
Es ist ein Sprung, wie ihn die Börse selten erlebt: Die Aktie des amerikanischen Biotechnologieunternehmens Moderna gewann am Mittwoch 177 Prozent an Wert, der Kurs stieg von 62,96 auf 174,38 Dollar. Auslöser dafür waren positive Studiendaten für einen neuen therapeutischen Impfstoff gegen Hautkrebs, den Moderna zusammen mit dem amerikanischen Pharmakonzern Merck & Co. entwickelt. Auch die Aktie von Merck & Co. profitierte von der Nachricht, der Kurs legte um 13 Prozent zu. Selbst auf unbeteiligte Unternehmen wirkte sich der Forschungserfolg aus: Der Aktienkurs des deutschen Moderna-Wettbewerbers Biontech stieg um fast 22 Prozent. Das hat damit zu tun, dass Biontech ebenso wie Moderna an Krebstherapien auf Basis der sogenannten mRNA-Technologie arbeitet. Mit diesem Ansatz entstanden Corona-Impfstoffe, und er wird von Moderna und Biontech auch für die Entwicklung von Krebstherapien genutzt.
Die Ergebnisse von Moderna und Merck gelten als möglicher Durchbruch für den Einsatz von mRNA-Technologien in der Krebsforschung. Es handelt sich nach Angaben der Unternehmen um die ersten positiven Daten einer mRNA-basierten Krebstherapie aus der dritten und letzten Phase einer klinischen Studie. Das von Moderna und Merck entwickelte Mittel Intismeran hat geholfen, ein Wiederauftreten oder ein Metastasieren von Melanomen zu verhindern, der tödlichsten Form von Hautkrebs. Nach Angaben der American Cancer Society stehen Melanome in den USA zwar nur für ein Prozent aller Hautkrebserkrankungen, aber die weit überwiegende Mehrheit aller Todesfälle. Die Organisation rechnet damit, dass in diesem Jahr in den USA 112.000 Fälle von Melanomen diagnostiziert werden und 8510 Menschen an dieser Krebsart sterben.
An der Studie nahmen mehr als 1100 Patienten teil, bei denen ein Melanom chirurgisch entfernt wurde. Getestet wurde Intismeran in Verbindung mit Keytruda, einem Krebsmedikament von Merck. Der Mitteilung zufolge schnitt diese Kombinationstherapie mit Blick auf Wiederauftreten und Metastasieren der Melanome besser ab als Keytruda allein. Die Unternehmen nannten noch keine konkreten Studienergebnisse und verwiesen darauf, weitere Daten in naher Zukunft bei einer medizinischen Konferenz präsentieren zu wollen. In Studien der zweiten klinischen Phase hat die Kombinationstherapie aber das Risiko eines Wiederauftretens von Melanomen um 49 Prozent reduziert, das Risiko von Fernmetastasen sank um 59 Prozent.
Personalisierte Therapie
Intismeran ist auch insofern besonders, weil es sich um eine personalisierte Therapie handelt, die auf jeden einzelnen Patienten zugeschnitten ist. Das Präparat wird auf Basis der genetischen Informationen des jeweiligen Tumors entwickelt. Nach der Entnahme einer Probe dauert es sechs Wochen, bis der Impfstoff hergestellt ist. In der Zwischenzeit bekommen die Patienten Keytruda. Das Krebsmedikament von Merck ist eines der umsatzstärksten Produkte in der ganzen Pharmaindustrie. Es brachte dem Konzern im vergangenen Jahr fast 32 Milliarden Dollar ein und stand damit fast für die Hälfte des Gesamtumsatzes.
Moderna-Vorstandschef Stéphane Bancel nannte die Studienergebnisse einen „entscheidenden Moment in der Krebsforschung“. Die Vision, mRNA-Therapien spezifisch für einzelne Patienten zu entwickeln, werde zur Realität. Für Moderna könnte der Forschungserfolg nach einigen schwierigen Jahren einen Wendepunkt markieren. Das 2010 gegründete Unternehmen konzentriert sich ganz auf mRNA-Präparate, und es wurde inmitten der Pandemie mit seinem Ende 2020 eingeführten Corona-Impfstoff neben Biontech zu einem Senkrechtstarter in der Branche. Die Aktie erreichte 2021 einen Höchststand von mehr als 480 Dollar, und 2022 erzielte das Unternehmen einen Umsatz von mehr als 19 Milliarden Dollar. Nach dem Abflauen der Pandemie sind die Umsätze aber kontinuierlich geschrumpft, im vergangenen Jahr waren es nur noch 1,9 Milliarden Dollar. Moderna hofft nun darauf, mit Krebstherapien diesen Trend umzukehren. Bancel sagte dem „Wall Street Journal“ am Mittwoch: „Wir sind jetzt ein Krebsunternehmen.“ Intismeran könnte nach seinen Angaben im kommenden Jahr auf den Markt kommen. Das Präparat wird auch für den Einsatz bei anderen Krebsarten getestet.
Impfkritische US-Regierung
Der Forschungserfolg von Moderna und Merck kommt in einer Zeit, in der die amerikanische Regierung mRNA-Technologien kritischer gegenübersteht. Der Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. gibt sich allgemein als Impfskeptiker. Im vergangenen Jahr hat sein Ministerium 22 Förderprogramme für mRNA-Projekte im Wert von fast 500 Millionen Dollar eingestellt, davon war auch Moderna betroffen. Kennedy sagte damals, mRNA-Impfstoffe seien kein effektiver Schutz gegen Corona-Infektionen oder die Grippe. Auch ein auf 590 Millionen Dollar dotiertes staatliches Programm, das Moderna bei der Entwicklung eines Impfstoffs gegen die Vogelgrippe helfen sollte, wurde gestrichen. Im Gegenzug wurde allerdings ein neues Programm zur Förderung von Impfstoffen gegen Krebs gestartet, das auch mRNA-Technologien einbezieht.
In Deutschland kann sich Biontech über den unverhofften Börsenaufwind freuen – auch da durch den Weggang der Gründer und den geplanten Stellenabbau zuletzt negative Schlagzeilen im Vordergrund standen. Der Aktienkurs sieht so gut aus, wie seit Monaten nicht. Oberhalb der Marke von 90 Euro stand das Papier zuletzt im April. Dass dafür ausgerechnet Wettbewerber Moderna verantwortlich ist, ist nur ein kleiner Wermutstropfen. Es mag Zufall sein, doch am Donnerstagmorgen beeilte sich Biontech, per Mitteilung zu informieren, dass das Unternehmen auf dem Weltkongress für Lungenkrebs (WCLC) im September in Seoul auch seinerseits Fortschritte bei spätklinischen mRNA-Krebswirkstoffen, allen voran Pumitamig und Gotistobart, präsentieren wird.
Bei ersterem arbeitet Biontech mit dem US-Pharmariesen Bristol-Myers Squibb zusammen. Der „Superwirkstoff“ Pumitamig, mit dem mehr als 20 Studien laufen, soll gegen verschiedene Krebsarten eingesetzt werden. Vielversprechend sind die Ergebnisse, die der Wirkstoff in Kombination mit Chemotherapie bisher in klinischen Studien mit Lungenkrebs- und Brustkrebspatienten erzielt hat. Zum Beispiel hatte Biontech im Mai vor Fachpublikum in den USA Daten aus der Phase-2/3-Studie Rosetta vorgestellt, die eine „ermutigende Anti-Tumor-Aktivität“ und eine „hohe Ansprechrate“ bei Patienten mit nichtkleinzelligem Lungenkrebs zeigten.
Rennen um Krebsimpfstoffe
Ebenso macht das Lungenkrebsmedikament Gotistobart wichtige Fortschritte. In einem ersten Teil der Phase-3-Studie konnte das Sterberisiko bei Patienten im Vergleich zur Standardchemotherapie um 54 Prozent gesenkt werden. Der zweite, zulassungsrelevante Teil der Studie läuft derzeit. Aktuelle Daten zum Gesamtüberleben sollen nun auf dem Kongress in Südkorea folgen. Dort wird es auch um von Biontech entwickelte sogenannte Anti-Wirkstoff-Konjugate, die Krebszellen gezielt angreifen, gehen. Der Kandidat Elfetabart Drozuntecan wird derzeit in Kombination mit Pumitamig erprobt.
Und auch ein individualisierter Krebsimpfstoff auf mRNA-Basis befindet sich in der Pipeline. Diesen entwickelt Biontech zusammen mit der Roche-Tochter Genentech, aktuell laufen Phase-2-Studien mit Patienten, denen zuvor ein Tumor in der Bauchspeicheldrüse oder im Darm entfernt wurde. Die Idee auch hier: einen Impfstoff herzustellen, der genau auf die Eiweißstrukturen, die nur auf den Krebszellen des Erkrankten vorkommen, zugeschnitten ist. „Aufgrund dieser Ähnlichkeiten besteht die Erwartung, dass der Erfolg von Moderna und Merck bei der adjuvanten Behandlung von Melanomen auch positive Rückschlüsse auf die Programme von Biontech zulassen könnte“, erklärt Analyst David Dai von der UBS.
Das Rennen um Medikamente auf Basis von mRNA-Technologie geht damit weiter. Markus Manns, Fondsmanager von Union Investment, betont, nun sei klar, dass der mRNA-Ansatz funktioniere. Allerdings schränkt er ein: „Bis jetzt wissen wir nur, dass der Ansatz bei Hautkrebs wirksam ist. Hautkrebs ist eine vergleichsweise ‚einfache‘ Indikation.“ So seien Hautkrebszellen laut Manns besonders anfällig für Tumorimpfstoffe und damit Attacken des Immunsystems.
Je nach Tumor unterscheide sich diese Anfälligkeit. Entsprechend könnten Lungenkrebszellen, auf die Biontech einen Fokus legt, anders reagieren und möglicherweise widerstandsfähiger gegenüber Impfstoffen sein. Somit ließen die Moderna-Daten nur begrenzt Rückschlüsse auf Biontech zu, zumal die Mainzer ihren Impfstoff für andere Krebserkrankungen testen. Viel entscheidender sei für Biontech aber der Superwirkstoff Pumitamig. „Es gibt Hoffnungen, dass dies die nächste Revolution im Krebsmarkt sein könnte.“
