Es ist Freitag, ein warmer Abend, ich sitze am Merianplatz. Ein paar Meter weiter spielen zwei ältere Herren Musik, bei der ich mir nicht sicher bin, ob ich sie genieße oder ob sie mich mit jeder Minute ein wenig mehr stört.
Es ist früh am Abend. Irgendetwas verändert sich in der Stimmung. Nicht plötzlich. Niemand steht auf und verkündet, dass es jetzt weitergeht. Es ist eine dieser Bewegungen, die erst auffallen, wenn sie längst begonnen haben. Einzelne verlassen den Platz. Dann kleine Gruppen. Der Merianplatz beginnt sich unsichtbar in eine bestimmte Richtung zu entleeren.
Ich weiß, wohin sie gehen, stehe auf und gehe mit. Spätestens am Luisenplatz ist das gemeinsame Ziel nicht mehr zu übersehen. Manche tragen einzelne Flaschen, andere ganze Kästen, Kühlboxen oder Decken. Menschen kommen hier nicht einfach an. Sie kommen vorbereitet. Und sie alle zieht es zum Friedberger Platz, eines dieser Frankfurter Phänomene, von denen niemand weiß, wann sie entstanden sind. Ich habe hier hunderte Male einen Abend begonnen – oder beendet. Seit ich in dieser Gegend wohne, frage ich mich, warum sich die Menschen ausgerechnet an diesem Platz Freitag für Freitag zusammenfinden. Es gibt schönere Plätze, die leer bleiben.

Als ich ankomme, ist es schon voll. Die Stadt scheint inzwischen ihre Bemühungen, die Ansammlung feierlustiger Großstädter an einen anderen Ort zu lotsen, aufgegeben zu haben. Es wird für Toiletten gesorgt und extra für die wöchentliche Sause, die niemand als solche anmeldet, zusätzliche Müllbehälter aufgestellt. Grün, groß, auf Rollen. Man kann sie dorthin ziehen, wo der Müll gerade entsteht.
Inzwischen ist es dunkel geworden. Hier entscheidet niemand, welche Musik gespielt wird, weshalb mehrere Boxen gleichzeitig laufen. Ich nehme einen Platz am Rand ein, direkt an der Kreuzung, und setze mich auf den Beton. Vor mir ziehen Autos über die Friedberger Landstraße, doch ihre Geräusche verschwinden unter den Stimmen. Jede Gruppe baut sich hier ihren eigenen kleinen Abend auf. Von meinem Platz aus sehen die Grüppchen aus wie Inseln in der Ägäis: nah genug beieinander, um zum selben Bild zu gehören, und weit genug voneinander entfernt, um die eigene Kultur zu schützen.
Ein Porsche hält gegenüber. Der Fahrer steigt aus, holt sich beim Kiosk eine Flasche Bier und stellt sich zu seinen Freunden. Ein Mann geht langsam zwischen den Gruppen hindurch und sammelt Pfandflaschen. Als er bei mir ankommt, bleibt sein Blick kurz an der Flasche in meiner Hand hängen. Sie ist noch halb voll. Ich schüttle den Kopf. Er nickt und geht weiter. Später kommt er ein zweites Mal vorbei.
„Kann ich die Flasche haben?“
Ich trinke den letzten Schluck.
Ich reiche sie ihm. Er steckt sie zu den anderen, dann zieht er weiter, drängt sich vorbei an den Anzugträgern, bleibt kurz bei einer Gruppe junger Menschen stehen, den Gesprächsfetzen zufolge, die ich überhören kann, handelt es sich um Studenten.
Und alle verbringen hier – mehr oder weniger – gemeinsam einen Abend. Hier bestimmt nicht in erster Linie der Geldbeutel über das Publikum. Manche kaufen sich ihren Wein an einem der Stände vor Ort, andere zieht es zum Kiosk. Es gibt Flaschenbier. Wieder andere bringen etwas von zu Hause mit. Niemand muss etwas bestellen, um dabei sein zu können, und doch können alle zusammen feiern.
