Die Meisterschale, die vor dem Anpfiff auf dem Rasen ausgestellt war, würden sie in Berlin schon auch gern einmal hochhalten. Große Ziele haben den 1. FC Union zu einer der spannendsten Adressen im deutschen Fußball der Frauen gemacht. In Verbindung mit der speziellen Fußballkultur, die hier bemerkenswert egalitär gepflegt wird, und der frischen Prominenz der Trainerin Marie-Louise Eta war das eigentlich ein sehr attraktives Paket für das Eröffnungsspiel der neuen Bundesliga-Saison am Freitagabend.
Am Ende war aber auch im Stadion An der Alten Försterei wieder überwiegend Münchner Monokultur zu sehen. Der Meister der vergangenen vier Spielzeiten gewann durch das Freistoßtor von Klara Bühl in der 26. Minute und die weiteren Treffer von Pernille Harder kurz nach der Pause (47.), Glodis Viggosdottir (60.) und Sophie Proost (90.) bei einem Gegentreffer durch die eingewechselte Nele Bauereisen (79.) 4:1. „Das war das beste erste Spiel, das wir seit vielen Jahren hatten“, sagte Pernille Harder – und in den Ohren der Konkurrenz musste das wie eine sanfte Drohung klingen.
Die „Rebellunion“ bleibt aus
Die „Rebellunion“, wie sie vor dem Spiel in einem Klublied der Berlinerinnen besungen wurde, rüttelte jedenfalls nicht an den Verhältnissen. Und die sportliche Frage über den Tag hinaus lautet: Ob sich überhaupt jemand findet, der zumindest punktuell die Münchner Hoheit herausfordern kann. Die Wolfsburgerinnen waren es nicht vor einer Woche beim 0:3 im Supercup-Finale. In der vergangenen Saison waren sie mit 16 Punkten distanziert und deklassiert worden von den Münchnerinnen, die es dabei auf 90:9 Tore brachten.
Die Unionerinnen taten am Freitagabend alles, was in ihrer Macht stand, um dem Treffer zum 1:3 noch einen weiteren folgen zu lassen. Schon zu Beginn hatten sie ein, zwei gute Chancen zur Führung ausgelassen. Das sorgte alles in allem für beste Stimmung unter den gut 17.000 Zuschauerinnen und Zuschauern. Das Flair in dieser Hinsicht stimmte – atmosphärisch war es ein Fußballabend, der keine Wünsche offen ließ.
Eröffnungszeremonie ohne Esprit
Darüber hinaus allerdings wurde das letzte Eröffnungsspiel unter der Regie des Deutschen Fußball-Bundes nicht gerade als Premiumprodukt präsentiert. Eine eher pflichtschuldige Zeremonie mit Einlaufkindern, Flaggen und zwei großen Vereinswimpeln: Esprit verströmte das nicht gerade. Man darf gespannt sein – und wird sich das auch in den Übertragungshäusern ansehen -, wie das aussehen wird, wenn der frisch gegründete Ligaverband Frauen-Bundesliga (FBL) nach dieser Übergangssaison die Hoheit übernimmt.

Die Bayern jedenfalls werden auch dann fürs Erste das sein, was sie bei den Männern sind: der nationalen Konkurrenz entwachsen, aber international in einem immer kompetitiveren Umfeld, in dem der Kampf um Stars womöglich schwieriger ist, als einen weiteren Liga-Titel zu gewinnen. Georgia Stanway hat den Klub schon gen England vergessen, dass Klara Bühl blieb und nun gleich als Torschützin und Anführerin in Erscheinung trat, durfte die Bayern freuen. Aber auch sie wird sich anschauen, ob das reale Wachstum in Deutschland und ihre Vorstellung davon längerfristig in Einklang zu bringen sind.
Die Berlinerinnen wiederum sind erkennbar dabei, den nächsten Entwicklungsschritt zu machen, eine Bereicherung der Marke Bundesliga sind sie schon jetzt. Mit Marie-Louise Eta, die in der vergangenen Saison als erste Cheftrainerin bei den Männern für Schlagzeilen gesorgt hatte, und nun besonders laut begrüßt wurde, wie es sich hier gehört als „Fußballgöttin“. Mit Jennifer Zietz, die als Geschäftsführerin daran arbeitet, Union unter die ersten vier oder fünf Klubs im Land zu bringen.
Was die Bedingungen angeht, sind sie dort schon angekommen, mit dem Zuschauerzuspruch sogar noch weiter vorn. Auf dem Platz hat Union sich im zweiten Jahr nach dem Aufstieg noch einmal verstärkt – zum Leidwesen einiger Ligakonkurrentinnen. Mit Lisanne Gräwe und Jella Veit kamen zwei deutsche Nationalspielerinnen aus Frankfurt, dazu Jill Janssens und Leela Egli aus Hoffenheim und Freiburg.
Am Freitagabend wurde die Mannschaft noch lange von den Fans gefeiert, auch da konnte man sehen und spüren, dass dieser Vergleich mit den Münchnerinnen noch nicht das Limit gewesen sein soll. Bayern-Trainer José Barcala nannte Union ein „Rollenmodell“ für den Fußball der Frauen, es sei nur eine Frage der Zeit, bis sie ein ernsthafter Konkurrent sein würden. Das hörte man hier gern. Fürs Erste allerdings sieht man die Bayern auch aus Berlin nur mit dem Fernglas.
