Da liegt er. Dreieinhalb Kilo schwer. 68 Maler, alphabetisch geordnet von Wilhelm Altheim bis Fritz Wucherer. Allesamt regionale Größen. Kronberger Malerkolonie, Frankfurter Künstler, hessische Maler und Bildhauer, zudem Kunstschaffende aus anderen deutschen Ländern oder aus dem Ausland, die irgendwann einmal etwas in oder von Frankfurt und Hessen auf die Leinwand gebracht haben. Im Katalog ist ihr Wirken wissenschaftlich aufgearbeitet. Auf 624 Seiten mit 415 Abbildungen. „Freude am Sammeln“ lautet der Titel des monumentalen Werkes.
Da stehen sie. Carlo und Karin Giersch. Seit 63 Jahren verheiratet. Getroffen haben sie sich einst in der elterlichen Metzgerei von Karin Lutz, wie sie damals noch hieß. Sie, das Frankfurter Mädsche, reichte ihm, dem Frankfurter Bub, die heiße Worscht über die Verkaufstheke. Ein Leben lang haben sie zusammenhalten wie Pech und Schwefel. Die abgebildeten 415 Bilder und Skulpturen gehören ihnen. Und noch einige Kunstwerke mehr, die nicht den Weg in den Katalog geschafft haben. Gehörten, muss man eigentlich sagen. Denn die Gierschs haben ihre Sammlung der Stiftung Giersch übertragen. Es dürfte die größte oder zumindest eine der größten Privatsammlungen regionaler Kunst in Deutschland sein.
Die Giersch-Villa in Sachsenhausen ist ein Haus voller Bilder
Da hängen sie. Landschaftsbilder, Genreszenen, Stillleben. Im Wohnzimmer der Giersch-Villa am Schaumainkai bis unter die hohe Decke. Auch im Treppenhaus, im Frühstücksraum, in der Bibliothek. Im gesamten Haus. Nicht zu vergessen die vielen Tiere. Oft vom Bildhauer August Gaul aus Großauheim. Viele der Enten, Pinguine und der anderen Viecher sind zurzeit ausgeflogen und haben sich, bis 11. Oktober, ein paar Hundert Meter weiter im Liebieghaus niedergelassen. „Tiere sind auch nur Menschen“ heißt dort die wunderbare Ausstellung mit Gaul-Tieren. Ohne die Leihgaben der Gierschs gäbe es diese Schau schwerlich.
Die Liebe zur Kunst war ihnen nicht in die Wiege gelegt. „Ihr müsst euch für Malerei interessieren“, sagte Ludwig Spoerle, Carlo Gierschs damaliger Chef, zu dem Ehepaar Giersch und schleppte es ins Atelier des Malers Karl Dörrbecker im Bahnhofsviertel. „Das war toll“, erinnert sich Karin Giersch. Es war sogar noch mehr. Es war eine Initiation, die auch Carlo Giersch die Augen öffnete. Er schaute sich daraufhin die Büros der Mitarbeiter an. Die Wände waren zugehängt mit Kalendern und Urlaubsfotos. „Das hat mir nun missfallen“, sagt Carlo Giersch. Bald danach schmückten Kunst-Lithographien die Räume. Später Druckgrafik des Künstlers Diether Kressel: Stillleben, Interieurs. „Grauenhaft“, sagt Karin Giersch dazu. Sie hält bis heute nicht viel von moderner Kunst. Wenn es abstrakt wird, ist sie nicht mehr dabei.

Damals sagte sie zu ihrem Mann: „Kannst du nicht schöne Bilder kaufen?“ So kam Carlo Giersch auf die Kronberger Maler. Spätromantiker, Impressionisten, die sich vor allem der Landschafts- und Genremalerei widmeten. Einer der Kronberger Köpfe war Anton Burger. Eines seiner bekanntesten Werke, „Eingang zum Alten Markt in Frankfurt vom Römerberg aus“ aus dem Jahr 1871, hängt in der Bibliothek der Giersch-Villa. Genau an dieser Stelle habe sie als Vierjährige gestanden, berichtet Karin Giersch. Das Foto von diesem Erlebnis hat sie immer noch.
Fritz Wucherer, auch einer der Kronberger Maler, ist ein besonderer Liebling der Gierschs. Im Katalog sind mehr als 80 Werke in Öl von ihm aufgeführt. Wie oft sind die Gierschs nach Kronberg zur Galerie von Uwe Opper gefahren und haben einen neuen Wucherer im Angebot begutachtet. Das Sammlerehepaar hat auch bei anderen Galeristen eingekauft. Oder ihm wurden Werke ungefragt offeriert. Denn in dem doch eher engen Kreis von Besitzern und Händlern von Bildern aus der Kronberger Schule oder von Frankfurter Malern überwiegend aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert wussten bald alle, dass Carlo Giersch eine Sammlung mit dieser regionalen Kunst aufbaute. „Mein Mann kam jedes Wochenende mit einem neuen Bild an“, sagt Karin Giersch.
Die Gierschs kaufen nur Gemälde, die ihnen gefallen
Nach welchen Kriterien er gekauft hat? Carlo Giersch nahm nur, was ihm persönlich gefiel. Und natürlich auch seiner Frau. Zum Beispiel das Gemälde „Roses and Thorns – Dornen und Rosen“ von Ludwig Knaus. Wegen der Rosen hatte Karin Giersch ihr Herz an dieses Bild verloren. „Ich brauchte meinem Mann nur sagen, dass dieses Gemälde mir besonders gefalle – schon hatte er es gekauft.“ Überhaupt waren sich die beiden immer einig über die Kunst. Streit darüber, was in die Sammlung kommen sollte, gab es nie. Hinter der Giersch-Villa blüht übrigens eine ganze Parade von Rosen. Karin Giersch hegt und pflegt und wässert sie jeden Tag.
Einst haben die Gierschs auf dem Lerchesberg in Sachsenhausen gewohnt. Ihre Villa war bis unters Dach voll mit Bildern. „Eigentlich könnten wir ja ein Museum aufmachen“, sagten sie damals im Scherz. Daraus ist bald Ernst geworden. 1994 entwickelten sie die Idee für das Museum Giersch, im Jahre 2000 eröffnete es seine Pforten. Von Anfang an war es für Carlo Giersch klar, dass sein Museum für regionale Kunst am Museumsufer stehen musste: „nicht in Konkurrenz zum Städel oder zum Historischen Museum, sondern in Ergänzung“, sagt er. Der damalige Städeldirektor Herbert Beck war einer der Berater des Sammler-Ehepaars.

Drei Villen bilden das Ensemble des Museums Giersch und der Stiftung Giersch, eine kaufte Carlo Giersch von der Stadt, die beiden anderen von Erbengemeinschaften. Erster Museumsdirektor wurde der Kunsthistoriker Manfred Großkinsky, der auch nach seinem Eintritt in die Rente die Gierschs bei Kunsteinkäufen weiter berät und nun den Katalog mitverantwortet hat. Wenn er sagt, dass ein Bild nicht genügend museale Qualitäten besitzt, lassen Carlo und Karin Giersch die Finger davon.
Zahllose Wechselausstellungen waren bisher im Museum Giersch zu sehen, bestückt nicht nur mit Bildern aus der eigenen Sammlung, sondern auch mit vielen Leihgaben. „Alle 40 Tage hatten wir eine neue Schau“, sagt Karin Giersch. Wenn eine wieder abgebaut wurde, machte sie das immer ein wenig traurig.
Karin Giersch ist eine große Tierliebhaberin. Seit vielen Jahren hat sie Hunde, zurzeit zwei sympathische Mischlinge aus dem Tierheim. Kein Wunder, dass ihr auch die Tierskulpturen von August Gaul sofort positiv ins Auge fielen, als sie die Werke dieses Bildhauers zum ersten Mal in einer Ausstellung in Großauheim sah. Mittlerweile beherbergt die Giersch-Sammlung eine Farm von Tieren. Fehlt nur noch Gauls „Kleiner Eseltreiber“, der im Garten des Städel Museums aufgestellt ist. „Ich habe dem Städel schon ein paarmal viel Geld geboten für dieses Werk“, sagt Carlo Giersch. Aber das Museum verkauft nicht.
Ihr Vermögen bringen die Gierschs in eine Stiftung ein
Carlo Giersch ist inzwischen 89 Jahre alt, seine Frau 87. Weil die beiden keine Kinder haben, beschlossen sie schon früh, ihr Vermögen in eine Stiftung einzubringen, die Stiftung Giersch. Diese hat schon eine Menge Wohltaten für Frankfurt vollbracht: den Bau des Portikus neben der Alten Brücke etwa, die Errichtung des Frankfurt Institute for Advanced Studies auf dem Campus Riedberg oder derzeit die Schenkung von zwei Glocken für den Rathausturm „Langer Franz“. Und natürlich das Museum Giersch.

Seit 2014 gehört es vorerst für 30 Jahre der Uni, weshalb es nun Museum Giersch der Goethe-Universität heißt und Wissenschaft mit Kunst verbindet. Wobei die Stiftung Giersch die Betriebskosten von mehr als einer halben Million Euro im Jahr übernimmt.
Diese Übereignung vor zehn Jahren ist der Versuch des Ehepaars Giersch, ihr Museum zu einem Ewigkeitsprojekt zu machen. Die Universität als Träger dürfte die nächsten Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte überstehen und könnte das Museum weiterführen – unterstützt von der Giersch-Stiftung, die ihr Vermögen nicht zuletzt in inflationssicheren Immobilien in Bestlagen angelegt hat. Dieses Vermögen hat Carlo Giersch mit seinem Unternehmen Spoerle Electronic verdient, das er damals zum größten Verteiler von Elektrobauteilen in Zentraleuropa machte und im Jahr 2000 verkaufte.
Die dreieinhalb Kilo Katalog hat die Stiftung Giersch aus Anlass des fünfundzwanzigjährigen Bestehens des Museums und der zehnjährigen Kooperation mit der Goethe-Universität herausgegeben. Tatsächlich ist die gedruckte Bestandsaufnahme der Sammlung auch ein Geschenk an das Ehepaar Giersch. „Jedes einzelne Bild, jeder einzelne Artikel darin“, so sagen sie, „erinnert uns an vergangene glückliche Kunst-Einkäufe, an Begegnungen mit neuen Werken, an unser gemeinsames Leben.“
Stiftung Giersch (Hrsg.): „Freude am Sammeln. Kunstsammlung Carlo & Karin Giersch“, Michael Imhof Verlag, Petersberg 2026, 624 Seiten, 59 Euro.
