
Fast 3000 Lehrstellen sind im Herbst vergangenen Jahres in hessischen Unternehmen unbesetzt geblieben, während gleichzeitig etwa 3600 junge Menschen keinen Ausbildungsplatz gefunden haben. Für die Fraktion der Grünen im hessischen Landtag ist dieses Missverhältnis Anlass, die Ausbildung mit einem 13 Punkte umfassenden Aktionsplan attraktiver zu machen und Schülern mehr Orientierung zu bieten. Die schwarz-rote Landesregierung, so die Meinung der Fraktion, unternehme nicht genug, um die duale Ausbildung zu unterstützen.
„Einige Vorschläge kosten nichts, bringen aber viel“, sagte Felix Martin, Sprecher der Grünen-Fraktion für Ausbildung und Arbeit, als er am Dienstag im Landtag gemeinsam mit Sascha Meier, Sprecher für berufliche Bildung, den Aktionsplan mit dem Motto „Ausbildung kann mehr“ präsentierte. Die 13 Punkte funktionieren nach Einschätzung der beiden Abgeordneten auch unabhängig voneinander – sie seien als gleichberechtigt anzusehen. Ihre Vorschläge, die zum Teil aus anderen Bundesländern oder den Handwerkskammern stammten, dienten sozusagen dem großen Gesamtziel: die berufliche Ausbildung zu stärken.
Damit dies gelingt, schlagen die Grünen folgende Veränderungen vor: Hessens Berufsschulen sollten ihren Schülern moderne Lernumgebungen und eine zeitgemäße technische Ausstattung bieten. Dafür sollten zusätzlich 100 Millionen Euro, die aus dem Sondervermögen des Bundes stammten, in die Modernisierung der Berufsschulen investiert werden. Das Land solle dieses Geld an die Kommunen weitergeben.
Mehr Berufspraktika für Schüler
An den Gymnasien solle es künftig mehr Praktika geben, schon in der Sekundarstufe I soll ein zweites Praktikum angeboten werden. Die Grünen sprechen sich zudem für längere Praktikumsphasen an wechselnden Orten aus. Das laufende Push-Programm mit kleineren Berufspraxisklassen für Jugendliche, deren Abschluss gefährdet sei, solle an doppelt so vielen Schulen wie bisher eingeführt werden. Ähnlich wie in Thüringen sollten mindestens 15 Jahre alte Schüler, die in den Sommerferien ein freiwilliges Praktikum im Handwerk absolvierten, eine Prämie von 120 Euro pro Woche erhalten. Damit wollen die Grünen einen Anreiz schaffen, damit sich Schüler auch außerhalb ihrer Schulzeit darüber informierten, ob ein Handwerksberuf für sie infrage komme.
Die Landesregierung solle, wie im Koalitionsvertrag angekündigt, ein Programm zur Finanzierung von Auszubildenden-Wohnheimen auflegen. In diesem könnten ein fixes Mindestbudget und konkrete Ausbauziele vereinbart werden. Für Lehrlinge, die weit entfernt von ihrem Ausbildungsplatz wohnen, wollen die Grünen den Mobilitätszuschuss ausweiten. Um Fahrtwege zu minimieren, solle den Schulen ermöglicht werden, als Ergänzung zum Präsenzunterricht auch digitalen Unterricht anzubieten.
Künftig sollten keine Flüchtlinge kurz vor Antritt der Ausbildung mehr abgeschoben werden. Nach Einschätzung von Martin und Meier nutzt die Landesregierung die bestehenden Möglichkeiten einer Ausbildungsduldung nicht ausreichend. Als Beispiel nannten sie den Fall einer Erzieherin in Offenbach.
Damit Berufsabschlüsse von Ausländern leichter und schneller anerkannt würden, solle es eine Positivliste geben, die aufzeige, welche Abschlüsse mit denen in Deutschland vergleichbar seien. Solche Positivlisten sollten zudem standardisiert ermitteln, welche Nachqualifikationen erforderlich seien, damit ein Abschluss anerkannt werden könne. Damit wollen die Grünen die Anerkennungsverfahren beschleunigen.
Wer künftig daran zweifele, ob der Beginn eines Studiums für ihn eine gute Wahl gewesen sei, solle im Rahmen der Studienberatung auch von Handwerkskammern informiert werden. Zudem solle besser über die unterschiedlichen Wege informiert werden, nach einer Ausbildung ein Studium zu beginnen.
In der Pflegeausbildung solle eine sozialpädagogische Unterstützung dafür sorgen, dass die Abbruchquoten sänken. Die bislang fünf Jahre dauernde Ausbildung zur Erzieherin solle, wie in Bayern, auf vier Jahre verkürzt werden. Dies könne gelingen, indem statt der zweijährigen Ausbildung zur Sozialassistenz künftig ein sozialpädagogisches Einführungsjahr auf die eigentliche Ausbildung vorbereite. In einigen Ausbildungsberufen im Sozialen müssten Auszubildende nach Auskunft der Grünen noch immer Schulgeld zahlen. Daher wollen sie für angehende Erzieherinnen, Sozialassistenten, Heilpädagogen sowie Heilerziehungspfleger das Schulgeld abschaffen und damit finanzielle Hürden an privaten Fachschulen beseitigen.
