Der sechzehnjährige Ingemar leidet unter spinaler Muskelatrophie Typ 2, wiegt 42 Kilogramm und kann sich nur mehr sehr eingeschränkt bewegen. „Den Mittelfinger, den Ringfinger und den kleinen Finger der rechten Hand kann ich noch beugen und strecken. Besser beugen als strecken. Daumen und Zeigefinger haben sich vor drei, vier Monaten verabschiedet.“ Alles an und in ihm verkümmert, verliert seine Funktionsfähigkeit, dazu kommen Muskelzuckungen, die bis zur Bewusstlosigkeit führen können. Seine Unterarme fühlen sich an „als würden unter der Haut winzige Bürstchen auf und ab fahren“.
Ob das „Krüppelkind“, das wahlweise „Behindi-Kindi“ genannt wird, nach dem schwedischen Skirennläufer Ingemar Stenmark benannt wurde, bleibt offen. Möchte es sich bewegen, muss es sein „Kammerdiener“ Jack, ein studierter Forstwirt, in den Rollstuhl heben, den er nach dem italienischen Traktoren-Hersteller „Lamborghini“ getauft hat. Die Krankheit haben ihm seine Eltern vererbt, deren Leben deswegen von Schuldgefühlen überschattet wird. Die Mutter ist Psychotherapeutin, die „Bedarfslüge“ gehört in den Augen ihres Sohnes „zu ihrem beruflichen Standardrepertoire“. Psychotherapie hält er „für eine Form der Abwehr des Denkens“.
Manche sprechen in einfacher Sprache mit ihm
Der Vater, mit dem Ingemar besser zurechtkommt, leitet das Bauamt der Diözese. Da der Reitstall von Ingemars elfjähriger Schwester Lori in Hürm steht, liegt der Verdacht nahe, die Geschichte trage sich in Niederösterreich zu. Das spielt aber keine wirkliche Rolle. Auf keinen Fall möchte sich ihr Bruder auf den Rücken von Loris geliebtem Wallach legen lassen – „nachher stinkst du nach Tier, und die anderen fühlen sich besser“.

Der hochintelligente junge Mann fungiert als Ich-Erzähler in Paulus Hochgatterers neuem Roman „Mio und die Unsterblichkeit“, und er ist eine Herausforderung: für seine Familie, Pfleger, Mitschüler – wie auch für seine Leserinnen. Denn: „Es gibt Leute, die beginnen in einfacher Sprache zu sprechen, wenn sie mich sehen, und es gibt andere, die schenken mir Bücher von berühmten Philosophen.“
Neben der Familie bevölkern die Habenseite Ingemars Arzt, der Neurologe Al-Wahidi, der aus dem Jemen stammt und gar nicht erst so tut, als wäre er allwissend. Der Physiotherapeut Fred war früher Gewichtheber. Dann gibt es noch die dicke, traurige Judith, eine Schulfreundin, und den alten Mann ohne Namen, der einmal die Woche zu Besuch kommt.
Der Vierundneunzigjährige ist für Geschichten aus der ländlichen Heimat zuständig und für die großen Themen. Er produziert Leitsätze und Aphorismen („Die Trennlinie zwischen Realismus und Misanthropie ist schmal“), liefert Anekdoten aus seinem langen Leben – das Ingemar nicht haben wird. Geschichten von einem Brauereiarbeiter, der beim Eisblockstechen eingebrochen ist; von der Cousine, die ihn und einen Zwillingsbruder in einem Leiterwagen den Berg hinunterrasen ließ; von seinem ersten Schultag am 1. September 1939.
Die beiden erörtern Gottesbeweise nach Leibniz, menschliche Dummheit, Fragen der Sterblichkeit. Gerechtigkeit, sagt der alte Mann einmal, sei „nichts anderes als ein Wort für die unerfüllbare Sehnsucht nach der Abschaffung von Schicksal und Herrschaft“. Und er gibt Kontra, wenn ihm die Haltung Ingemars zu egomanisch vorkommt, schilt ihn wegen dessen Neigung zu geschwollenen Phrasen.
Gott braucht keinen Beweis und keine Verteidigung
Die notiert er, solange es eben geht, mit Bleistift in sein Notizbuch. Erster Satz: „Mein Physiotherapeut war früher Gewichtheber.“ Schon dieser Einstieg fühlt sich für Ingemar an wie ein Gottesbeweis, wobei ihm die Verteidigung Gottes gleichgültig ist: „Wenn es ihn gibt, braucht er keine Verteidigung, Punkt.“ Wenn er gut drauf ist, singt Ingemar amerikanische Protestsongs wie „Little Boxes“ von Pete Seeger, für ihn „einer der genialsten Songs aller Zeiten“ – auch wegen der Zeile „And they’re all made out of ticky-tacky, and they all look just the same“.

Der fünfundsechzigjährige Paulus Hochgatterer war bis Ende 2025 Leiter der Klinischen Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum im niederösterreichischen Tulln. Neben dieser fordernden Berufslaufbahn hat er mehr als ein Dutzend Prosawerke und drei Bühnenstücke vorgelegt und sich den Ruf eines Autors erworben, der Knappheit mit geschliffenem Stil zu verbinden versteht.
Eine überzeichnete Figur?
Die erzählerisch größte Last, die er seinem Protagonisten mitgibt, ist neben der bombastischen Altklugheit und Manipulationsbegabung der Umstand, dass Ingemar stellenweise ein wenig viel Hochgatterer schultern muss. Etwa indem er eine fundamentale Abneigung gegenüber „dem verrückten Südafrikaner“ Elon Musk pflegt, dem es nicht um Ewigkeit, sondern um Gottgleichheit gehe. Eine überzeichnete Figur oder eine, die Hochgatterer in seiner Klinikarbeit untergekommen ist? In der Danksagung verbeugt sich der Autor vor seinem akademischen Lehrer Ernst Berger, der wisse, „dass Behinderung etwas ist, das vor allem die Lächerlichkeit vieler Dinge offenlegt, die wir für bedeutsam halten“.
Ins Zentrum der Geschichte rückt dann, unweigerlich in Hochgatterers Werk, ein wiederkehrendes Motiv, eine Katze. Und die sieben Leben, die sie angeblich mitbringt und teilweise gleich verspielt. Ein zerzaustes, hässliches Ding, von Lori beim Reiten entdeckt und irgendwann nach Hause mitgenommen. Der leidenschaftliche Singvogelfreund Ingemar opponiert, nennt das Kätzchen ostentativ nicht, wie von Lori beschlossen, „Maid Marian“, sondern „Mio“. Nach dem Namen, den Bo Vilhelm Olsson in Astrid Lindgrens Märchenroman „Mio, mein Mio“ von 1954 trägt, als er im „Fernen Land“ als Königssohn der Tristesse seiner Pflegekind-Existenz entkommt.
Hochgatterer führt in meisterlicher Manier vor, wie Mio Schritt für Schritt die Menschenfamilie unter ihren Willen zwingt. Und wie Ingemar seine Namenswahl durchsetzt. Doch angesichts des Boheis, das Mutter und Tochter mit dauernden Tierarztbesuchen um das Wohl der Katze machen, stellt sich die Frage nach dem Wert menschlichen Lebens umso dringlicher. Nusinersen, das Medikament, das Ingemar helfen könnte, kostet eine halbe Million Euro im Jahr. Er will die Behandlung nicht, Al-Wahidi und die Eltern wollen sie unbedingt. Am Ende gibt der Sohn nach.
Vielleicht, weil es da noch Regina gibt, die junge Bäuerin vom Reiterhof, die neuartige Gefühle in Ingemar erzeugt, Vorstellungen von Nacktheit, die seinem Alter angemessen sind. Und so evoziert Paulus Hochgatterer unter seinem Mikroskop auf nur 140 Seiten einen Mikrokosmos, der unser Vorstellungsvermögen testet und manche Gewissheiten ins Wanken bringt. Er erinnert daran, dass moralisch korrektes Handeln viel wichtiger ist als politisch korrektes Reden. Ingemars Welt und Mios Beitrag faszinieren und verunsichern zugleich, ihr Platz in der Riege haltbarer literarischer Figuren aber ist ihnen gewiss.
Paulus Hochgatterer: „Mio und die Unsterblichkeit“. Roman. Zsolnay Verlag, Wien 2026. 140 S., geb., 23,– €.
