Durch eine gewaltige Sturzflut im Himalaja-Hochland Nepals sind der örtlichen Polizei zufolge mindestens 157 Menschen getötet worden, Hunderte Touristen werden noch vermisst. Unter den mehr als 400 Vermissten in der Grenzregion zu China seien 291 Ausländer, darunter 105 Inder, sowie Reisende aus Deutschland, den USA, Großbritannien und Spanien, als auch Polizisten und Soldaten wie Nachrichtenagenturen am Mittwoch berichteten. Viele der Reisenden sollen sich auf einer Pilgerfahrt zum Berg Kailash in Tibet befunden haben, der sowohl für Hindus als auch Buddhisten heilig ist. Für Tibet meldete das chinesische Staatsfernsehen am Mittwochabend zunächst mindestens drei Tote und weitere 265 Vermisste.
Satellitenbilder vor und nach der Sturzflut
Die Schlammmassen hatten am Mittwoch Dörfer mit sich gerissen, Häuser unter sich begraben sowie Straßen, Brücken und Staudämme beschädigt. Unklar war zunächst die Ursache für die Sturzfluten. Unbestätigten Berichten zufolge hatte ein Erdbeben gegen neun Uhr morgens Ortszeit einen Erdrutsch ausgelöst, der wiederum den Fluss Bhotekoshi blockiert habe, der aus Tibet nach Nepal fließt. Der Erdrutsch führte zu den verheerenden Überschwemmungen. Die US-Erdbebenwarte USGS hatte in etwa zu der Zeit ein Erdbeben der Stärke 4,4 in der Region gemessen.

Lokale Medien zitierten dagegen in Kathmandu ansässige Meteorologen mit der Einschätzung, dass eine Lawine von einem Gletscher in Tibet die Sturzflut verursacht habe. Ein Nebenfluss des Bhotekoshi soll am Mittwoch zuvor seinen höchsten Wasserstand erreicht haben.
Video zeigt Menschen, die vor der Flut fliehen
Die nepalesischen Behörden warnten die Bewohner mehrerer nepalesischer Bezirke und forderten sie auf, sich von den Ufern der Flüsse Bhotekoshi bzw. Trishuli und Narayani fernzuhalten. Sie arbeiteten daran, den Aufenthaltsort der Touristen zu klären, erklärte die Tourismusbehörde. Nach Angaben der Regierung in Seoul sind unter den Vermissten auch acht Südkoreaner, die an einem Staudamm gearbeitet hatten.
Videos von dem Unglück zeigten Wassermassen, die Häuser, Autos und Lastwagen mit sich rissen. Der Sender BBC berichtete von einem verifizierten Video, das aus dem Inneren eines Busses in Trishuli aufgenommen worden sei. Es zeigt dem Bericht zufolge Dutzende Menschen, die zu Fuß, mit Mopeds und anderen Fahrzeugen versuchen zu fliehen, während eine Sturzflut das Tal hinunterrast. Im Hintergrund sind laut BBC Schreie zu hören.
„Ich habe gesehen, wie die Fluten acht oder neun Lastwagen mit sich rissen, außerdem Häuser und Menschen“, sagte ein Augenzeuge der Agentur AFP. „Es war absolut entsetzlich. So eine Zerstörung habe ich noch nie gesehen.“
Die nepalesische Armee entsandte Hubschrauber und Rettungstrupps in die Katastrophenregion. Ein Sprecher berichtete der BBC, dass bislang 88 Überlebende gerettet worden seien. Indiens Ministerpräsident Narendra Modi telefonierte mit dem nepalesischen Regierungschef Balendra Shah, um ihm sein Beileid auszusprechen und seinem Land jede erdenkliche humanitäre Hilfe zuzusichern. „Das indische Volk steht in dieser schweren Zeit solidarisch an der Seite seiner Schwestern und Brüder in Nepal“, schrieb Modi auf der Plattform X.
Vermisste und Tote auch im Südwesten Tibets
Auch die chinesische Seite bestätigte „zahlreiche Todesopfer und Vermisste“ auf der von Peking kontrollierten tibetischen Seite des Unglücksgebiets. Nach ersten Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua kam es durch den Murgang am Mittwochvormittag zu vielen Opfern im Grenzgebiet im Kreis Jilong in Tibet.
In chinesischen sozialen Medien verbreitete Aufnahmen von Überwachungskameras zeigen, wie die Sturzfluten entlang des Gyirong-Tals zwischen Nepal und Tibet die mehrgeschossigen Gebäude des chinesischen Grenzübergangs Gyirong bei Shigatse einfach mitreißen. Zu sehen sind Dutzende Menschen, die kurz vor dem Einschlag der braunen Schlammfluten vor den Gebäuden rennen und dann getroffen werden. Offenbar sind die vom Staatsfernsehen gemeldeten drei Toten und 265 Vermissten an dieser Stelle zu verorten.
Über Gyirong wickelt China den meisten Grenzverkehr mit Nepal ab. Auch 2025 hatte es dort eine Schlammlawine gegeben.
Schon am Mittwochnachmittag ließ sich Staatschef Xi Jinping persönlich zu dem Unglück zitieren, was auf die Schwere der Schäden deutet. Xi „maß der Situation große Bedeutung bei“, hieß es. Oberste Priorität habe, „mit allen Mitteln nach den Vermissten zu suchen“, um „die Zahl der Todesopfer und Verletzten so gering wie möglich zu halten“.
Mehrere Rettungstrupps der Katastrophenschutzbehörde und des Militärs wurden in Bewegung gesetzt.
