Bazyar die größten Aussichten auf den diesjährigen Deutschen Buchpreis haben. Aber beider Vergleich zeigt, was es bedeutet, mit der Erfahrung von bereits zwei Romanen an ein solch ambitioniertes kompositorisches Unterfangen zu gehen oder als Debütantin wie Valeria Gordeev.
Valeria Gordeev: „Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle“. Roman.
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2026. 636 S., geb., 26,– €.
