Neulich im gutbürgerlichen Wohngebiet: Eine Mutter im Range Rover, die kleine Tochter im Kindersitz auf der Rückbank, braust mit Tempo 40 durch die Spielstraße. Eine Anwohnerin bebt vor Empörung, sie schreit: „Langsam, Mensch! Hier spielen Kinder!“ Die Frau hält an und brüllt durchs offene Autofenster zurück: „Geht’s noch? Ich hab’ selber Kinder, von Ihnen muss ich mich doch nicht belehren lassen!“ Fenster wieder hoch, Fuß aufs Gas.
Wenig macht die Deutschen so rasend wie der Straßenverkehr. Das war früher auch so, das Klima auf den Straßen wird aber immer rauer, wie eine Studie der Unfallforschung der Versicherer jetzt bestätigt hat. Es wird gerast, gehupt, geschnitten, gedrängelt – wer es eilig hat, hat Vorfahrt. Leider haben es alle immer eiliger. Und schuld sind immer die anderen.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Man kann es sich leicht machen und klagen über diese rücksichtslosen Autofahrer, in ihren dicken Kisten. Das Auto war ja schon immer wie ein Kokon, geschützt vor Regen, mit gemütlichen Sitzen, Klimaanlage, dezentem Radiogedudel: ein Komfort, der gleichmütig machen könnte. Stattdessen wird das Auto immer mehr zur Wagenburg. Wer sich nach einem harten Arbeitstag in den Schutzraum hinter dem Lenkrad geflüchtet und genügend Isolierglas zwischen sich und die Welt gebracht hat, der kann die anderen umso hemmungsloser beschimpfen – eine folgenlose Aggressionsabfuhr ohne Klarnamen wie in den sozialen Medien.
Auch Radfahrer und E-Scooter-Fahrer vergessen ihre Kinderstube
Plumpes Autofahrer-Bashing verschweigt, dass nicht nur die Motorisierten sich immer öfter benehmen, als herrsche Anarchie. Auch Radfahrer oder E-Scooter-Fahrer vergessen ihre gute Kinderstube, sobald sie selbst unterwegs sind. Dann schneiden sie Fußgänger auf engen Wegen, klingeln aber natürlich trotzdem nicht – so als sei, wer Rad fährt und kein CO₂ emittiert, per se im Recht.

Es gibt viele Gründe, warum die Menschen auch im Straßenverkehr immer mehr unter Druck stehen: Der Verkehr hat deutlich zugenommen und ist viel hektischer geworden. Früher war man auf manchen Autobahnen oder im Zug fast allein, heute bekommt man schon auf der Auffahrt oder am Bahnsteig erhöhten Puls. Wer zur Hauptverkehrszeit Kinder in die Schule fahren oder im überfüllten ICE-Abteil seinen Sitzplatz suchen muss, weiß, wie schnell die Wut hochsteigen kann.
Der Wahnsinn unserer Zeit schlägt auch auf den Verkehr durch. Persönliche Krisen, Kriegsgefahr, Klimakrise, Abstiegsängste – das ist ein perfekter Sturm, der alle gleichzeitig dauergereizt und erschöpft macht. Wenn dann der freundliche Mitbürger im Auto vor uns wieder so dahinschleicht, fährt man auf zehn Zentimeter auf und haut brachial auf die Hupe. Hat der keine Termine?
Das ständige Multitasking treibt alle in den Wahnsinn
Es gibt aber noch einen anderen Wahnsinn, der uns auch im Straßenverkehr rasend macht: das ständige Multitasking zwischen Homeoffice, Präsenzpflicht, Kinderbetreuung, Selbstoptimierung, Kalender-Apps, Pushnachrichten und Videocalls. Viele beantworten Mails mittlerweile schnell an der roten Ampel. Oder sie achten auf dem Fahrrad nicht auf Fußgänger, weil sie Airpods in den Ohren haben und beim Abbiegen gerade im Call mit Singapur sind.
Kein Wunder, dass man da immer schneller die Nerven verliert. In der Kindersendung „Löwenzahn“ hatte Peter Lustig früher am Ende immer einen Rat: „Abschalten!“ Das würde allen guttun.
