Sie sind der Horror vieler Schüler: unangekündigte Mathetests und Vokabelprüfungen. Aus der erhofften lockeren Unterrichtsstunde wird nichts, Wissenslücken sind nicht zu vertuschen. Die pädagogische Logik dahinter ist einfach. Wer jederzeit geprüft werden kann, lernt womöglich regelmäßiger. Aber funktioniert dieses Prinzip auch dort, wo es nicht um Noten oder die Versetzung geht, sondern um Leben und Tod?
Die kurze Antwort lautet: offenbar ja. Das zumindest legt eine Studie der Ökonomen Ashvin Gandhi, Andrew Olenski und Maggie Shi nah, die in der angesehenen Zeitschrift „American Economic Review“ veröffentlicht wird. Die Wissenschaftler haben in amerikanischen Pflegeheimen untersucht, ob es einen Zusammenhang zwischen den obligatorischen Qualitätsprüfungen und der pflegerischen Betreuung in den Einrichtungen gibt. Sie stießen dabei auf ein klares Muster. Wenn Kontrollen näher rücken, betreiben die Heime einen höheren Aufwand – mit weitreichenden Folgen für das Wohlergehen der Bewohner.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Eigentlich ist das amerikanische Kontrollsystem so angelegt, dass die Heime sich nicht auf die Prüfungen vorbereiten können. Denn die staatlichen Kontrolleure, die die Heime mehrere Tage durchleuchten, kommen unangemeldet. In der Realität sieht es allerdings anders aus. Etwa einmal im Jahr soll kontrolliert werden, und wer nach zehn Monaten noch nicht dran war, ahnt schon, dass es bald an der Tür klingeln wird. Drei Viertel der Kontrollen finden in einem bestimmten zeitlichen Fenster rund ein Jahr nach der letzten vorangegangenen Kontrolle statt, analysieren die Forscher.
Sind genügend Pfleger vor Ort?
Um herauszufinden, ob die Wahrscheinlichkeit, kontrolliert zu werden, Einfluss auf die Qualität der Pflege hat, entwickelten die drei in Amerika forschenden Ökonomen einen Index, in den mehrere Kenngrößen einflossen: Wie viel Personal wird eingesetzt? Sind darunter genügend Fachkräfte? Sind auch am Wochenende immer genügend Pflegerinnen und Pfleger vor Ort? Und welche Medikamente werden verabreicht? Dienen sie eher dazu, die Senioren ruhigzustellen, oder werden die Menschen wirklich behandelt? Die Forscher gehen davon aus, dass die Heimbetreiber in der Lage sind, diese Faktoren zu steuern, beispielsweise, indem sie Personal gezielt in Einrichtungen einsetzen, in denen Kontrollen anstehen.
In den Datensätzen, die bis ins Jahr 2006 zurückreichen, entdeckte das Forscher-Trio eine Auffälligkeit. Der Qualitätsindex schlug in den Wochen nach der Prüfung nach oben aus, fiel dann deutlich ab und stieg dann erst wieder nach etwa einem Dreivierteljahr spürbar. Die Forscher erklärten diesen Verlauf damit, dass nach einer Prüfung erst einmal Nachprüfungen drohen. Die Pflegeheimbetreiber wissen das und bleiben in Alarmbereitschaft. Dann kommt eine ruhigere Phase, bevor die nächste Prüfungsphase beginnt. Höchst relevant ist dieses Muster, weil der von den Forschern errechnete Index eng mit dem Gesundheitszustand der Bewohner verknüpft ist. Bewegt sich der Index statistisch relevant nach oben, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass ein Heimbewohner in den kommenden vier Wochen stirbt, um 5,4 Prozent.
Wie wichtig die Kontrollen sind, zeigen die Forscher mit einem Modell, mit dem sie ihre Beobachtungen verallgemeinern: 886 Menschenleben würden jährlich gerettet beziehungsweise verlängert, weil es Kontrollen gebe und die Senioren in den Phasen davor besser versorgt würden als sonst, schreiben die Autoren. Das entspreche 57 verlängerten Leben je 1000 Kontrollen.
Wie sich 10 Prozent mehr Leben retten lassen könnten
Dabei ist nicht eingerechnet, dass die Kontrollen auch grundsätzlich für höhere Standards sorgen, es geht den Forschern allein um die Verhaltensänderungen kurz vor den Prüfungen. Würde man die Zahl der Kontrollen um ein Viertel erhöhen, würde sich die Zahl der verlängerten Leben ebenfalls um ein Viertel erhöhen, so die Ökonomen. „Das allerdings wäre schwierig, weil berichtet wird, dass die Gesundheitsbehörden bereits jetzt Schwierigkeiten haben, genügend Kontrollen vorzunehmen, um selbst die derzeitigen Vorgaben zur Prüfungshäufigkeit einzuhalten“, schreiben sie.
Sie schlagen deshalb etwas anderes vor, das genauso wirksam sei, aber keinen Dollar mehr koste. Die Prüfungen sollten komplett unvorhersehbar stattfinden, fordern sie. In ihrer Modellrechnung erhöht das die Zahl der geretteten Leben um rund zehn Prozent. Das entspreche etwa dem positiven Effekt, den es habe, die Zahl der Kontrollen um zehn Prozent zu erhöhen. Zusätzliche Prüfer oder mehr Termine wären dafür nicht notwendig.
Allerdings hätte diese Regelung einen Nachteil, räumen die Ökonomen ein. Denn die Ergebnisse der Kontrollen werden veröffentlicht und liefern potentiellen Bewohnern und deren Familien Anhaltspunkte für die Auswahl des Heims. Wenn nun eine Einrichtung zufällig zweimal in kurzem Abstand kontrolliert wird und dann einen längeren Zeitraum nicht, sind die Informationen für die Öffentlichkeit weniger aktuell und aussagekräftig. Die Ökonomen halten diesen Effekt aber für weniger schwerwiegend. Sie schlussfolgern: „Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Vorhersehbarkeit von Kontrollen eine wichtige und bislang zu wenig beachtete Dimension von Kontrollsystemen ist.“
Lassen sich die Ergebnisse auf die Situation in Deutschland übertragen? Hierzulande prüft vor allem der Medizinische Dienst die Heime, und zwar auch turnusgemäß durchschnittlich einmal im Jahr. Ein früherer Heimmanager, der jahrzehntelang in der Branche gearbeitet hat, glaubt trotzdem nicht, dass die Heime sich vorab so auf die Prüfungen einstellen können, dass sie die Ergebnisse kurzzeitig verbessern. Geprüft würde zum Beispiel der Erhalt der Selbständigkeit von Demenzerkrankten oder das Schmerzmanagement. Derlei lasse sich nicht kurzfristig beeinflussen. Zudem würden die Bewohner, die genauer betrachtet werden, ausgelost. Auch das führe zu belastbaren Ergebnissen.
Nicolas Ziebarth, der Leiter des Bereichs Arbeitsmärkte und Sozialversicherungen am Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim (ZEW), hat dagegen größere Zweifel am deutschen System. Er bemängelt beispielsweise, dass die Heime kurz vorher über eine anstehende Prüfung informiert werden. Die offizielle Begründung: Die Heime sollen sich „organisatorisch“ vorbereiten können. Seit diesem Jahr werden die Heime nicht nur einen, sondern sogar zwei Tage vorab informiert. „Der Vorteil eines besseren Organisationsablaufs rechtfertigt aus meiner Sicht nicht die Risiken von Manipulation zulasten von vulnerablen Gruppen“, sagt Ziebarth. Es erschließe sich ihm nicht, warum die Prüfungen nicht wirklich unangekündigt und zufällig stattfinden könne.
Ashvin Gandhi, Andrew Olenski, Maggie Shi: Predictably Unpredictable Inspections, American Economic Review, im Erscheinen.
