Eine Woche Urlaub auf Teneriffa samt Hin- und Rückflug für weniger als 400 Euro. Mit diesem Angebot geht der Reisekonzern TUI nun auf Kundenfang unter Sparwilligen und Kurzentschlossenen. Über Jahre sind Urlaube teurer geworden, was Reiseanbieter mit dem Kundenwunsch nach Höherwertigem für die Ferien erklärten. Eine neue Offensive zielt auf Reisende, deren Urlaubsbudget nicht größer geworden ist.
Los geht es damit in Großbritannien. Dort hat TUI den Ableger Sundeals geschaffen. Europaweit schätzt der Konzern das Potential für Kunden, die zur Buchung maximal 750 Euro je Person für die Ferien aufwenden wollen, auf 13 Millionen im Jahr. „TUI ist außerhalb Deutschlands im Segment für preisbewusste Urlauber unterrepräsentiert. Dabei besteht dort Wachstumspotential, und wir wollen neue Kundengruppen gewinnen“, sagt Beate Einhäuser.
Einhäuser ist Chefin des deutschen TUI-Ablegers Ltur, der sich hierzulande vor allem an Last-minute-Bucher richtet. Ein Großteil der Kunden bucht höchstens 60 Tage vor Urlaubsbeginn. „Ltur war die Vorlage für Sundeals. In die Angebotsgestaltung und das Geschäft mit Kurzentschlossenen sowie in die IT ist viel von Ltur eingeflossen“, sagt sie. Nur die deutsche Marke traute man sich nicht nach England zu exportieren. „Briten wüssten wohl nicht auf Anhieb, wie sie Ltur aussprechen sollten. Ein Name wie Sundeals, der einfach das Geschäft beschreibt, hat es beim Neustart leichter“, sagt Einhäuser.
Der Name TUI bleibt im Hintergrund
Schon Ltur mit Sitz in Rastatt stellt nicht prominent heraus, Teil des TUI-Konzerns zu sein. Der britische Ansatz ist radikaler: Auf der neuen Sundeals-Internetseite muss der Nutzer bis ins Kleingedruckte navigieren, um zu merken, dass er überhaupt bei TUI ist. „Verschiedene Kundenbedürfnisse zu bedienen, funktioniert am besten mit einer zweiten Marke“, erklärt Einhäuser. „TUI-Kunden wünschen für den gezahlten Preis Service und Qualität im Rahmen eines Rundumpakets, Sundeals richtet sich an Urlauber, die nur das bezahlen wollen, was sie tatsächlich haben möchten.“ Man könnte auch sagen: TUI will mit Kunden wachsen, die sich mit weniger zufriedengeben, das Profil der Kernmarke soll aber nicht leiden.
Die Strategie erinnert an Billigflieger-Kniffe: Es gibt eine Basisleistung und Extras gegen Aufpreis. Bei der 400-Euro-Reise hat das Hotel keine Vier- oder Fünf-Sterne-Einstufung, die Mitnahme eines großen Koffers im Flieger ist nicht inklusive, am Zielflughafen wartet zunächst kein Transferbus für die Fahrt zur Unterkunft, und als Verpflegung ist bestenfalls das Frühstück im Preis enthalten. Wer mehr möchte, kann das direkt dazubuchen. Salopp gesagt, sind das Pauschalreisen nach Ryanair-Prinzip.
Dahinter steckt mehr als eine Reaktion auf die Buchungszurückhaltung nach Beginn des Nahostkonflikts. Vor allem der britische Reisemarkt erlebt einen Umbruch. TUI – in Deutschland und Europa insgesamt Marktführer – hat dort die Spitzenposition verloren. Nummer eins ist nun Jet 2, eine Fluggesellschaft, die ihre Sitze vornehmlich mit Käufern scharf kalkulierter Pauschalreisen füllt, die Jet 2 selbst zusammenstellt. In die britische Spitzengruppe sind zudem der nicht minder preisaggressive Neuling Love Holidays sowie die Reisesparte des Billigfliegers Easyjet aufgerückt.
Ltur aus Deutschland hilft bei Englandoffensive
Positiv gewendet, lässt sich sagen, TUI habe sich trotz neuer Wettbewerber auf dem britischen Markt behauptet. Der Rivale Thomas Cook ist vor Jahren in einer Insolvenz untergegangen. Und ein Abgesang auf die Pauschalreise als vermeintlich nicht mehr zeitgemäßes Produkt kann angesichts der Dynamik mit neuen Anbietern als widerlegt gelten. Bloß ist es für traditionelle Anbieter ein schwacher Trost, wenn Kunden sich Branchenneulingen zuwenden.
Zuletzt gelang auch das Gegensteuern nach der Frühjahrs-Buchungsdelle, die durch Folgen des Irankriegs ausgelöst wurde, in Deutschland besser als im Königreich. Anfang August lag der Wert der hierzulande gebuchten Sommerurlaube nur noch drei Prozent unter dem Vorjahresniveau, in Großbritannien waren es acht Prozent.

TUI will dort mit Sundeals zurück an die Spitze. Ltur liefert dafür das Fundament – mit einem Grundkonzept, das 1987 der Reise- und Medienunternehmer Karlheinz Kögel ersann und das TUI ihm später abkaufte. „In Deutschland ist TUI mit Ltur gut im preisgünstigen Segment vertreten. Ltur wächst im Last-minute-Geschäft auch in diesem Jahr“, sagt Einhäuser. „In Großbritannien war die TUI-Produktpalette bislang nicht so breit. Deshalb starten wir dort mit Sundeals, im nächsten Schritt kann die Marke auf weitere Länder ausgedehnt werden.“ In Deutschland, Österreich, Frankreich und der Schweiz bliebe es aber Ltur, zumal Ltur – anders als Sundeals – Urlaube auch über Reisebüros vermitteln lässt und eigene Shops betreibt.
Über Jahre hatten Reiseanbieter versucht, mit höherwertigen Unterkünften und neuen Eigenmarkenhotels Pauschalreisen vom Image des billigen Urlaubs von der Stange zu befreien. Das kam bei zahlungskräftigeren Kunden an, hat das Reisen aber auch verteuert. Zugleich gewinnt nach Jahren steigender Frühbucherzahlen das Last-minute-Geschäft an Bedeutung. Schon 2025 stieg die Zahl der Urlauber, die Buchungen lange hinauszögerten, weil sie auf Rabatte warteten. 2026 war es krisenbedingt abermals so.
Wettlauf um Urlauber mit kleinerem Budget eröffnet
Nicht nur TUI reagiert. Der hiesige Rivale Alltours hat sich unter dem Namen A&B Kurzfristreisen auch einen Ableger zugelegt. „Mit A&B Kurzfristreisen schaffen wir eine eigenständige Marke für alle Urlauber, die spontan reisen und kurzfristig attraktive Angebote nutzen möchten“, sagte Alltours-Hauptgeschäftsführer Dennis Schrahe. Dertour hatte mit ähnlichem Ziel im vergangenen Jahr bei der Übernahme der Schweizer Hotelplan-Gruppe im Paket den Anbieter Vtours mit Sitz in Aschaffenburg mitgekauft.
Von Billigreisen für mehr Kunden will Einhäuser nicht sprechen. „Wir achten darauf, dass ein Qualitätsanspruch gewahrt ist, im Fokus steht, einen günstigen Preis anzubieten“, sagt sie. Möglich werde das über das Herausnehmen von Teilleistungen aus dem Basispaket. „Auch über einen eigenen Einkauf von Hotel- und Flugkapazitäten, der sich etwas von dem der Kernmarke TUI unterscheidet sowie über die dynamische Kombination unterschiedlicher Leistungen, sind Preisvorteile möglich“, erklärt sie.
Aktuell liefert Ltur die Vorlage für Neues in anderen Ländern. Fortan wolle man aber auch von britischen Erfahrungen lernen und Sundeals-Neuerungen auf Ltur übertragen, sagt Einhäuser. Denn auch Ltur soll wachsen. Die Pauschalreise ohne Inklusiv-Koffertransport im Flieger könnte dazu zählen. Die vermarktet TUI bislang in Deutschland nicht.
