
Annalena Baerbock wird Professorin an der New Yorker Columbia-Universität. Das ist eine ziemlich unspektakuläre Neuigkeit, zumindest aus Sicht des amerikanischen Universitätssystems. Denn die frühere deutsche Außenministerin und Präsidentin der UN-Generalversammlung beginnt keine zweite Karriere als Politikwissenschaftlerin. Sie bekommt eine Form von Professur, die für renommierte Führungskräfte gedacht und in den USA sehr häufig ist.
Ab Herbst wird Baerbock an Columbias School of International and Public Affairs (SIPA) also „Professor of Professional Practice“. Zugleich wird sie Ko-Direktorin des „Master of Public Administration in Global Leadership“, eines zehnmonatigen Masterprogramms für Führungskräfte. Laut der Ankündigung der Hochschule soll Baerbock drei Kurse in ihren Fachgebieten unterrichten.
Studenten sollen von Führungskräften lernen
Columbia unterscheidet solche Stellen von klassischen Forschungsprofessuren. Practice-Professoren werden wegen ihrer beruflichen Expertise eingestellt. Es handelt sich um reguläre Vollzeitstellen, aber keine Tenure-Track-Professuren. Die Hochschule nennt als Kandidaten Journalisten, Architekten oder Ingenieure, aber auch Menschen mit umfangreicher Erfahrung in Regierungen und internationalen Organisationen. Sie sollen in die Lehre bringen, was eine akademische Laufbahn nicht vermittelt: Erfahrung damit, wie Entscheidungen in ihrem Fachgebiet getroffen werden.
Baerbocks Master in Public International Law von der London School of Economics ist für eine solche Berufung weniger entscheidend als ihre Jahre als Bundestagsabgeordnete, Parteivorsitzende, Außenministerin und Präsidentin der UN-Generalversammlung. An der SIPA sind ähnliche Werdegänge die Regel. Victoria Nuland, ehemalige US-Botschafterin bei der NATO und später eine der ranghöchsten amerikanischen Diplomatinnen, lehrt dort als Professorin auf dem Gebiet International Diplomacy. Der frühere Bürgermeister von Philadelphia Michael Nutter ist Professor of Professional Practice. Auch die Journalistin und Friedensnobelpreisträgerin Maria Ressa gehört zur Practice Faculty, ebenso wie Hillary Clinton.
Andere amerikanische Eliteuniversitäten arbeiten nach demselben Prinzip. Harvard berief den langjährigen Diplomaten Nicholas Burns zum Professor of the Practice of Diplomacy and International Relations. Samantha Power, ehemalige amerikanische Botschafterin bei den Vereinten Nationen und spätere USAID-Chefin, wurde dort Professor of the Practice of Global Leadership and Public Policy. Ebenso verbreitet ist das Modell in anderen Fächern. An Columbias Journalism School unterrichten zahlreiche Reporter und Redakteure als Professors of Professional Practice, viele ohne Promotion.
Auch das künftig von Baerbock mitgeleitete Programm an der SIPA richtet sich an Menschen mit Berufserfahrung, die Führungspositionen in Regierungen, internationalen Organisationen oder Unternehmen anstreben. Die ehemalige Außenministerin wird also nicht dafür bezahlt, nach ihrer politischen Karriere plötzlich Wissenschaftlerin zu sein. Sie wird dafür bezahlt, dass sie Politikerin war.
In Deutschland wurde, wohl auch aus Unkenntnis dieses Systems, von manchen die Frage gestellt, wie jemand ohne Promotion und Forschungspublikationen Professorin an einer Eliteuniversität werden könne. In den USA hat die Personalie dagegen bislang kein Aufsehen erregt, was man an fehlender Berichterstattung sieht. Auch Columbia präsentierte Baerbock nicht in einer großen eigenen Berufungsmeldung, sondern zusammen mit anderen Neuzugängen in einer Übersicht der neuen SIPA-Praxisprofessoren.
