Nur leicht ist die Zahl der Erwerbslosen im Main-Taunus-Kreis über das vergangene Jahr hinweg gesunken. Das geht aus dem Eingliederungsbericht des Jahres 2025 hervor. Suchten im Januar noch 11.836 Menschen eine Arbeit, im Sommer sogar mehr als 12.000, sank die Zahl zum Jahresende auf 11.547. Wirklich arbeitslos sind davon aber nur 4609 Personen. Der Rest befindet sich in einer Fördermaßnahme, oder es handelt sich um einen sogenannten Aufstocker, dessen Gehalt nicht zum Leben reicht – und vielfach auch nicht zum Wohnen, da das Mietniveau im Kreis überdurchschnittlich hoch ist.
„Unser höchstes Ziel ist die Integration, das heißt, kein Leistungsbezug mehr“, sagt Raphael Stanko, seit zwei Jahren Leiter des Jobcenters im Main-Taunus-Kreis. Seit dem 1. April dieses Jahres ist das Jobcenter in die Zuständigkeit der Dezernentin Madlen Overdick (Die Grünen) gewandert. Ganz einfach ist die Vermittlung nicht, und auch die Anforderungen haben sich im Laufe der Jahre geändert. Hatten die Arbeitsagenturen früher häufig mit Menschen ohne Schulabschluss zu tun, so hängt es heute vor allem an den Sprachkenntnissen. Auch brauche man in Deutschland oft lange, um einen ausländischen Abschluss anerkennen zu lassen. „Eigentlich bräuchten wir eine Arbeitserprobung“, sagt Stanko.
Zudem liege die Sprachförderung hoheitlich beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. „Da wurde viel eingespart, und das merken wir beim Platzkontingent und bei den Wartezeiten“, sagt der Leiter der Arbeitsagentur. Auch waren einige Zeit die Lehrkräfte für Deutsch als Fremdsprache knapp. „Gerade als wir wieder genug Lehrkräfte hatten, wurde der Rotstift angesetzt.“
Sprunghafter Anstieg binnen zwei Jahren
Die Krisen der Welt schlagen sich sichtlich in der Statistik des Main-Taunus-Kreises nieder. Seit 2015 kamen Syrer nach Deutschland und waren zunächst im Asylverfahren. Weil viele nach zwei Jahren anerkannt wurden, steigt die Zahl der Nichtdeutschen unter den Arbeitsuchenden innerhalb kurzer Zeit von 39 Prozent im Jahr 2016 auf 49 Prozent im Jahr 2018.
Die zweite Welle kam, nachdem der Ukrainekrieg begonnen hatte. Nun lag der Anteil der Nichtdeutschen schlagartig bei 60 Prozent. Die Zahl der arbeitslosen Ukrainer liegt aktuell bei 1783 Personen. Inzwischen haben sich viele auf eine längere Bleibezeit eingerichtet und lernen Deutsch. „Jetzt beginnt der richtige Integrationsprozess“, sagt Dezernentin Overdick. Viele der Frauen seien gut ausgebildet und sprächen häufig Englisch, hätten aber auch Kinder zu betreuen und könnten daher nicht Vollzeit arbeiten. Allerdings sei es für viele Mütter eine Motivation, ergänzt Stanko, die Kinder zu fördern und ihnen eine Perspektive zu bieten. Entsprechend wurden im Jahr 2025 doppelt so viele Ukrainer in eine Tätigkeit vermittelt wie im Vorjahr, nämlich 224 Personen, dazu kommen 168 Ukrainer, die einen Minijob annahmen.
Eine wachsende Gruppe seien auch junge Menschen, die nach der Schule bei den Eltern wohnten, hier und da jobbten und keine Ausbildung und keine Perspektive hätten. „Wir müssen ihnen immer wieder Angebote machen“, hebt Stanko hervor. Man dürfe diese Menschen nicht alleinlassen, denn viele seien noch sehr praktikumsaffin und bereit, verschiedene Tätigkeiten auszuprobieren. „Wir klingeln auch an der Tür, wenn es sein muss“, sagt Stanko.

Auch für andere Fälle gibt es vielfältige Förderungen. Zum Beispiel den Beschäftigungszuschuss nach Paragraph 16e, bei dem das Amt für eine bestimmte Zeit den Lohn übernimmt. Dadurch können Betriebe auch Menschen eine Chance geben, die womöglich schon lange aus dem Arbeitsalltag herausgefallen sind und sich erst wieder einfinden müssen. Vielen gelänge das, und sie würden übernommen, sagt Stanko. Auch die Tätigkeit im Sozialkaufhaus und den angeschlossenen Werkstätten helfe, wieder einen strukturierten Alltag einzuüben.
Andere habe man eher durch die Angst vor Sanktionen zum Mitmachen motiviert – eine Möglichkeit, die nun weggefallen sei. Es sei da weniger um eine tatsächliche Bestrafung gegangen als um ein Argument im Dialog mit dem inneren Schweinehund. „Da haben wir einige Kunden verloren“, sagt Stanko. Wirklich sanktioniert habe man nur 2,1 Prozent. „98 Prozent der Menschen machen mit, sie sind nur in ihren Möglichkeiten beschränkt.“
Eine Erfolgsgeschichte ist weiterhin das Angebot „Arbeit Plus“, bei dem Minijobber gecoacht werden, um auf Teilzeit oder Vollzeit aufzustocken. Hier konnten 65 Prozent der Teilnehmer vermittelt werden. Auch insgesamt ist die Vermittlungsquote erfreulich gestiegen. Die Zielvorgabe des Landes Hessen für den Kreis liegt bei 1100 Fällen, geschafft wurden 1787 Fälle. Das liege auch an einer Neustrukturierung des Jobcenters vor drei Jahren, sagt Stanko. Bislang waren die Kunden nach Buchstaben und Alter sortiert, nun regional nach Kommunen. Dadurch kennen sich die Betreuer regional besser aus. Zudem versuche man stärker, positive Effekte zu identifizieren und zu nutzen. „Wenn irgendwo besonders viele Frauen vermittelt werden, schauen wir genau hin, was läuft da anders?“
Zum 1. Juli wurde aus dem Bürgergeld die neue Grundsicherung. Besonders großen Einfluss hat das auf die Übernahme der Mietkosten. Wurde die Miete bislang im ersten Jahr übernommen, so ist das nun auf das anderthalbfache eines ermittelten Werts gedeckelt und wird danach sukzessive abgesenkt. „Die Auswirkungen sind noch nicht klar“, sagt Stanko. Wird auf diese Weise die Obdachlosigkeit erhöht, oder sparen betroffenen Familien dann bei den Kindern? „Wir müssen schauen, ob das der angemessene Hebel ist“, sagt Dezernentin Overdick.
