Simon Villacreses war an Bord der Negra Francisca Duarte II, als er das Summen einer Drohne hörte. Sekunden später schlug ein Sprengkörper nahe der Kombüse ein und setzte das Fischerboot in Brand. Villacreses überlebte. Gemeinsam mit mehreren Mitgliedern der 16-köpfigen Besatzung floh er in ein Rettungsboot, andere sprangen ins Wasser. Wenig später wurden sie aufgegriffen – nicht von der ecuadorianischen Küstenwache, sondern von englischsprachigen Männern in Militäruniformen. Die Männer zogen den Fischern Kapuzen über den Kopf und fesselten ihnen die Hände.
Die in einer Reuters-Reportage dokumentierte Szene, die sich Mitte März vor der Küste Ecuadors abspielte, steht für die neue Realität der ecuadorianischen Fischer. An Land haben Drogenkartelle die kleinen Häfen der Provinz Manabí zu Drehscheiben für den Kokainhandel gemacht und erpressen Fischer zur Zusammenarbeit. Auf dem Meer wiederum laufen die Fischer Gefahr, zu Zielen von US-Luftangriffen auf mutmaßliche „Narco-Terroristen“ zu werden.
Vom Meer in den Dschungel
Seit dem Amtsantritt Donald Trumps im Januar 2025 verfolgt Washington in der westlichen Hemisphäre eine Sicherheitsstrategie, die weit über die Verteidigung des eigenen Territoriums hinausgeht. Die Kampagne begann im vergangenen Jahr mit der „Operation Southern Spear“, den Luftangriffen auf verdächtige Schmugglerboote. Bis Mitte dieses Jahres wurden dabei mehr als 220 Personen getötet. Bei den meisten dürfte es sich um Schmuggler gehandelt haben, verlässliche Informationen fehlen jedoch.
Nun tritt die Intervention in eine neue Phase. US-Verteidigungsminister Pete Hegseth kündigte in der vergangenen Woche in Panama an, dass die USA künftig nicht mehr nur auf See, sondern direkt auf dem Territorium verbündeter Länder gegen kriminelle Gruppen vorgehen würden. Honduras hat gemeinsamen Militäroperationen zugestimmt. Mit dem neuen kolumbianischen Präsidenten Abelardo de la Espriella hat Washington eine enge militärische Zusammenarbeit vereinbart, die direkte Einsätze gegen bewaffnete Gruppen vorsieht. Auch Peru könnte unter der neuen Präsidentin Keiko Fujimori einer solchen Zusammenarbeit zustimmen.
Bei solchen Einsätzen würden die USA ähnlich vorgehen wie bei den Angriffen auf die mutmaßlichen Drogenboote, deutete Hegseth während einer Militärübung in Panama an.
In Ecuador ist die US-Beteiligung an Militäroperationen bereits konkret. Präsident Daniel Noboa hatte kurz nach seinem Amtsantritt einen „internen bewaffneten Konflikt“ mit kriminellen Gruppen erklärt und damit den Einsatz des Militärs im Kampf gegen Verbrecherorganisationen ermöglicht. Obwohl die ecuadorianischen Wähler in einem Referendum 2025 ausländische Militärbasen mit großer Mehrheit abgelehnt hatten, führt das Land seit Anfang März gemeinsame Operationen mit den USA durch.
Wie fehleranfällig diese als „chirurgisch“ bezeichneten Einsätze sein können, zeigte ein Vorfall im ecuadorianisch-kolumbianischen Grenzgebiet: Dort zerstörte ein von den USA unterstützter Angriff im März statt des offiziell anvisierten Drogenlabors eine gewöhnliche Viehfarm.
„Narco-Terrorismus“ als Türöffner
Um ihr Vorgehen zu rechtfertigen, hat die US-Regierung inzwischen 20 kriminelle Organisationen in Lateinamerika als „ausländische Terrororganisationen“ eingestuft und sie damit rechtlich auf eine Stufe wie den IS oder Al-Qaida gestellt. Die Liste reicht von mexikanischen Kartellen über die Maras in Zentralamerika bis zu ehemaligen Guerillagruppen in Kolumbien. Seit Juni stehen trotz Widerstands aus Brasília auch die beiden größten Verbrecherorganisationen Brasiliens, das Primeiro Comando da Capital (PCC) und das Comando Vermelho, auf der Liste.
Selbst den US-Luftangriff auf militärische Ziele in Venezuela und die anschließende Festnahme des Machthabers Nicolás Maduro am 3. Januar begründete Washington mit der Bekämpfung des Terrorismus. Maduro galt den USA als einer der Köpfe des sogenannten „Sonnenkartells“, eines mutmaßlichen Netzwerks innerhalb von Staat und Streitkräften, das am Drogenschmuggel beteiligt sein soll.
Die Liste der „Narco-Terroristen“ zeigt, dass es sich keineswegs um einen homogenen Gegner handelt. In Brasilien etwa ist das Comando Vermelho stark territorial organisiert und steht in offenem Konflikt mit rivalisierenden Gruppen. Das PCC hingegen ähnelt in Teilen einem multinationalen Unternehmen, das längst auch in der legalen Wirtschaft und auf den Finanzmärkten aktiv ist. Die bewaffneten Gruppen in Ecuador sind eng mit mexikanischen Kartellen verbunden.
Die Maras in Zentralamerika und der venezolanische Tren de Aragua wiederum sind stärker lokal verankert und finanzieren sich vor allem durch Schutzgelderpressung und Menschenhandel. Bei den ehemaligen Guerillagruppen in Kolumbien kommt eine jahrzehntelange politische und militärische Geschichte hinzu. In manchen Regionen haben sie inzwischen sogar Funktionen staatlicher Gewalt übernommen.
Ruf nach einer harten Hand
Was fast alle diese Organisationen gemeinsam haben: Wo immer sie aktiv sind, verbreiten sie Angst und Gewalt. Das hat auch politische Konsequenzen. In nahezu allen Ländern Lateinamerikas ist Sicherheit zum zentralen Wahlkampfthema geworden – und wird besonders erfolgreich von der politischen Rechten besetzt. Als großes Vorbild gilt Nayib Bukele. Der salvadorianische Präsident hat die Bandenkriminalität durch einen seit mehr als 50 Monaten geltenden Ausnahmezustand und Massenverhaftungen drastisch reduziert.
El Salvador, das einst die Mordstatistiken anführte, zählt heute statistisch zu den sichersten Ländern Amerikas. Für diesen „Befreiungsschlag“ sind viele Salvadorianer offenbar bereit, Bukele eine nahezu uneingeschränkte Machtfülle zuzugestehen. Die von ihm gegründete Partei kontrolliert heute alle Staatsgewalten, Bukele selbst genießt weiterhin außergewöhnlich hohe Zustimmungswerte.

Auch Bukeles Megagefängnis CECOT, das Centro de Confinamiento del Terrorismo, ausgelegt für bis zu 40.000 Insassen, findet Nachahmer. Mehr als ein Dutzend ähnlich konzipierte Anlagen sind in Lateinamerika geplant oder jüngst in Betrieb genommen worden. Ecuador hat ein Megagefängnis nach dem Vorbild Bukeles eröffnet, in Argentinien entsteht nahe Rosario ein Hochsicherheitsgefängnis, das im Volksmund bereits „die Hölle“ genannt wird. Auch de la Espriella in Kolumbien machte mit dem Versprechen Wahlkampf, Megagefängnisse zu bauen. Kritiker warnen, dass Gefängnisse in Lateinamerika in der Vergangenheit häufig selbst zu Brutstätten krimineller Organisationen geworden seien.
„Shield of the Americas“ formiert sich gegen Kartelle
Zugleich hat sich Kolumbien unter de la Espriella dem „Shield of the Americas“ angeschlossen, einer von Trump im März gegründeten Allianz, der inzwischen 19 Länder angehören. Ihr militärischer Arm ist die „Americas Counter Cartel Coalition“. Über sie sollen Geheimdienstinformationen ausgetauscht, Militärs ausgebildet und gemeinsame Operationen gegen Kartelle und andere als Terrororganisationen eingestufte Gruppen koordiniert werden.
Mit Kolumbien gewinnt das Bündnis erheblich an Gewicht. Das Land ist der weltweit größte Kokainproduzent und seit Jahrzehnten der wichtigste militärische Partner der USA in Südamerika. Unter dem früheren Präsidenten Gustavo Petro war die Zusammenarbeit schwierig. De la Espriella hat nun gemeinsame Militäroperationen mit den USA genehmigt und damit eine Kehrtwende vollzogen. Bei dem Treffen in Panama bestätigte Hegseth, mit Bogotá auch über gemeinsame Angriffe auf die Guerillabewegung Ejército de Liberación Nacional (ELN) und ehemalige FARC-Gruppen gesprochen zu haben.
Die beiden größten Länder Lateinamerikas, Mexiko und Brasilien, gehören der Allianz nicht an. Dabei ist insbesondere Mexiko für Washingtons Kampf gegen die Kartelle von zentraler Bedeutung. Präsidentin Claudia Sheinbaum kooperiert zwar eng mit den USA, lehnt amerikanische Militäreinsätze auf mexikanischem Boden jedoch kategorisch ab. Auch Brasilien wehrt sich gegen eine stärkere militärische Einbindung durch Washington.
Allianz der Gleichgesinnten
Doch Trumps Allianz zielt auf mehr als die Bekämpfung des Drogenhandels. Der „Shield of the Americas“ entwickelt sich zu einer von Washington geführten Sicherheitsarchitektur für die westliche Hemisphäre. Sie soll nicht nur gegen Kartelle vorgehen, sondern auch den Einfluss externer Mächte zurückdrängen – vor allem den Chinas, dessen wirtschaftliche und politische Präsenz in Lateinamerika in den vergangenen Jahren stark gewachsen ist.
„Wir holen uns die Kontrolle über unsere Hemisphäre zurück“, sagte Hegseth im Juni und stellte das neue Bündnis ausdrücklich in die Tradition der Monroe-Doktrin. Diese wandelte sich seit dem 19. Jahrhundert von einer Doktrin zur Abwehr europäischer Einmischung zu einem amerikanischen Anspruch auf eine eigene Einflusssphäre in Lateinamerika. Unter Trump erlebt dieser Anspruch eine Renaissance. In Washington ist deshalb, in Anlehnung an Trumps Vornamen, von der „Donroe-Doktrin“ die Rede.
Eine Besonderheit des „Shield of the Americas“ ist die politische Nähe vieler seiner Mitglieder. Trumps engste Verbündete in Lateinamerika verbindet neben einer kompromisslosen Sicherheitspolitik eine Mischung aus Rechtspopulismus und gesellschaftlichem Konservatismus. Bei der Gründung der Allianz formulierte Hegseth diese Gemeinsamkeiten ungewöhnlich offen. Er bezeichnete die Staaten der Region als „Sprösslinge der westlichen Zivilisation“ und „christliche Nationen unter Gott“, die sich gegen einen „radikalen Narco-Kommunismus“, unkontrollierte Migration und einen „Globalismus“ behaupten müssten, der nationale Identitäten und Grenzen auflösen wolle.
Damit wird auch das Feindbild weiter gefasst. Der Kampf gegen den „Narco-Terrorismus“ richtet sich nun nicht mehr ausschließlich gegen Kartelle und äußere Bedrohungen. Hegseths Begriff des „Narco-Kommunismus“ weitet ihn zugleich auf den politischen Kampf gegen Gegner im Inneren aus.
