
Wer die Zukunft der Medizin verstehen will, könnte einen Blick in die Geschichte des Schachspiels werfen. Bis in die Neunziger waren Computer den besten Schachspielern unterlegen. Die Wende kam 1997, als Garri Kasparow gegen den Schachcomputer Deep Blue verlor. Der Mensch aber gab sich nicht geschlagen. Kasparow entwickelte die Idee des „Advanced Chess“. In dieser Variante bekommt der Mensch Unterstützung vom Computer, entscheidet dann aber selbst über den Zug.
In der Informatik nennt man solche Teams in Anlehnung an die griechische Mythologie „Zentauren“. Der Mensch entscheidet als Kopf mit strategischem Wissen und Kenntnis des Gegners, während der Computer für das taktische Klein-Klein zuständig ist. Inzwischen spielen Schachcomputer aber so gut, dass das fleischige Anhängsel sie nur noch hemmen würde. Die Ära der Zentauren im Schach ist vorbei.
Das euphorische Betonen der KI-Fähigkeiten ist irreführend
Und in der Medizin? Eigentlich schien sie hier durch Fortschritte in der Künstlichen Intelligenz gerade zu beginnen. Immer wieder betonen Fachverbände, dass der KI die Rolle eines Assistenzsystems zukommen sollte, während der Arzt letztlich entscheidet. „Wir sind da anderer Meinung“, argumentieren nun vier Autoren, darunter der Chef eines KI-Unternehmens, im renommierten Fachmagazin „Jama“. Bei Denkaufgaben werde der menschliche Arzt – so wie beim Schach – schon bald ein hemmendes Anhängsel sein. Bei fünf konkreten Tätigkeiten (Erhebung von Informationen, Erstellung von Diagnosen, Planung von Untersuchungen, Verschreibung leitlinienkonformer Therapien und Behandlung chronischer Erkrankungen) sei die KI in Studien heute schon besser.
Wird es dem Arzt wirklich ergehen wie dem Schachspieler? Wohl kaum. Denn selbst wenn man die Aufgaben des Arztes auf intellektuelle Tätigkeiten reduzieren würde, gibt es etwas, das die Maschine nicht leisten kann. Der Arzt übernimmt Verantwortung. Das euphorische Betonen der KI-Fähigkeiten, wie es die Industrie und auch die Autoren tun, ist irreführend, weil es diesen zentralen Aspekt hintanstellt. KI kann keine Verantwortung übernehmen. Der Arzt wiederum kann es nur dann tun, wenn er nicht bloß die vermeintlich bessere KI-Entscheidung absegnet, sondern aktiv in den Entscheidungsprozess eingebunden ist. Diesen Prozess auszugestalten, also den bestmöglichen Zentauren zu erschaffen, sollte das Ziel sein.
