
Kann es sein, dass das Schulessen nicht nur deshalb unbeliebt ist, weil es den Schülern nicht schmeckt, sondern auch aus atmosphärischen Gründen? Kolja Müller, Vorsitzender der Frankfurter SPD, berichtet bei einer Veranstaltung seiner Partei zum Thema Schulessen aus eigener Erfahrung: Seine Tochter meide die Mensa, weil ihre Mitschüler dort nicht äßen. „Die Freunde fahren mittags nach Hause. Wir brauchen in der Schule ein Verständnis für die Bedeutung von Essen als Gemeinschaftserlebnis“, sagt er.
Stella Kreissl und Nia Brähler vom Stadtschülerrat machen eine ähnliche Beobachtung. Viele Schüler lehnten das Schulessen ab, weil ihnen die Atmosphäre in der Mensa zu laut und zu hektisch sei, berichten sie. Die SPD-Politikerin Hilal Arslan nennt Zahlen: Während in der Grundschule noch 80 Prozent der Schüler am gemeinsamen Mittagessen in der Nachmittagsbetreuung teilnähmen, gingen in der Sekundarstufe I nur noch 20 Prozent in die Mensa. Bei Sylvia Kunzes Kindern war das ähnlich. Auch sie wollten in der weiterführenden Schule nicht mehr in die Mensa. „Sie fühlten sich dort nicht wohl. Es ging nicht um das Essen, sondern um den Raum“, sagt die bildungspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion.
Die Gestaltung der Mensa ist ein Aspekt, der in der Debatte über das Schulessen bisher kaum eine Rolle gespielt hat. Ist es tatsächlich so einfach? Muss man nur ein paar Zimmerpflanzen und schöne Möbel aufstellen, um die Akzeptanz des Schulessens zu verbessern? Das ist zumindest ein neuer Aspekt in einer Debatte, die die Eltern seit Jahren umtreibt. Auch im Restaurant Danzig am Platz, wohin die SPD unter der Überschrift „Wie wird Frankfurts Schulessen besser?“ eingeladen hatte.
Fachleute raten zu Mensakreisen
Die Gäste sitzen an einer langen Tafel, hübsch gedeckt und verziert mit einer geklöppelten Tischdecke. Unter den Teilnehmern sind viele Fachleute. Susanne von Münchhausen, Sprecherin des Ernährungsrats Frankfurt, glaubt nicht, dass das Problem leicht zu lösen ist. Viele Schul-Caterer hätten einen guten Willen. Aber oft gebe es strukturelle Hindernisse. Sie rät den Schulen, einen Mensakreis ins Leben zu rufen, in dem Schulleitung, Eltern, Schüler und Caterer vertreten sind. Doch viele Schulleitungen seien überlastet. Ein solcher Arbeitskreis zum Schulessen gelte angesichts vieler dringenderer Probleme nur als „Nice-to-have“. Der Ernährungsrat bietet dabei Unterstützung an: „Das Know-how und die Expertise sind da. Man muss sie nur abrufen.“
Lena Iyigün vertritt ebenfalls den Ernährungsrat und betreibt auch das Glauburgcafé. Sie rät bei den Qualitätsstandards für das Schulessen zu mehr „gesundem Pragmatismus“. Es sei besser, gesundes und regional erzeugtes Essen in Bioqualität anzubieten als einmal pro Woche Fisch von weither. „Das Schulessen ist ein riesiger Hebel für das Überleben der Landwirtschaft in der Region, Gesundheit und soziale Teilhabe“, sagt sie. Der Landwirt Thomas Wolff, Geschäftsführer von Querbeet, wirbt ebenfalls dafür, Bioqualität von Anfang an einzuführen. Die regionalen Erzeuger benötigten allerdings Planbarkeit und langfristige Zusagen.
Der vegane Profisportler Stephan Pütz meint, in der Schule gebe es zu wenig Interesse an dem Thema Ernährung. „Der Körper benötigt die richtige Tankfüllung“, sagt er. Die Schülervertreterin Stella Kreissl pflichtet ihm bei. Eine gesunde Ernährung sei wichtig für die Konzentration: „Man guckt morgens in die Gesichter und weiß: Wer hat gefrühstückt und wer nicht?“
Für die SPD ist das Schulessen deshalb auch eine Frage der sozialen Gerechtigkeit. Müller will dafür sorgen, dass gesunde Speisen in Kitas und Schulen in allen Stadtteilen angeboten werden, nicht nur bei ihm in Bornheim. Ein entgeltfreies Schulfrühstück, das die SPD in den Koalitionsvertrag verhandelt hat, gehört für ihn dazu. Aber ob es wirklich kommt, könne er nicht versprechen: „Das ist eine Frage der politischen Priorisierung.“
