
Als dieses Tanzpaar sich im vergangenen Herbst in Paris beim Festival d’automne auf seiner aufgeklappten Sperrholzkiste von einer Bühne zeigte, war verbreitet worden, dass es sich bei dieser Frau und diesem Mann um das handelte, was die Franzosen als „monstres sacrées“ bezeichnen. Lässt man solche heiligen Bestien auf der Theaterbühne los, erzittert das Haus. Sie ziehen alle in ihren Bann, mit einem Abwinken aus dem Handgelenk, als wäre ihnen alles egal, mit einem eigentlich lächerlichen, leicht abgeschmackten Wurfkuss ins Publikum, wie von einem müden Clown.
Mit einem Blick aus aufgerissenen Augen, wie einem alten Stummfilm abgeschaut. Sie spucken bloß auf den Boden, und das Publikum lacht Tränen, und nicht nur einmal, wieder und wieder. Sie kleben kurz ihren Kaugummi an die Holzwand. So können sie ihre geflüsterten Anweisungen besser zwischen ihren gebleckten Zähnen hervorzischen, bis das Publikum „Olé“ schreit wie ein deutscher Volkshochschulkurs in Flamenco.
Der Abstand ist es, der die Spannung erzeugt
Das klingt so schrecklich und großartig, wie es auch ist. Die von den Kapverdischen Inseln stammende Tänzerin, Choreographin und Performancekünstlerin Marlene Monteiro Freitas und der Bailoar aus Sevilla, Israel Galván, teilen sich den Platz auf dem Holzboden und machen den ästhetischen Graben zwischen Flamenco und Performance zum Thema. Deswegen, wegen dieses unzuschüttbaren Abgrunds heißt ihr Stück nicht einfach „Ritus“ oder „Ritual“, sondern „RI TE“ mit einer Leerstelle zwischen den Großbuchstaben. So weit sind diese Tanzgrößen voneinander entfernt. Der Abstand ist es, der die Spannung erzeugt, banal, aber so wahr wie Monteiros Begründung der Zusammenarbeit: „When he dances, he makes me dance.“
Das ist die Definition von monstre sacrée im Tanz. Im Schauspiel wäre es Isabelle Huppert, im Ballett Sylvie Guillem. Und so tanzt Israel Galván seinen „Flamenco Novo“, so verwandelt sich Marlene Monteiro Freitas in ihren Metamorphosen in einen Vogel oder in etwas Beliebiges, das sie will. Man sieht sie, man möchte tanzen, man möchte sie sein.
Ein Publikum, das internationales Theater liebt
Im vergangenen Jahr wurde „RI TE“ in Paris uraufgeführt, jetzt ist es im Rahmen von Ivo Van Hoves dritter Ruhrtriennalen-Ausgabe auf der Zeche Zollverein in Essen zu sehen. Hier dient die ehemalige Waschkaue unter der Leitung von Stefan Hilterhaus seit fast 25 Jahren als ein Theater-, Proben- und Experimentierhaus, in das die multinationale Nachbarschaft mit ihren Kindern kommt und Publikum, das internationales Theater liebt. Die Leute nehmen die Institution PACT an wie der Steinboden der stillgelegten Grube die Vegetation, Kraut, Büsche, schmale, aber hartnäckige Baumstämme.
Die Holzkiste im Theatersaal hat nur schmale Seitenwände, gerade so breit, dass Monteiro um deren Ecken lugen kann. Boden und Rückwand, so groß wie die Küche einer alten Arbeiterwohnung, bilden den Rahmen des Doppelporträts als ungleiches Paar, die Spielfläche, auf der sich die beiden mit fremden Füßen Sprechenden begegnen, den Resonanzraum ihrer klopfenden, trommelnden, schleifenden Schritte, ihrer klatschenden Hände, ihrer gegen die Beengung der Zweiertanzbeziehung ans Holz austeilenden Ellbogen.
Die Bewegung des Kaugummikauens
Das Größte an diesem Abend ist die Sensibilität der beiden, ihr Gespür für Detail, ihr Gefühl für den anderen. Es dauert allerdings einen Moment, bis man das merkt. Denn erst einmal laufen da beim Einlass zwei Personen links und rechts der Holzplatten herum. Die beiden hatten also ein Leben, bevor das hier anfing. Monteiro hat ihr schwarzes Haar hochgesteckt und weiße Blüten darin befestigt. Sie trägt einen engen weißen Arbeitsoverall mit einem grünen elastischen Gürtel, den sie ab und zu zurechtschiebt. An einer Hand trägt sie einen weißen kleinen Handschuh, der auf der Handinnenfläche ganz dreckig ist. An den Füßen hat sie petrolfarbene, enge Stiefeletten. Ihr ganzes wunderschönes Gesicht bewegt sich vom Kaugummikauen.
Galván hat sein Haar zurückgebunden und den Blütenschmuck wie einen Irokesen-Kamm auf dem Kopf befestigt. Auch er trägt einen Overall, hat aber ein Bein bis zum Oberschenkel aufgekrempelt, sodass eine weiße Ballettstrumpfhose zu sehen ist. Er trägt gleich zwei kleine schwarze Schürzen, eine vorne, eine hinten. Das gibt ihm etwas von einem Koch oder Hufschmied. Ein Stück Stoff ist es auch, das den beiden eine sublime Form des Stierkampfs erlaubt. Was Monteiro mit dem großen weißen Taschentuch noch alles macht, passt auf keine Kuhhaut und treibt einem in einem zentralen Moment des Stücks die Schamesröte ins Gesicht. Aber Galváns Ausrüstung wäre nicht vollständig ohne die pinkfarbenen Gummi-Stiefeletten, mit denen er seinen Flamenco dämpft.
Es geht darum, weird zu sein
Das hätte nicht sein müssen, denn das sieht auf doofe Art lächerlich aus, denkt man im ersten Augenblick. Aber das ist ein entscheidender Punkt, den dieses Stück macht, um dessen willen allein man es lieben muss. Es ist live, es ist ein echter Auftritt, kein Social-Media-30-Sekunden- oder -5-Minuten-Ding. Es geht gerade nicht darum, sich aus dem vorteilhaftesten Blickwinkel so makellos und begehrenswert zu inszenieren, wie man es im wirklichen Leben keine weitere Minute durchhalten könnte. Nein, es geht darum, weird zu sein, zu zeigen, wie sich jemand nicht wohlfühlt in ihrer Haut.
So spielt Monteiro anfangs krass grimassenhaft alle Zweifel und Ängste angesichts der Herausforderung durch diesen so anderen Tänzer, der sich einfach fallen lassen kann in den Trommelgesang seiner Beine, der so eintaucht in den Rhythmus, dass sein Gesicht sich verändert, weich wird. Sein Körper hält anstrengungslos das Tempo, aber sein Wesen geht auf in diesen nicht enden wollenden Bewegungen mit ihren subtilen Veränderungen. Er wirkt fast entrückt in seiner Konzentration. In solchen minutenlang sich hinziehenden Passagen ist die Anziehungskraft des Tanzes am stärksten. Monteiro kann dieselben Kräfte in sich entfesseln, es kommt aber etwas anderes aus ihr heraus. Eine Reihe sich schnell abwechselnder, einander widerstreitender Gesichtsausdrücke, eine Art Verlorenheit und Schönheit der Bewegungen. Sie fasst alles an, auch wenn ihr Handschuh dabei schmutzig wird.
„Olé“ schreien, als gäbe es kein Morgen
Warum man die Metamorphosen der beiden so liebt, ist klar. Sie versprechen, auch wir könnten über uns hinauswachsen, aus unserer Existenz herauswachsen, „Olé“ schreien, als gäbe es kein Morgen, und es lieben. Oder sogar merken, dass es peinlich ist, und auch diesen Grusel noch genießen. Wenn das so wäre, müsste man öfter in „RI TE“ gehen, bis man sich so richtig traut, wie die Frau, die plötzlich ganz allein und sehr gut nach einem gemeinsamen „Olé“ „Ariba“ ruft und damit bei Monteiro einen Achtungserfolg erzielt.
Freut euch nicht zu sehr über ihr anerkennendes Nicken. Zwar überbrückt das Stück den Graben zwischen Flamenco und Performance, zwischen Mann und Frau – Letzteres mit einem zärtlichen, ausgiebigen Klopfen von Galváns Händen auf Monteiros Füße und einem angedeuteten Orgasmus, bei dem sie ihr Gesicht unter dem Taschentuch verbirgt. Und es schließt den Abstand zwischen Bühne und Publikum. Aber nur für die Dauer des Rituals: Wurfkuss. Dann muss das Theater einen neuen Anlauf machen: Ausspucken.
