
Ministerpräsident Mark Carney machte ein Versprechen aus der Wahlnacht im April vergangenen Jahres wahr, als er die kanadischen Vergeltungszölle gegen die Vereinigten Staaten ankündigte. Damals sagte er, Amerika werde Kanada nie brechen. Diesmal hob er hervor, kein anderes Land werde die Zukunft Kanadas bestimmen. Wie bereit Carney zur Eskalation war, zeigte seine Bemerkung über einen „Angriff in einem Krieg“. Der 61 Jahre alte Liberale neigt, anders als der amerikanische Präsident, üblicherweise nicht zu martialischen Bemerkungen.
Carney ist Krisen aus der Vergangenheit gewohnt, wenn auch keine politischen. Zwischen 2008 und 2013 führte der Sohn einer Hausfrau und eines Schuldirektors Kanada als Chef der Zentralbank durch die globale Finanzkrise. Später wechselte er als der erste nichtbritische Zentralbankchef nach Großbritannien und erlebte dort bis 2020 die Brexit-Jahre. 2020 wurde er zum UN-Sondergesandten für Klimaschutz und Klimafinanzierung. Christine Lagarde, die Präsident der Europäischen Zentralbank, nannte Carney einmal den „George Clooney der Finanzwelt“ und einen „Rockstar“. Der Absolvent der Universitäten Harvard und Oxford galt als Rundumpaket: gutaussehend, umgänglich und kompetent.
Im Wahlkampf profitierte er von Trumps Angriffen
In Kanada fiel es Carney zu, in einer Krise der Liberalen einen konservativen Ministerpräsidenten zu verhindern. Kein Popstar wie sein Vorgänger Justin Trudeau (der zum Ende entschieden weniger beliebt war), profitierte Carney im Wahlkampf vor allem von Trumps Angriffen und dem Gerede, Kanada zum 51. amerikanischen Bundesstaat zu machen. Die Wechselstimmung fand ein Ende, die Konservativen keine neue Strategie. Mit Carney, der seit 1995 mit einer Britin verheiratet ist und vier Töchter hat, gewannen die Liberalen die vierte Wahl in Folge.
Wie weit der kanadische Ministerpräsident als Kämpfer gegen den großen Nachbarn kommt, ist abzuwarten. Er hatte sein Amt ohne politische Erfahrung angetreten, aber erfahren in der Krisenkommunikation. Schon im Januar hatte Carney gesagt, die „gefällige Illusion“ einer von Washington geprägten internationalen Ordnung sei vorbei. Mittelmächte wie Kanada seien dazu fähig, eine neue Ordnung zu schaffen. Das testet Trump nun. Carneys erste Auslandsreise führte ihn nicht nach Washington, sondern nach Europa.
Die Vergeltungszölle begründete er nun auch damit, die Kluft zwischen Partnerschaft und Konkurrenz sei leider zu groß geblieben. Geht es nach ihm, ist kein Deal besser als ein schlechter Deal. Eine Mehrheit der Kanadier hat er laut jüngsten Umfragen dabei hinter sich: Sie forderten den Ministerpräsidenten dazu auf, keine weiteren Zugeständnisse an Washington zu machen.
Carney wiederum dürfte in seinem Element sein. Schon im Wahlkampf des vergangenen Jahres sagte er: „In Krisenzeiten bin ich am nützlichsten.“
