Es war haargenau richtig, mit der Bahn nach Goslar zu fahren. Ab Magdeburg über brettebenes Land. Vorbei die Kiefernwälder, vorbei die Seen. Stattdessen Äcker und Weiden bis an die Grenze zur Langeweile. Doch dann, aufragend hinter goldgelben Stoppelfeldern, links des Zugs, am Horizont: der Harz. Hingestreckt wie ein Versprechen. Anziehend, verlockend, an diesem Tag schattig grün unter einem dramatischen Wolkenhimmel, der als aufgeschütteltes Federbett über dem langgezogenen Kamm eher schwebte, als dass er darauf lag. Eine seltsame Ruhe ging von dem sanft gewellten Höhenrücken aus. Er schien zu schlafen, und ich hätte mich nicht gewundert, hätte er sich kaum merklich gehoben und gesenkt wie ein Brustkorb beim Atmen. An der höchsten Stelle pikste ein Turm in den Himmel. Das war der Funkmast auf dem Brocken, 1141 Meter über dem knapp 200 Kilometer entfernten Meer. Von der Besucherterrasse des Brockenhauses aus kann man sich einreden, es zu sehen. Als silbern glitzerndes Band. Höher steht man nirgendwo in Deutschlands nördlicher Hälfte.
Etliche Wege führen hinauf. In historischen Zeiten waren der Besen oder die Mistgabel die bequemste Art, den Gipfel zu erreichen. Die traditionelle, wenn man so will. Ludwig S. Bestehorn jedenfalls zeigt auf seinem 1732 gefertigten Kupferstich der „Perspectivischen Vorstellung des berühmten Blocken oder Blokenbergs“ sechs wilde Gestalten im Landeanflug auf das baumlose Plateau. Zwei ausgelassen tanzende Figuren erwarten sie bereits. Erst dem Kleingedruckten auf dem Bild ist zu entnehmen, dass Bestehorn sich auf Nachrichten von „Joh. Prätorius und Albr. Ritter“ beruft. Ritter habe am Bloksberg im Sommer 1653 „mit seiner Gesellschafft von Ilsenburg aus bis an die Spitze des Bergs“ vier Stunden zugebracht, „wobey er halben Weg geritten“. Auf einem Ziegenbock? Dann könnte eine der Figuren Albrecht Ritter zeigen, wie er dort über den Himmel galoppiert. Aus Dichtermund klingt das so: „Es trägt der Besen, trägt der Stock, / die Gabel trägt, es trägt der Bock …“
Ein böser Feind sitzt auf der Schulter
Auf dem Rücken eines Ziegenbocks war die 73 Jahre alte Margarethe Schönfelds von Quedlinburg aus auf den Gipfel geflogen, auf dem der Teufel, mit einem Federbusch am Hut, ihr Tanzpartner gewesen sei. So zumindest gab sie es 1644 vor Gericht zu Protokoll – wenngleich erst nach jener überzeugenden Tortur, von der die Verhöre üblicherweise begleitet waren. Fälle wie ihrer sind reichlich belegt, wenngleich es im Harz nicht so viele sind, dass von einer Hexenjagd die Rede sein kann. Einmal angeklagt, war die Verurteilung jedoch oft beschlossene Sache. Wer auf dem Verneinen beharrte, wurde kurzerhand mit „zur Peinlichkeit gehörenden Instrumenten“ dazu angeregt, immer mehr Details auszuplaudern, etwa mit Hilfe des Daumenstocks.
„Indem er aber damit umgegangen“, schildert 1680 eine Gerichtsakte die Arbeit des Scharfrichters Martin Kaufmann an der Angeklagten Anna Mariechen Kladens aus Oldisleben, „hat (die) Inquisitin angefangen heftig zu zittern und in Ohnmacht niederzusinken. Und wiewohl sie mit kaltem Wasser wieder erfrischete, so hat man doch gespüret, dass ohne Lebensgefahr jetzt weiter nichts mit ihr vorgenommen werden könnte.“ Nach einer Stunde Pause war sie offenbar bereit, ihrer Phantasie freien Lauf zu lassen, und schilderte die durchtanzte Nacht auf dem „Brokelsberg“ ganz im Sinne der Anklage. Weshalb sie nicht gleich die Wahrheit gesprochen? „Es hätte ihr ein böser Feind auf der Schulter gesessen und nicht zugelassen, dass sie bekenne.“ Das genügte. Die alte Frau wurde kurzerhand verbrannt.

Durch solche Gerichtsakten bekam, was bis dahin Legende und Volksgeschwätz war, einen seriösen Anstrich. Von Mitte des 17. Jahrhunderts an wurde der Brocken zum Blocksberg oder Hexenberg. Und als seien sie dabei gewesen, übertrafen sich die Kupferstecher fortan mit detaillierten Darstellungen der Feierlichkeiten zur Walpurgisnacht: Da wird musiziert und sich ekstatisch im Kreise gedreht, der Krumme springt, der Plumpe hupft, dass der Berg zu beben beginnt. In Töpfen schäumender Höllenbrühe köcheln Menschengerippe, in Brunnen perlt glühender Feuerwein, und geflügelte Dämonen zerren junge Hexchen mit sich, nackt und bloß.
Die Herkunft des Hexenglaubens meinen manche in die Zeit des Frankenkönigs Karls des Großen legen zu können, als einheimische Stämme sich dessen Christianisierung verweigerten und rund um den Brocken mit ihren Ritualen Ende April nicht länger nur den Winter zu vertreiben suchten, sondern auch die Besatzer. „Diese“, schreibt J. H. Frauenstein, einer der ersten Brockensagensammler, in seinem Buch „Romantische Harzwanderung“ aus dem Jahr 1853 über die Sachsen, „vermummten und verlarvten sich in allerlei groteske Gestalten, erschreckten damit die christlichen Wächter, die vor Furcht und Zittern entflohen, wenn der Gottseibeiuns angeblich selbst komme mit seinem höllischen Heere, um sich seine Herrschaft zu sichern. Umso geschwinder ergriffen jene die Flucht, als die Teilnehmer der nächtlichen Opferzüge mit mancherlei Waffen, wie Feuergabeln, Besen und dergleichen, versehen waren.“
Hexen rühren in ihren kochenden Suppen
„Nicht auszuschließen“, sagt Christoph Lampert, der Hausherr des Museums Brockenhaus, „dass all dies längst vergessen wäre, wäre am 10. Dezember 1777 ein Orkan über den Brocken gejagt oder hätte es auch nur geregnet. Stattdessen: eine der ganz, ganz seltenen Inversionswetterlagen.“ Der Himmel riss für einen Moment auf, die Sonne brachte den Brocken zum Leuchten, und der Förster Christoph Degen in Torfhaus begriff, dass er dem jungen Mann vor seiner Haustür den beneidenswert ehrgeizigen Plan, hinaufzusteigen, mit keinem Argument aus dem Kopf schlagen könne. Also ging er ihm voran. Trotz einer Elle Schnees.
„Der aber trug. Ein Viertel nach eins droben“, notierte der junge Mann, unter dem falschen Namen Johann Wilhelm Weber unterwegs als Spion der Weimarer Bergbaukommission, während sich das Bild des Himmels umgekehrt hatte. „Heiterer, herrlicher Augenblick, die ganze Welt in Wolken und Nebel und oben alles heiter.“ Das mag ausgesehen haben, als rührten rund um ihn herum Hexen in den Kesseln ihrer kochenden Suppen. Jedenfalls blieb ihm das Erlebnis unvergesslich. Später wurden ihm die Eindrücke im „Faust“ zur Kulisse der Walpurgisnacht. „Goethe“, sagt Christoph Lampert, „hat die Walpurgisnacht nicht erfunden. Aber er hat sie marketingtauglich gemacht.“

Heute hat die Feste zur Walpurgisnacht, wie sie vor 100 Jahren noch üblich waren, die Nationalparkverwaltung kurzerhand verboten. Der Weg hingegen, den der Förster Degen vor einem Vierteljahrtausend für Johann Wolfgang Goethe in den Schnee getrampelt hat, ist bequem ausgebaut und nach dem Dichter benannt. Ich bin ihn hinuntergegangen, was vermutlich haargenau falsch war, wie zuvor die Entscheidung, von Ilsenburg aus hinaufzugehen, auf dem Heinrich-Heine-Weg, denn beide Male kamen mir nun die Dichter entgegen. Heine, der im September 1824 unterwegs gewesen ist, sogar fröhlich hüpfend, anstatt dass ich ihn zum Weggefährten des anstrengenden Aufstiegs gehabt hätte.
Der Weg von Goslar nach Ilsenburg zieht sich. Und er geizt mit Sehenswürdigkeiten, lässt man den rekonstruierten schwarz-rot-gold gestrichenen Pfosten außer Acht, dort, wo vor einer Generation die deutsch-deutsche Grenze verlief, ausgeweitet zu einer Todeszone, die nicht unerheblich zum modernen Mythos des Brockens beigetragen hat: von überall zu sehen, von 1961 an allerdings von nirgendwo mehr zu besteigen. Mir immerhin hat die knapp 25 Kilometer lange Strecke dies vermittelt: dass eine Wanderung nicht immer nur ein Umweg ist zu einem frisch gezapften Bier in einem Gasthaus, sondern dass man sie auch mit einer Flasche kalt gestellten Sekts auf einem Hotelbalkon beenden kann, in diesem Fall auf demselben Balkon, auf dem George Clooney nach jedem Drehtag für den Film „Monuments Men – Ungewöhnliche Helden“ entspannte, so wie ich später im Landhaus „Zu den Rothen Forellen“ auch gleich noch in dessen Bett schlafen durfte. Ebenfalls zur Auswahl gestanden hätten die Zimmer von Bill Murray und Matt Damon. Prominenz und Harz – das scheint sich nach den Besuchen von Ludwig Richter und Caspar David Friedrich, Kleist und Schopenhauer, Chamisso, Uhland, Eichendorff und Andersen sowie Stendhal und Baudelaire bis heute nicht trennen zu lassen.
Die Prinzessin wird zur Wasserfee
Es war noch sehr früh, als ich Ilsenburg verließ. Den Brocken sieht man vom Ort aus nicht. Und auch vom Heinrich-Heine-Weg aus zumindest nicht in den ersten beiden Stunden. Denn der führt zunächst zwischen Buchen hindurch und entlang eines Flusses, der Ilse, in einen dichten und verzaubernden Wald, wie man ihn nur aus Märchenbüchern kennt oder aus Sagen, wie ebender jener Ilse, einer reichen, hübschen Prinzessin. Aus Neid auf deren Liebe zum Ritter von Westenberg habe eine Hexe mit ihrem Fluch deren Schloss zerstört. Die Trümmer versanken in den Fluten, Ilse wurde zur Wasserfee. So erzählt es eine Geschichte. Nach einer anderen ist ihr Palast nur im Fels versteckt, und wer sie frühmorgens beim Bade überrascht, den nehme sie mit in ihre herrlichen Räume – so den altsächsischen Kaiser Heinrich, der mit ihr, unterstellt Heinrich Heine, „die kaiserlichsten Stunden genossen“ habe.
Es ist still an diesem Vormittag, und der Einschnitt des Tals ist tief. Hier und da quert der Weg den Bach auf schmalen Brücken. Die Felsen im Bach sind grün von Moos, das Wasser ist rot vom Torf weiter oben, und der Boden wirkt dumpf vom braunen Laub des vorigen Herbsts. Aber hier und da scheint die Sonne durch die Bäume und zaubert Kringel auf den Bach, dass es nur so blinkt und glitzert, und auch auf den Pfad zwischen Gestrüppen und Gestein, was der Stimmung etwas fast Sakrales verleiht. Ohnedies gibt es nichts Heiligeres als einen gesunden Buchenwald. Und nichts Erhabeneres, als wenn unter allen Wipfeln Ruh’ ist. Nichts flattert, raschelt oder zwitschert zwischen den Sträuchern und den Kronen der Bäume. Nichts ist zu hören vom Waldbaumläufer, dem Grauen Fliegenschnäpper oder anderen heimischen Vögeln des Walds, ebenso wenig gibt es Spuren von den Lurchen der Teiche und Niederungen wie dem Feuersalamander und der Erdkröte oder den geschützten Kriechtieren, zu denen Zauneidechse und Ringelnatter zählen – Tiere, die allesamt dem Wanderer auf knapp einem halben Dutzend Tafeln entlang des Wegs mit wenigen Worten, aber präzis gezeichnet vorgestellt werden. So sind sie nicht Schulung, sondern Ersatz.

Kurz vor der Roten Brücke, auf etwa der Hälfte der Strecke, schnippelt ein Gärtner der Nationalparkverwaltung den Weg frei von überhängenden Ästen. „Sonst wäre hier bald kein Durchkommen mehr“, sagt er. Wenig später, knapp 1000 Meter über null, musste seit Jahrhunderten die Buche den Fichtenforsten den Platz überlassen, doch jetzt macht, nach trocknen Jahren und ausgelassenen Festmahlen der Borkenkäfer, die Fichte Platz für das, wofür im Nationalpark der Begriff „Harzurwald“ verwendet wird. Unterwegs wird neben einer „Nachdenkebank“ Francis Scott Fitzgerald zitiert, wonach sich Lebenskraft nicht nur als Stehvermögen zeigt, „sondern als Mut zum Neubeginn“. Und schaut man genau hin, sprießt es allenthalben aus dem Boden.
Am Totholz wachsen Pilze, aus verrottetem Holz strecken Bergahorn und junge Ebereschen, Rotbuchen und Birken ihre zarten Arme aus. Aber noch ragen immer wieder auf gewaltigen, kaum überschaubaren Flächen Fichtenstämme wie abgenagte Zahnstocher zu Abertausenden in die Höhe. Das hat nicht einmal mehr etwas mit Schwarzer Romantik zu tun, das sind Motive eines düsteren Surrealismus. Es bedarf deshalb viel Aufklärung, den Besuchern deutlich zu machen, dass dies kein trostloser Anblick ist, sondern Teil eines natürlichen Kreislaufes. Schon 1787 hatte der Harz unter gehörigen Zerstörungen zu leiden, damals sprach man von „Wurmtrocknis“. Dort, wo der Borkenkäfer ganze Arbeit geleistet hat, hat er zugleich den eigenen Wohnraum zerstört. „Der Borkenkäfer“, wird mir deshalb einen Tag später Hermann Martens im Nationalparkzentrum sagen, „ist eine gefährdete Art.“
Mörderische Steigung hinauf zur Saturn-V-Rakete
Zehnmal erinnern unterwegs Zitate aus der „Harzreise“ an Heines Tour, und je steiler es wird, desto willkommener sind sie als eingeschobene Kulturpause. „Auf der Chaussee wehte frische Morgenluft, und die Vögel sangen gar freudig, und auch mir wurde allmählich wieder frisch und freudig zumute“, heißt es ausgerechnet vor dem letzten Stück Wegs, ausgelegt mit Panzerplatten. Es sind fast zwei Kilometer. Die Steigung ist mörderisch. Manche sprechen von 20 Prozent. Obwohl die Platten kaum mehr als drei Meter breit sind, nimmt sie ein Wanderer vor mir in Serpentinen nach oben, was mich an den Spruch an der Wand des Brauhauses in Goslar zwei Tage zuvor erinnert: „Wer schwankt, hat mehr vom Weg.“ Aber: Er kommt schneller voran als ich. Die Funkantenne weist nun unverkennbar die Richtung. Jetzt sieht sie aus wie eine Saturn-V-Rakete.
Dann das Plateau. Kahl. Und irgendwie prosaisch. Bis zum Fall der Mauer waren die militärischen Lauschanlagen der sowjetischen Armee und der Stasi selbst wiederum von einer Mauer aus 2318 Betonelementen umgeben. Sie stand natürlich noch, als am 3. Dezember 1989 zum ersten Mal wieder Wanderer den Gipfel betreten durften – und sich Ost und West in die Arme fielen, um in Heines Sinne zu feiern, dass der Brocken ein Deutscher sei. Dabei überrascht der eher für seine Skepsis bekannte Dichter mit seiner Begründung: „Der Berg hat auch so etwas Deutschruhiges, Verständiges, Tolerantes; eben weil er die Dinge so weit und klar überschauen kann.“ Die Mauer ist längst fort. Und dennoch macht alles den Eindruck einer geschotterten, ausgeweiteten Kampfzone.

Das erste Gebäude entlang des Wegs ist von hier aus das Brockenhaus, seiner Radarkuppel wegen „Stasi-Moschee“ genannt. Vom Aufstieg der anderen Seite aus liegt es weit weg. Christoph Lampert, der Hausherr, sagt deshalb: „Wir sind die Letzten in der Nahrungskette.“ Und meint damit, dass nach Bahnhof, Andenkenladen und der Imbissbude, die mit der „höchsten Wurst im Norden“ sowie Erbsensuppe aus originalen DDR-Gulaschkanonen wirbt, den meisten Besuchern bereits das Geld ausgegangen ist. Von einer Million Besuchern im Jahr kommen nur knapp 60.000 in sein Haus. Was den anderen entgeht: zwei nette Ausstellungen zur Geschichte sowie Flora und Fauna des Harzes, vor allem jedoch die zumindest an diesem Tag phänomenale Aussicht in alle Richtungen. Wie eine Modellanlage breitet sich die Welt zu Füßen der Besucher aus bis in die Unendlichkeit. Jedes Tal, jeder See, jeder Ort wirkt wie hingebaut nur für diesen Anblick. Was jedoch schmerzlichst fehlt, ist die markante Erhebung des Brockens. Ein wenig ist es wie der Blick auf Paris vom Eiffelturm aus, der von dort über eine seltsam fremde Stadt gleitet – eben weil der Eiffelturm fehlt.
Das Wetter kann auch anders. An durchschnittlich 306 Tagen im Jahr liegt Nebel über dem Brocken; an 165 davon löst er sich nicht für eine einzige Minute auf. So haben es die Meteorologen der Wetterwarte auf dem Plateau aus jahrzehntelangen Messungen errechnet. Auch das hat nicht unerheblich zum Mythos des Bergs beigetragen. Joseph von Eichendorff hat ihn so erlebt und schrieb 1805: „Durch wilde schauerliche Waldgegenden, welche ein ungeheurer Waldbruch noch fürchterlicher machte, näherten wir uns allmählich diesem altdeutschen Riesengreise, dessen majestätisches Haupt düstere Wolken dem Auge der niederen Welt verhüllten.“ Das Brockenhaus, in dem er übernachtete, will er erst gesehen haben, als er direkt davorstand.
Warten auf den Lumpensammler
Es ist spät geworden. Die Frau am Imbiss verkauft ihre letzten Würste. Wer jetzt noch auf dem Plateau ist, wartet auf die letzte Bahn hinunter ins Tal, auch „Lumpensammler“ genannt. Manche legen so lange die Köpfe auf den Biertischen ab. Andere verkrümeln sich in den Schatten des Bahnsteigs. Im Bahnhof sorgt bei einem Familienvater, dem es nicht gelungen ist, Frau und Kinder von der Freude des Bergabgehens zu überzeugen, der Preis für die Fahrt sichtlich für Entsetzen. „Seien Sie froh über den Gruppentarif“, versucht ihn die Frau am Schalter zu trösten, „damit sparen sie 25 Euro.“ Doch die Freude bleibt angesichts von 139 Euro für die 30-minütige Fahrt nach Schierke aus. „Ja, mit EC-Karte.“ Resigniert fügt er an: „Ich habe ja keine Wahl.“ In Schierke steht vermutlich das Auto.
Ich gehe zu Fuß, dem Ort Torfhaus entgegen. Zunächst an den Gleisen entlang, auf denen sich der Waldbrandgefahr wegen statt der niedlichen Brockenbahn eine Diesellok mit einer nicht enden wollenden Schlange von Waggons den Berg hinaufstöhnt. Dann wieder auf Panzerplatten. Und später entlang eines Kanals, mit dem über Jahrhunderte Wasser für den Bergbau abgezweigt wurde. Der Harz ist Industriegebiet seit vorindustriellen Zeiten. Goethe hätte ihn sehen können und vermutlich bewundert. Aber er dürfte gefroren und zugeschneit gewesen sein. Samstags bei gutem Wetter, so erzählt man mir, gehe es auf dem Goetheweg zu wie zur selben Zeit in den Fußgängerzonen der Großstädte. Jetzt ist fast niemand unterwegs.
Torfhaus hat zwei Restaurants. Auf der Terrasse des einen darf ich auch nach Feierabend sitzen bleiben, sogar mit einem Bier aufs Haus, und schaue zu, wie im Abendlicht der Brocken nun von der anderen Seite wirkt wie in die Landschaft geschmeichelt. Feminin irgendwie. Vom Funkturm sind am finsteren Himmel irgendwann nur noch zwei Warnlampen zu sehen, während rechts davon das perfekte Rund eines leuchtenden Vollmonds aufsteigt.
Und das wäre ein gutes Ende, hätte ich nicht in Bad Harzburg ins Geschäft des Raumausstatters Wilfried Feuerpfeil geschaut. Dutzende Hexen zieren bereits das Schaufenster, aber im Laden geht es erst richtig los. „Oh ja“, sagt die Verkäuferin, „eine Hexe als Souvenir kaufen drei von vier Harzbesuchern.“ Manche sind anderthalb Meter groß, andere handtellerklein. Manche aus Holz, manche aus Plastik. Eine von ihnen beginnt zu kichern, wenn man in die Hände klatscht. Gleich sind sich alle in den breitkrempigen, spitzen Hüten, den langen Nasen und einer Warze auf dem Kinn, gegen die den Hexen offenbar in all den Jahrhunderten kein Zaubermittel eingefallen ist. Und dann schwärmt die Verkäuferin unvermittelt von den Frauen des Vereins „Wolfshäger Hexenbrut“, die zu Walpurgis am Fuße des Brockens drei Tage lang wild feierten. „Die sehen so echt aus“, sagt sie, „das ist wirklich Wahnsinn.“
Ich entscheide mich für das kleine Modell einer Hexe, die mit einem langen Löffel in der eklig-bunten Brühe eines riesigen Topfes rührt. Sie wird im Küchenregal über dem Herd ihren Platz finden.
Bisher erschienen: Neuschwanstein (25. Juni), Heidelberg (9. Juli), Loreley (23. Juli), Bayreuths Grüner Hügel (6. August), Weimar (20. August).
