Heidemarie Dresing lässt Dinge, die ihr missfallen, ungern auf sich sitzen. Als sie vor sieben Jahren nur noch zehn Meter weit gehen konnte, an zwei Stöcken und mit einer Orthese am Bein, nahm sie das nicht hin. Und als sie vor zwei Jahren zu den Paralympics reiste, die Erwartungen an sich selbst aber nicht erfüllen konnte, machte sie das nur ehrgeiziger. Sie wollte eine Botschaft in die Welt tragen: Auch im hohen Alter kann man im Sport Großartiges vollbringen.
Nun ist Heidemarie Dresing 71 Jahre alt und erstmals Weltmeisterin im Paradressurreiten. In Aachen gewann sie die Goldmedaille mit ihrer Stute Poesie – auch deshalb, weil Dresing mal wieder einen Rückschlag nicht auf sich hat sitzen lassen. In dem Moment, als sie mit ihrem Pferd in das Dressurviereck einritt, begann ein Radlader vor dem Stadion seine Arbeit.
Poesie und der Radlader des Grauens
Poesie hörte den dröhnenden Motor, spitzte die Ohren – und entschied sich zur Flucht. Rückwärts, im Kreis, seitwärts, nur nicht vorwärts bewegte sich die dunkelbraune Stute. Im Sattel kämpfte Heidemarie Dresing um ihr Gleichgewicht. Die Noten rauschten abwärts. „Da habe ich mich selber runtergefahren und mir gesagt: ausatmen, ausatmen, ausatmen, damit auch das Pferd zur Ruhe kommt“, erzählte die Reiterin nach der Siegerehrung.
Nach einem ermutigenden Klopfen auf den Pferdehals begann die Aufholjagd. Lektion für Lektion bewältigten die beiden, sammelten Punkt um Punkt – und beendeten die Prüfung mit einer makellosen Schlussaufstellung. „Nach diesem Start dachte ich, das mit dem Sieg kannst du abhaken“, sagte Dresing. Aber: „Im Laufe der Prüfung habe ich gemerkt: Ich kann der Stute vertrauen und sie mir auch.“

In der Paradressur sind es meist die Pferde, die ihren Reitern dabei helfen, Handicaps auszugleichen, die Krankheit und Behinderung mit sich bringen. Die Tiere machen wett, woran es den menschlichen Körpern fehlt: Balance, Kraft, Stabilität. Heidemarie Dresing hindern Schwindel und die eingeschränkte Bewegungsfähigkeit ihres Beines daran, im Regelsport anzutreten.
Vor 15 Jahren erhielt sie die Diagnose Multiple Sklerose. Schon lange vorher war sie dem Reitsport verfallen und auf Turnieren bis zur schweren Klasse erfolgreich. Mit dem Wallach Dooloop knüpfte sie im Parasport daran an: 2023 gewann sie zwei Einzel-Goldmedaillen bei der Europameisterschaft.
Eine Rechnung mit den Paralympics ist noch offen
Dresing arbeitet hartnäckig an sich, mit Gymnastik, Konditionstraining, Stretching. „Spaß macht das nicht, aber der innere Schweinehund ist stark“, sagt sie. „Und es hilft mir ja. Jetzt gehe ich 1000 Meter auf flachem Boden, und die Orthese habe ich vor einem halben Jahr in den Keller gestellt.“
Am Freitagmorgen startete sie in Aachen wieder mit Poesie, diesmal in der Teamwertung. Es war dem Pferd anzumerken, dass es die Radlader-Erfahrung noch nicht ganz vergessen hatte. Doch das Gesamtergebnis bescherte dem deutschen Team eine gute Grundlage für die Mannschaftswertung, die am Samstag entschieden wird.
Ihre erste WM-Goldmedaille ist für Heidemarie Dresing nur der Auftakt zum nächsten Kapitel ihrer Karriere im Parasport. Am Sonntag steht noch die WM-Kür an. Und mit den Paralympics hat sie noch eine Rechnung offen, die sie 2028 in Los Angeles begleichen will. „Brisbane wäre auch noch schön“, sagt sie und lacht. Die Stadt in Australien ist 2032 Austragungsort der Paralympics und sicherlich auch mit 77 noch eine Reise wert.
