Die Künstliche Intelligenz (KI) schreitet unaufhaltsam voran und kann inzwischen Software selbst schreiben. Es stellt sich die Frage, ob die Software für industrielle Anwendungen werthaltig bleiben kann. Die Antwort hat das US-Unternehmen Salesforce, das sich auf Software für die Cloud konzentriert hat, Mitte Juni gegeben, indem sie die auf KI beruhende Kundenserviceplattform Fin für 3,6 Milliarden Dollar übernommen hat.
Kurz davor kaufte das auf Konstruktions- und Entwicklungssoftware spezialisierte US-Unternehmen Autodesk die amerikanische Instandhaltungsplattform Maintain X zum Preis von ebenfalls 3,6 Milliarden Dollar. Software hat also auch im KI-Zeitalter einen Wert. Vorausgesetzt, die Software basiert auf Daten, die sich im Internet nicht so schnell akquirieren lassen. Ein Beispiel ist der Technologiekonzern Siemens, der auf KI-Anwendungen für die Industrie setzt und auf einen umfangreichen Datenschatz aus 30 Branchen zurückgreifen kann.
Die Frage, ob Industriesoftware noch einen Mehrwert liefern kann, treibt auch David Hahn um, Gründer und Geschäftsführer des im Bereich Instandhaltungssoftware tätigen Münchner Start-ups Remberg. Sein Unternehmen ist in einem ähnlichen Bereich wie der US-Wettbewerber Maintain X unterwegs, für das Autodesk das 27-Fache des Jahresumsatzes zu zahlen bereit gewesen ist. „Software, auch Industriesoftware, lässt sich heute mit weniger Aufwand entwickeln als je zuvor“, sagt Hahn im Gespräch mit der F.A.Z.
Schnelle Reparatur verhindert teuren Produktionsausfall
Doch deshalb wird sie seiner Ansicht nach nicht weniger wert: „Im Gegenteil, sie wird noch sehr lange Wert liefern und durch KI noch mächtiger, denn sie erhält eine neue Nutzergruppe: KI-Agenten, die nicht mehr nur assistieren, sondern vollständige Aufgaben durchführen.“ Das hört sich theoretisch an, doch gibt es dafür schon konkrete Anwendungsfälle. Einer der Kunden von Remberg ist der Schokoladenhersteller Rausch. Steht in seinem Werk in Peine eine Maschine still, drohen Produktionsausfälle, was bei verderblicher Ware schnell teuer werden kann. Es drohen Qualitätseinbußen und eine verzögerte Auslieferung.
In so einem Fall wäre es nach Aussage eines Rausch-Sprechers der Idealzustand, dass die Anlage die Störung selbständig über eine Datenverbindung meldet. Aber in vielen Fällen besteht diese noch nicht. Somit müsse ein Mitarbeiter eine Meldung auslösen, und das müsse so einfach wie möglich sein. Mithilfe von KI kann die Meldung in ein Mobilgerät gesprochen werden – und das in verschiedenen Sprachen.
In der Remberg-Instandhaltungssoftware wird diese Meldung dann von einem KI-Agenten entgegengenommen. Der prüft sie, wertet mitgesendete Fotos und Sprachaufnahmen aus und macht daraus eine saubere, strukturierte Meldung. So lässt sich erkennen, um welche Anlage es geht, um die Meldung der richtigen Maschine zuordnen zu können. Im nächsten Schritt werden Informationen über die Maschine gesammelt, die ansonsten der zuständige Mitarbeiter mühsam und langwierig zusammensuchen müsste: die Historie der Anlage, ähnliche frühere Störungen, die passende Anweisung, das wahrscheinlich benötigte Ersatzteil und ob es im Lager liegt.
Noch mehr Nutzen mit wachsender Datenbasis
„Der größte Zeitaufwand bei einer Störung ist nicht die eigentliche Reparatur, sondern alles davor: Wer informiert wen, wo liegt die Dokumentation, welches Teil brauche ich, ist es überhaupt da? Genau diese Vorbereitungszeit nimmt der KI-Agent heraus“, berichtet der Rausch-Sprecher. Die rasche und nachhaltige Behebung von Störungen unterstützt Lebensmittelhersteller wie Rausch in der Qualitätssicherung und Lieferfähigkeit. Der Schokoladenhersteller zeigt sich mit der Instandhaltungssoftware von Remberg zufrieden und erwartet im Zuge der wachsenden Datenbasis aus dem laufenden Einsatz in Zukunft noch mehr Nutzen.
Remberg hat seine gesamten Lösungen darauf ausgerichtet, dass KI-Agenten Instandhaltungsaufträge vorplanen und Technikern zuweisen können. Anders als im Kundensupport falle der Mensch nicht weg, betont Hahn. Die KI übernehme die Verwaltungsarbeit, doch für kritische Entscheidungen und schließlich das Schrauben an der Anlage blieben die Fachkräfte zuständig. „Es geht um die Entlastung der wenigen Fachkräfte, nicht um Ersatz“, fügt der Remberg-Chef hinzu.
Genaue Vorgaben der Ingenieure
Nach Ansicht von Hahn wird es die Ausnahme bleiben, dass Industrieunternehmen in Zukunft ihre Software selbst schreiben. Erstens gelte in der Produktion Nulltoleranz für Fehler, und es brauche jemanden, der im Ernstfall dafür geradestehe. Zweitens müsse Software dauerhaft betrieben, gewartet und mit den bestehenden Systemen des Betriebs verbunden werden, etwa der Warenwirtschaft. Drittens entwickele sich die KI-Technik in einem Tempo, das die meisten IT-Abteilungen überfordere, wenn sie für jede Fachabteilung eigene Speziallösungen betreiben sollten.

Auch bei Remberg schreibt die KI bestimmte Software schon selbst. Doch dafür machen nach Aussage von Hahn die Ingenieure genaue Vorgaben. Diese sicherten dann die Qualität und Integration. Um tragfähige Software zu bauen, die im Zeitalter der KI-Agenten reibungslos funktioniert, ist für Hahn die Kompetenz von Softwareingenieuren weiterhin nötig. „Diese haben Industrieunternehmen oft nicht im eigenen Hause“, fügt er hinzu.
Die Techniker verbringen seinen Worten zufolge heute nur etwa 20 bis 30 Prozent ihrer Arbeitszeit mit dem, wofür sie ausgebildet wurden: der Wartung und Reparatur an der Maschine. Der Rest gehe für Laufwege, Teilesuche, Dokumentation und Planung verloren. „Genau dort setzen KI-Agenten an, nicht am Schraubenschlüssel“, ist Hahn vom Mehrwert der Remberg-Software überzeugt. „Wir liefern das, ohne das KI in der Fabrik nicht arbeiten kann: geordnete Daten und einen sicheren Arbeitsplatz für KI-Agenten.“
Bei Remberg liege jede Maschine, jede Störung und jede Reparatur der vergangenen Jahre an einem Ort und nicht in veralteten Bestandssystemen, in denen KI-Agenten nicht sinnvoll arbeiten könnten. Die Liste der Unternehmen, die Remberg auf der Website als Kunden aufführt, ist lang. Dazu zählen unter anderem die im Bereich Werkstofftechnik und Maschinenbau tätige Schunk-Gruppe, der Motorenölhersteller Liqui Moly, der Schreibwarenhersteller Edding, der Versorger Rhein Energie, das Entsorgungsunternehmen Remondis oder der Schmuckhersteller Pandora.
