Fast sind sie bei ihm. Kurz wechselt Markus Schlechtizky-Karmann noch einen Blick mit seinem Kollegen, dann spricht er den Mann an, der mit gekrümmtem Rücken und verkrampften Fingern unter einer Anzeigetafel auf dem U-Bahnsteig sitzt. „Geht es Ihnen gut?“, fragt er. Sein Kollege Hans Mara hat mittlerweile blaue Gummihandschuhe übergestreift. Er tritt noch einen Schritt näher und zieht den Mann nach oben. „Was fehlt Ihnen, was tut weh?“ Und wo will er überhaupt hin, hier vom Münchner Hauptbahnhof aus?
Der Mann torkelt ein Stück in Richtung Gleis und wendet sich dann zur Rolltreppe. Von zwei Seiten folgen Schlechtizky-Karmann und Mara ihm, mit einigen Metern Abstand. „Er ist rechts gegangen“, sagt Mara am Ende der Rolltreppe. An einem Treppenaufgang nach draußen sehen sie ihn wieder. Er uriniert. „Das ist nicht okay, der Bahnhof ist keine Toilette“, sagt Schlechtizky-Karmann, sein Ton nun strenger. Wo er schlafe? Wo er gemeldet sei? Ob er seinen Ausweis dabeihabe? Der Mann wird ermahnt, aus dem Bahnhof geschickt – und die beiden Dienstkräfte der Münchner U-Bahnwache veranlassen eine Sonderreinigung.

Das Ziel: Gesund wieder nach Hause kommen
Ein paar Stunden zuvor beginnt Schlechtizky-Karmanns Spätschicht im Büro der Einsatzleiter vom Dienst. Der Freitag im Sommer verspricht, ruhig zu werden. Keine Wiesn, kein Fußballspiel in München und in diesem Jahr auch kein Public Viewing während der WM. Neben der sogenannten Einsatzleiterstreife, in der Einsatzleiter Schlechtizky-Karmann von Mara – der seit dreieinhalb Jahren dabei ist – unterstützt wird, werden fünf weitere Doppelstreifen in unterschiedlichen Bereichen des Streckennetzes unterwegs sein.
Zu ihren Aufgaben zählt, auch in Kooperation mit der Polizei dafür zu sorgen, dass die durchschnittlich 1,2 Millionen Fahrgäste am Tag sicher reisen. In Notfällen werden sie Hilfe leisten und bei Auseinandersetzungen eingreifen. Dafür ist die U-Bahnwache rund um die Uhr im Einsatz. Was an einem Tag tatsächlich ansteht, lässt sich aber schwerlich planen. „Schaun mer mal, was kommt“, sagt der gebürtige Münchner. Sein Arbeitstag war erfolgreich, wenn es von der Schicht nichts Nennenswertes zu berichten gibt. „Wenn man gesund wieder nach Hause kommt.“
Warum die U-Bahnwache eine scharfe Waffe mit sich führt
Erster Halt: Münchner Freiheit. Solange sich niemand meldet, fahren sie zu Bahnhöfen, an denen üblicherweise viel los ist – immer mit dem Auto, falls sie doch schnell bei einer Notlage unterstützen müssen. Lässt Schlechtizky-Karmann seinen Blick durch den Bahnhof schweifen, hat er eine Augenbraue leicht nach oben gezogen. „Dann gehen wir mal eine Runde“, sagt er zu seinem Kollegen. Beide haben eine Glatze, sie tragen die gleichen Sicherheitswesten – von hinten sehen sie sich fast schon zum Verwechseln ähnlich. Als ein Straßenmusiker die Dienstkräfte sieht, setzt er seine Violine ab. Doch er sitzt geschickt; dort, wo die Hausordnung noch nicht gilt. Fünf Zentimeter weiter darf sich nur aufhalten, wer zu den öffentlichen Verkehrsmitteln oder Geschäften im Bahnhof gelangen will. Die Männer winken ab und wenden sich den Toiletten zu, in denen Drogen, Sexualität und Prostitution immer Thema sein können. Zur Geigenmusik drehen sie eine Runde – und notieren im Anschluss auf dem Handy, die Toiletten überprüft zu haben.

Ihr Gang führt sie weiter vorbei an einer Ecke, die vor den Kameras verborgen liegt. Ruhig. Weiter über den Bahnsteig und wieder die Treppe hinauf. Kinder schauen zu ihnen hoch, kommen mal für ein High Five. Etliche Male werden sie nach dem Weg gefragt, immer antworten sie freundlich und zugewandt. „Service und Sicherheit“, fasst Schlechtizky-Karmann die Aufgabe der U-Bahnwache zusammen. Die Dienstkräfte fallen auch deshalb auf, weil sich an ihren Gürteln neben einer Taschenlampe, medizinischen Hilfsmitteln, Handschellen und einem Sprühgerät mit einem Pfeffergel auch eine scharfe Waffe befindet. Die Idee: In einem Notfall sollen sie nicht selbst von der Polizei geschützt werden müssen, sondern diese unterstützen. Die Waffe habe Schlechtizky-Karmann in 25 Jahren bei der U-Bahnwache aber noch nie nutzen müssen.
Mit Anfang 30 bewarb er sich bei der U-Bahnwache
Durch ihre Präsenz sollen sie den Fahrgästen auch ein Gefühl subjektiver Sicherheit vermitteln. Bei ihren Vorgängern war das anders: Bis im Jahr 1989 die U-Bahnwache im Auftrag der städtischen Verkehrsbetriebe anfing, die U-Bahn-Anlage zu überwachen, waren in der U-Bahn die umstrittenen „Schwarzen Sheriffs“ unterwegs. Schwarz gekleidete Mitarbeiter eines privaten Sicherheitsunternehmens mit einem „sehr martialisch-dominanten Auftreten“, erinnert sich Schlechtizky-Karmann. „Das war – ich will nicht sagen furchteinflößend – aber vielleicht mehr als respekteinflößend“, sagt er.
Vor 25 Jahren hatte die U-Bahnwache als gemeinsame Gesellschaft der Stadtwerke München und Securitas schon viele Jahre nichts mehr mit seiner Jugenderinnerung an die U-Bahn zu tun. Als Verlagskaufmann wollte er mit Anfang 30 den Arbeitgeber wechseln und dabei eigentlich in der Branche bleiben. Eine Annonce der U-Bahnwache aber machte ihn neugierig, und er besuchte einen Informationsabend. „Ganz unverbindlich.“ Eines der Versprechen: Jeder Tag sehe anders aus.
Mit Anfang dreißig bewarb er sich und absolvierte die viereinhalb Monate lange Ausbildung, in der unter anderem die waffenrechtliche Erlaubnis erworben wird. Für diese werde man geprüft wie jemand, der bei der Polizei anfangen wolle. „Bei uns arbeiten nur Leute, die eine blütenreine Weste haben“, sagt er. Mit der Polizei geht die U-Bahnwache mit ihren etwa 135 Mitarbeitern auch selbst auf Streife. „Wie früher acht bis zehn Stunden am Tag im Büro vor dem PC zu sitzen, das würde mir heute sehr schwerfallen.“ Rund ein Drittel seiner Arbeitszeit verbringe er im Büro, zwei Drittel der Zeit draußen.

„Die Gewaltbereitschaft hat sich schon deutlich gesteigert“
Auf Streife habe sich eine Sache im Laufe der Jahre maßgeblich verändert: wie sich die Menschen verhalten. Pauschalisieren wolle er nicht, aber teilweise hätten die Leute viel Frust – sie seien ungeduldig, wenn etwas nicht funktioniere oder die U-Bahn selten einmal Verspätung habe. Und: „Die Gewaltbereitschaft hat sich schon deutlich gesteigert im Vergleich zu früher.“ Man versuche „immer, zu deeskalieren und vernünftig mit den Leuten zu reden“. Er und seine Kollegen seien dafür ausgebildet, den Menschen zu verstehen zu geben, dass er mit ihnen persönlich kein Problem habe, sondern nur mit ihrem Verhalten. Aber das funktioniere nicht immer. „Woraus diese Frustration tatsächlich resultiert, das weiß ich nicht.“

Was sagt es über eine Stadt aus, was in der U-Bahn passiert? Was hier passiere, sei ein „Spiegelbild von ganz München“, von dem, was an der Oberfläche passiere. Trotzdem: Für die U-Bahn in München habe man ein System gefunden, das funktioniere. Fahrgastbefragungen zeigten, dass sich die Menschen in den Fahrzeugen und Bahnhöfen sicher fühlten. So wie sie den Job bei der Münchner U-Bahnwache machen, wollen sie weitermachen.
Und auch Schlechtizky-Karmann will weiter bei der U-Bahnwache arbeiten – bis zur Rente. Er arbeite etwa 20 Schichten im Monat und verdiene als Angestellter von Securitas mittlerweile rund 4500 Euro netto, was er angemessen findet. Das eigene Haus sei abbezahlt, er sorge privat vor und blicke der Rente so weit entspannt entgegen. Wie anstrengend der Job sei, hänge davon ab, was los sei. Er sehe viel Not und Elend. Wenn er nach den acht Stunden in sein Auto steige und nach Hause fahre, könne er das Erlebte aber gut ausblenden. „Es zieht eine gewisse Routine ein.“
Doch auch in der Routine gilt weiter: In Sekunden müssen er und seine Kollegen wieder aktiv werden können. Als sie später am Abend den Hauptbahnhof verlassen, um zum nächsten Bahnhof zu fahren, nähern sich gerade Feuerwehr und Notarzt dem Eingang der U-Bahn. Nur warum? Markus Schlechtizky-Karmanns Augenbraue geht in die Höhe. Die Kollegen vom Rettungsdienst sagen ihm: Ein Einsatz bei der U4/U5, eine Person habe einen Krampfanfall. Mara und er laufen los, um die Retter hinzubringen und den Ort abzusichern. Eines können sie von der U-Bahnwache niemals sagen: „Das betrifft mich nicht, gehen wir vorbei.“
