Die Kleinstadt Spiesen-Elversberg im Saarland hat gerade einmal rund 13.000 Einwohner, das Stadion an der Kaiserlinde derzeit gerade einmal Platz für 10.000 Besucher. Trotzdem ist die Sportvereinigung Elversberg seit inzwischen fünf Jahren auf dem Weg, eine neue Größe im deutschen Profifußball zu werden. Seit 2022 geht es steil nach oben. Erst aus der Regionalliga in die dritte Liga, ein Jahr später in die Zweite Bundesliga, im Sommer dann sogar in Liga eins.
Vincent Wagner, vormals Gymnasiallehrer in den Fächern Geschichte und Sport, heute Trainer beim kleinsten Verein der Liga, schwärmte daraufhin kosmisch gefärbt: „Mit dem Bundesliga-Aufstieg haben wir die Mondlandung schon geschafft. Mit Elversberg jetzt in Liga eins den Klassenerhalt zu schaffen, wäre wie die Reise zum Mars.“
Die SV Elversberg, der 59. Klub in der Geschichte der Bundesliga, scheint gut gerüstet für die Mission Klassenverbleib. Als vierter saarländischer Verein nach dem 1. FC Saarbrücken, Borussia Neunkirchen und dem FC Homburg überraschte die von Wagner und Sportvorstand Christian Weber geführte Mannschaft mit verheißungsvollen Transfers und Mut machenden Testspielerfolgen in der Saisonvorbereitung.
Wer Francis Onyeka, den 19 Jahre alten Kapitän der deutschen U-19-Nationalmannschaft, für ein Jahr von Bayer 04 Leverkusen ausleiht, so wie Noah Darvich, den U-17-Weltmeister von 2023, vom Champions-League-Teilnehmer VfB Stuttgart, dokumentiert auch den eigenen Ehrgeiz, rasch voranzukommen in der neuen Liga. Zu den beiden offensiven Mittelfeldtalenten kommen die jungen Außenstürmer Maurice Krattenmacher, den die SVE vom FC Bayern München für zwei Millionen Euro erwarb, und der von Borussia Dortmund gegen ein Entgelt von dem Vernehmen nach knapp sechs Millionen Euro verpflichtete Cole Campbell.

Zuletzt heuerte auch Noel Futkeu, zunächst für ein Jahr inklusive Kaufoption von Eintracht Frankfurt ausgeliehen, in Elversberg an. Futkeu machte in der vorigen Saison als Zweitligatorschützenkönig (19 Treffer) in den Diensten der Spielvereinigung Greuther Fürth von sich reden. Bis zum Ende der Transferperiode sollen noch ein, zwei neue Abwehrgrößen nach dem ablösefrei vom 1. FC Kaiserslautern verpflichteten Innenverteidiger Luca Sirch zur Mannschaft kommen, die bis auf den Spielmacher Bambasé Conté keinen Stammspieler aus der vorigen Spielzeit verloren hat.
Familie Holzer bleibt das Herz der SVE
Die neuen Transfer- und Bezahlmöglichkeiten der SVE haben auch mit den üppigeren Fernsehgeldern zu tun, die die Elversberger nun kassieren: rund 31 Millionen Euro statt 8,62 Millionen Euro in der vorangegangenen Zweitligaspielzeit. Die dadurch ermöglichten Transferabschlüsse will der Klub für eine weitere Erfolgsgeschichte nutzen. Unterstützt von seinem größten Sponsor, dem heimischen Pharmaunternehmen Ursapharm, dessen Mitbegründer Frank Holzer zwischen 1976 und 1980 für Eintracht Braunschweig in der Bundesliga stürmte und zuvor mit dem 1. FC Saarbrücken 1976 in die Bundesliga aufstieg.
Holzer, zwischendurch auch mal Trainer der SV Elversberg, war jahrelang Präsident und führt derzeit den Aufsichtsrat des Klubs. Präsident ist mittlerweile sein Sohn Dominik. Dass der Verein Entscheidungen auf kurzen Wegen schnell treffen kann, ist gewiss kein Nachteil.
Kein Wunder, dass sich Sportchef Weber, zuvor jahrelang als Spieler und Sportdirektor in den Diensten der Düsseldorfer Fortuna, sehr selbstbewusst äußert. Der F.A.Z. sagte der in seine saarländische Heimat zurückgekehrte Fußballfachmann: „Wir wollen unseren Flow aus der Zweiten Bundesliga in die Bundesliga transportieren und hoffen darauf, eine gute Rolle spielen zu können.“ Weber, seit März Nachfolger des nun bei Borussia Dortmund engagierten Ole Book, der die Elversberger gemeinsam mit dem Trainer Horst Steffen über Jahre geformt hatte, geht mit seinem Erbe behutsam und zielstrebig zugleich um.
Webers Bekenntnis zum Offensivfußball
Dabei verwundert es nicht, dass die SV Elversberg an ihrem offensiven Spielstil und ihrem Ballbesitzfußball festhalten will. Weber verrät, dass er, Trainer Wagner und der für strategische Fragen zuständige Technische Direktor Josef Welzmüller kurz darüber nachgedacht haben, die Herangehensweise in der höchsten deutschen Liga eventuell zu modifizieren – so wie es etwa der Hamburger SV nach seinem vorjährigen Aufstieg in die Bundesliga gemacht hatte – mit mehr Pressingelementen nach einem Zweitligajahr mit dominantem Ballbesitzfußball. Aber: „Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass es für uns nur einen Weg gibt: der, der uns schon in der zweiten Liga stark gemacht hat. Also ein mutiger, offensiver Fußball mit viel Ballbesitz. Mit allen Chancen und Risiken, die damit verbunden sind.“
Dabei verhehlt der SVE-Sportdirektor nicht „dass wir damit in dem einen oder anderen Spiel an Grenzen stoßen werden – wenn wir zum Beispiel auf Mannschaften treffen, die das, was wir spielen, noch ein bisschen besser können“. Ein solches Szenario könnte gleich am ersten Spieltag drohen, wenn am Samstag (15.30 Uhr/bei Sky und im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-Bundesliga) Bayer 04 Leverkusen im Stadion an der Kaiserlinde aufkreuzt, oder am dritten Spieltag, wenn sich die Profis des deutschen Rekordmeisters Bayern München in den Containern der bekanntesten Baustelle in Spiesen-Elversberg umziehen müssen. Groß gegen Klein? Das ist die SV Elversberg gewohnt. Und so wird ihr selbst vor dieser ultimativen Kraftprobe wohl nicht bange sein.
