In Sachsen-Anhalt verteilen Menschen, die nicht wahlberechtigt sind, dieser Tage mitunter Wahlwerbung an Menschen, die ebenfalls nicht wahlberechtigt sind. So geschehen am Wochenende, als Irina Freihart, Grünen-Mitglied aus dem Kreisverband München, Mitte 30, einer älteren Frau auf dem Hallenser Marktplatz eine Kurzfassung des grünen Wahlprogramms in die Hand drücken will. „Ich lebe gar nicht in diesem Bundesland“, sagt die Frau, als sie den Flyer ablehnt. Freihart, die an diesem Wochenende zum ersten Mal überhaupt Halle besucht, erwidert: „Aber hier ist doch ganz schön.“ Die Passantin zeigt betreten auf den Wahlkampfstand der AfD, der nur wenige Meter entfernt aufgestellt ist. Freihart: „Wir arbeiten dran.“
Sie ist eine von etwa 500 Grünen-Mitgliedern aus Westdeutschland, die sich für einen sogenannten Wahlkampfurlaub im Osten angemeldet haben. Weil die Landesverbände in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern zu den mitgliederschwächsten gehören, in den Umfragen aber jeweils an der Fünfprozenthürde kratzen, hat die Partei um Unterstützung gebeten – mit Erfolg. Der Münchener Kreisverband ist mit mehr als 6000 Mitgliedern deutlich größer als die beiden Ost-Landesverbände zusammen, alleine von dort kommen an diesem Wochenende 30 Grüne in Halle zu Hilfe.
In Freiharts Wahlheimat ist Dominik Krause vor wenigen Monaten zum ersten grünen Oberbürgermeister gewählt worden, er überzeugte die Münchener mit einer progressiven Verkehrs- und Klimapolitik. In Sachsen-Anhalt ist das alles überstrahlende Thema: Wird ein Sammelsurium an Parteien, die politisch wenig miteinander gemein haben, am Ende genug Stimmen zusammen bekommen, um gemeinsam eine AfD-Regierung zu verhindern?
Politisches Engagement als Weltschmerztherapie
In München sei die Situation „vergleichsweise traumhaft“, schwärmt Freihart, das „r“ rollend. „Das hier“, die politische Lage in Sachsen-Anhalt, „ist natürlich etwas ganz anderes.“ Es sei wichtig, herzukommen, um sich hineinfühlen zu können. Seit fünf Jahren ist Freihart Mitglied der Partei, inzwischen auch Teil des Kreisvorstandes. Den Einstieg in die Politik beschreibt sie als eine Art Etappe in ihrer Persönlichkeitsentwicklung: sich politisch zu engagieren, gebe ihr das Gefühl von Selbstwirksamkeit, sie verspüre seither weniger „Weltschmerz“.
Freihart hat auf dem zweiten Bildungsweg studiert, arbeitet als Wirtschaftsingenieurin. Eine eigene Familie hat sie nicht, große Teile ihrer Freizeit steckt sie in die Partei. „Das ist nur zu einem gewissen Punkt Arbeit, ich ziehe daraus sehr viel Energie“, sagt sie. Man sei intellektuell gefordert und in einem sozialen Gefüge unterwegs. Bei den Grünen in München mitmachen, das klingt bei Irina Freihart nach einem erfüllenden Hobby. Parteipolitik ist für sie ein Stück Selbstverwirklichung.

In Halle ist die Welt für ihre Parteifreunde eine andere. Als am Samstagvormittag ein Platzregen auf den Marktplatz hinuntergeht, findet Freihart Unterschlupf bei einem Honigverkäufer, der immer wieder große Pfützen aus seinem Zeltdach schlägt, damit es stehen bleibt. Im Gespräch der beiden stellt sich heraus, dass der ältere Herr ebenfalls Grünen-Mitglied ist: „Ich bin auch in eurem Verein.“ Er aber hadert mit seiner Partei. Dass man sich hier nur über die Abgrenzung zur AfD definiere, sei falsch. „Ist ja nicht so, als würden die nur falsche Fragen stellen, die Antworten sind bloß schräg“, sagt er.
Die Grünen seien zu wenig mit eigenen Zukunftsentwürfen beschäftigt und zu sehr mit dem Feindbild AfD. Minderheiten stünden außerdem zu stark im Fokus. Freihart sieht die Sache anders, blättert durch einen Flyer und erwidert: „Hier ist Vielfalt nur ein Thema von vielen.“ Tatsächlich ist das Programm stark fokussiert auf materiell greifbare Themen wie Mobilität, Bildung und die Begrünung von Städten. Hängen bleibt im Wahlkampf aber genau eine Botschaft: Wir wollen die AfD verhindern.
Die Gespräche, die Irina Freihart auf dem Marktplatz führt, sind allesamt kurz: mal wird ihr Mut zugesprochen („Ich hab euch schon gewählt!“), mal geht man ihr aus dem Weg, mal nimmt man ihr schweigend einen Flyer ab, selten wird es beleidigend („Ich weiß nicht, wer euch in den Kopf geschissen hat!“). Nach solchen Momenten lacht Freihart, ob verlegen oder souverän, lässt sich kaum sagen.
Die Karte der Nordstadt wird grüner und grüner – in der Grünen-App
Über den Marktplatz verteilt sind viele Grünen-Mitglieder unterwegs, aus Hamburg, Köln, Bonn, Ulm, München und so weiter. Und die sollen den Menschen in Halle erklären, worauf es bei ihrer regionalen Wahl ankommt? So will Freihart die Sache nun auch wieder nicht verstanden wissen. Sie habe zwar vorab Kurzfassungen des Wahlprogramms gelesen und an einem Onlineseminar der Bundesgeschäftsstelle teilgenommen, um sich vorzubereiten. Wenn es inhaltlich ins Detail gehe, werde sie aber auf die lokalen Mitglieder verweisen. Tatsächlich gerät sie an diesem Wochenende in keine einzige längere oder hitzige Debatte.
Wohl auch, weil sich der Wahlkampf auf die Stadtteile fokussiert, in denen die Grünen überhaupt Chancen haben. Das Parteibüro liegt mitten in der gut situierten Nordstadt, in der sich ein Altbau mit üppigem Garten an den anderen reiht, oft bewohnt von nur einer Familie. Eine Mitarbeiterin des Kreisverbandes räumt ein, dass es eigentlich gut wäre, sich stärker in die sozialen Brennpunkte zu stürzen, die Neustadt zum Beispiel.
Zugleich ist jedem bewusst, dass es für den Einzug in den Landtag vor allem darauf ankommt, die eigenen Milieus zu mobilisieren. Wenn an einem dieser Häuser am Samstagnachmittag die Tür geöffnet wird, dann geht das Gespräch oft so: Freihart sagt, sie habe Informationen für die Landtagswahl dabei, der Bewohner bedankt sich höflich und sagt, er habe bereits die Grünen gewählt, man wünscht sich viel Glück.
Etwas weniger harmonisch geht es in den Hochhäusern zu, von denen es hier auch ein paar gibt. Freihart drückt einem jungen Mann im Erdgeschoss einen Flyer in die Hand, der nimmt ihn an, warnt aber vor den oberen Etagen: da sei man hierauf nicht so gut zu sprechen. Freihart steht kurz mit einer befreundeten Wahlkämpferin im Flur, schwenkt den Kopf abwägend von links nach rechts und sagt: „Na komm“, auf nach oben. Unfreundlich wird es dort nicht, wohl auch, weil viele Bewohner ihre Türen nicht öffnen.
In einem anderen Haus wiegelt eine Frau im Erdgeschoss sofort ab, als sich die Grünen zu erkennen geben, woanders reißt ein Mann in der Tür stehend die Augen weit auf und sagt: „Kein Interesse“. In einer App der Partei trägt Irina Freihart jedes Haus ein, an dem sie geklingelt war, die Karte in der Nordstadt wird grüner und grüner. Dennoch: „Auf dem Marktplatz war die Selbstwirksamkeit größer“, sagt sie und lacht.
Zurück in München erzählt Freihart, die Situation in Sachsen-Anhalt gehe ihr nun, da sie einige Menschen in Halle kennengelernt habe, noch näher. Immerhin würde sich ein Durchmarsch der AfD, so hofft sie, nun etwas weniger schlimm anfühlen, denn: „Ich habe nicht untätig zugeschaut.“

