Im Wahlkampf von Ulrich Siegmund herrschen augenscheinlich Sonnenschein und Zuversicht. Auf
TikTok und Instagram inszeniert sich der AfD-Spitzenkandidat in Sachsen-Anhalt als
likeable Nachbar: bodenständig, mit Dauerlächeln und Optimismus. Auf der
Schwalbe oder dem Trecker ist »Ulli« ganz nah an den Menschen – das soll der
AfD-Wahlkampf vor der Landtagswahl im September suggerieren.
Ulli wird eingeladen, Ulli
kommt, alle strahlen und liegen sich in den Armen. Bei der Wahlkreistour in
Anhalt-Bitterfeld joggt er um eine Fördergrube und betont, damit die AfD-Jugendorganisation
Generation Deutschland zu unterstützen. Seine »Vision 2026« verspricht Aufbruch
– im Sinne einer Rückkehr zum angeblich guten alten Deutschland: Wohlstand,
Ordnung, Sicherheit. Die wichtigste Säule des Programms ist dabei Patriotismus. »Deutsch
denken« statt »modern denken«, fordert Siegmunds AfD. Nein zu »antideutscher Kulturförderung«, die
eigene Geschichte ehren – ganzheitlich und stolz.
Und mehr noch verspricht
Siegmund: Sachsen-Anhalt soll zurück zum alten Stadtbild; weniger Minarette,
dafür sanierte Altbauten. Weniger Bürokratie, dafür mehr Rückenwind – um »Identität
und Kultur zu bewahren«. Auf Wahlkampfveranstaltungen skandieren Anhängerinnen
und Anhänger gerne im Wechsel »Sieg« und »Mund!«. Dass dieser Ruf, wohl nicht
zufällig, an eine nationalsozialistische Parole erinnert, stört Sonnenschein-Siegmund nicht: Er
kenne keine negativen Assoziationen mit seinem Namen, sagte er dazu in einem Podcast.
Die tägliche Portion Eilmeldung
Doch wer nur auf Siegmund
schaut, sieht lediglich einen Teil des digitalen AfD-Wahlkampfs. Sein Optimismus steht nicht für sich allein, kontrastiert und ergänzt wird er vom digitalen
Vorfeld der Partei. YouTuber wie Aktien mit Kopf und Marc Friedrich geben Siegmund eine Bühne; seinen möglichen Wahlerfolg bezeichnen sie bereits seit Monaten als
»Sensation« oder gar »Machtübernahme«.
Einer der auffälligsten Akteure im digitalen Wahlkampf
der AfD ist Neverforgetniki. Der Mitte 20-Jährige wird von der AfD hofiert und
finanziell unterstützt, im Gegenzug unterstützt er die Agitation der Partei. Anfang
des Jahres stellte der extrem rechte Influencer etwa den Wahlkampf in
Baden-Württemberg als sensationelle Erfolgsgeschichte dar. Schon damals blickte er auch nach Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern: »Dieses Jahr geht was.«
Wunder hier, Sensationen da. Endlich der große Umbruch!
Der Kontrast könnte größer kaum
sein: Bei Siegmund herrscht Sonnenscheinwahlkampf, bei Neverforgetniki hagelt es Skandale und Enthüllungen. Seit seinem 20. Lebensjahr
streamt der ehemalige Auszubildende zum Sozialversicherungsfachangestellten zu
klassischen Themen der extremen Rechten. Heute serviert er sie täglich als etwa
zehnminütige »Eilmeldungen«. Die Vorschaubilder auf seinem YouTube-Kanal zeigen
Regenwolken oder Gewitter, rote Warndreiecke und gelb leuchtende Schlagworte in
reißerischer Boulevard-Ästhetik: ZENSUR, ABSTURZ, SIEG oder SENSATION heißt es
hier. Auf den meisten Bildern stehen sich zwei Politikerinnen oder Politiker gegenüber. Die
Erzählung ist schlicht: Bei »Altparteien« und Opposition herrschen Verzweiflung
und Panik, die AfD-Spitze erscheint indes enthusiastisch, zuversichtlich, erfolgreich.
»Großer kleiner Mann«
Neverforgetniki produziert nicht nur Krise, sondern gleicht die selbst erzeugte Untergangsstimmung sogleich
mit Siegesrufen aus. Schon Anfang August verkündet er: »EIL: Ministerpräsident
GESTÜRZT! AfD-Sieg!« Das Wunder ist bereits geschehen! Zumindest in den Augen
des »unabhängigen« Journalisten, wie er sich selbst nennt.
Für diese angebliche Erfolgsgeschichte
braucht es vor allem eins: Gegenspieler. Das ZDF, Politikerinnen,
Linke – sie alle lügen oder versagen, die AfD hingegen deckt ihre vermeintlichen
Machenschaften auf. So erzählen es die rechten Influencer. Dass Lügner von eigenen Lügen ablenken,
indem sie auf andere zeigen, beschrieben bereits Theodor W. Adorno und Leo
Löwenthal in ihren Studien zu faschistischer Agitation. Demnach gründet die Erzählung
vom eigenen Sieg auf Diffamierung und Abwertung der Gegenseite: Wir gegen sie.
Entweder-oder.
Zum Ende fast jedes Videos
beteuert Neverforgetniki, er leide wegen seiner Nähe zur AfD unter Diffamierungen und Gewaltandrohungen und setze sich aus eigener Kraft dagegen zur Wehr. Dafür benötige er Unterstützung, jeder noch so kleine Beitrag zähle. »Wir
brauchen dringend mehr Reichweite!« Die
Zuschauer sollen teilen, abonnieren, Freunde und Familie »aufklären« – und bitte am besten noch 20 oder 30 Euro
spenden.
Auch dieses Opfernarrativ ist
ein altbekannter Trick rechter Agitatoren und wurde bereits von Löwenthal und
Adorno analysiert: Der »große kleine Mann« steht, so die Selbstinszenierung, zugleich
über den »einfachen Leuten« und ist doch auf Augenhöhe mit ihnen. Er hat sich angeblich
selbst hochgearbeitet und wurde vielfach sabotiert. Durch eigenen Willen und
die Unterstützung seiner Follower hat er es geschafft und ist stärker als
zuvor. Jetzt geht es darum, Freunde und Familie zu mobilisieren. Und all das
stets mit einer gehörigen Prise Alarmismus: Es ist fünf vor zwölf – jetzt oder
nie!
Volksfestnostalgie statt Untergang
So entsteht auch heute im
digitalen Vorfeld der AfD eine eigentümliche Mischung aus Dauerkrise und
Siegesgewissheit. Skandale, Untergangfantasien, der große Umbruch.
Gleichzeitig wird der erwartete Wahlsieg sprachlich vorweggenommen und als
bereits laufende Erfolgsgeschichte erzählt. Die Botschaft: Das Land ist in der
Krise, doch die AfD wird es schaffen – vom Außenseiter und Opfer zur lang
erhofften Rettung.
Siegmund übernimmt dabei die Rolle
des freundlichen Rechtsradikalen, der Nähe, Gemeinschaft, Nostalgie und »Normalität« verspricht. Der dabei propagierte Aufbruch stellt
letztlich nichts anderes dar als eine antimoderne Vorstellung von Recht,
Ordnung und »deutscher Identität«. Das digitale Vorfeld liefert Krise und
Siegesgewissheit, Siegmund übersetzt beides in Volksfeststimmung: Bratwurst,
Gemeinschaft, gute Laune – und eine radikale Politik, die dabei ganz normal
erscheinen soll.
Sonnenschein und Gewitter sind in
diesem Wahlkampf keine Gegensätze, sondern unterschiedliche affektive Muster
desselben digitalen Umfelds. Die vermeintlichen Skandale, die Lügen der Medien und
der Zank der Politikerinnen und Politiker liefern das Regenwetter; mit der AfD
und dem Umbruch soll dagegen wieder die Sonne in Sachsen-Anhalt aufgehen.
Mit diesem Wechselspiel dürfte
es auch nach der Wahl weitergehen. Verunglimpfung, Wir-gegen-sie-Rhetorik, Untergangsszenarien und Hetze gegen Minderheiten und politische Gegner gehören seit jeher zur politischen Rhetorik
der AfD. Sie liefern das tägliche Unwetter, vor dem sich die Partei selbst als
Hoffnung auf eine bessere Zukunft inszenieren kann. Auch davon lebt die gute
Laune des »Ulli« Siegmund.
