Das altgriechische Wort miasma hatte eine lange Karriere in Bereichen, in denen es um die rätselhafte Verbreitung von Krankheiten ging. Da man Luft nicht sehen kann, musste sie in bestimmten Fällen etwas enthalten, das den Menschen abträglich war. Das Wort „Pesthauch“ enthält noch Spuren einer Begriffsgeschichte, die schließlich zu einer aufgeklärten Medizin führte. Damit bleibt für das Miasma nur noch ein Ort für weiteren sinnvollen Gebrauch: in der populären Kultur.
Die amerikanische Filmemacherin Jane Schoenbrun nennt ihren neuen Film „Teenage Sex and Death at Camp Miasma“. Der Titel enthält drei große Wörter in Verbindung mit einem merkwürdigen. Wenn junge Menschen in ein Camp fahren, ist (erster) Sex ein zentrales Thema, der Tod hingegen sollte weit weg bleiben. Allerdings zählt es zur Folklore gerade des amerikanischen Kinos, dass die Adoleszenz häufig von albtraumhaften Gestalten gestört wird. Serienmörder durchkreuzen die Intimität, ganze Filmreihen wurden rund um Slasher herum entwickelt, um grausame Täter, die Lust unverbrüchlich an die Angst zu binden drohten.

Um diese Fixierung geht es Jane Schoenbrun ganz zentral. In der Welt ihres Films existiert eine Horrorserie, in deren Mittelpunkt ein Unhold steht, der den Namen „Little Death“ trägt. Programmatischer könnte man das eine (den Höhepunkt beim Sex) und das andere (den letzten Atemzug im Leben) nicht aneinander binden. Zahlreiche Filme gibt es mit „Little Death“, der aus einem See kommt, an dem ein „sleepaway camp“ namens Miasma liegt. Die äußere Gestalt des Monsters schillert ins Lächerliche: Er trägt an der Stelle des Kopfes einen Kubus, der aus Verschlüssen von Lüftungsschächten besteht.
Es war einmal ein „final girl“
Irgendwann kam die Reihe um das Camp Miasma an ihr Ende, und nun soll eine junge queere Filmemacherin sich an einem „Reboot“ versuchen, an einem Neuansatz. Diese Kris Williams macht sich also auf den Weg in eine Gegend, in der sie eine legendäre Hauptdarstellerin von früher zu finden hofft: Billy Presley war einmal ein „final girl“, sie spielte eine einzige, letzte Überlebende einer Mordserie. Nun hat sie sich vollkommen aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Vielleicht kann sie dabei helfen, den alten Mythos wiederzubeleben und auf einen heutigen Stand zu bringen?
Für Jane Schoenbrun ist „Teenage Sex and Death at Camp Miasma“ ein schlüssiger Schritt in einer Karriere, die von Beginn an Mediensozialisation als zentrales Interesse erkennen ließ. Die New Yorker Filmemacherin versteht sich als nicht binär, genau genommen müsste man von ihr im Plural schreiben (im Englischen ist ihr Pronomen „they“ an Stelle von „she“ oder „he“). Ihr Thema war schon früh, wie sich junge Menschen in das Fernsehen und in das Internet hineindenken, wie sie mit Rollenangeboten umgehen und wie Medienangebote für Minderheiten aussehen könnten.
In ihrem ersten Spielfilm „We’re All Going to the World’s Fair“ (zu finden auf dem Streamer MUBI) lebt ein einsames Mädchen namens Casey (großartig gespielt von Anna Cobb) ganz in den Vollzügen eines kollektiven Internetspiels, das sich als das „furchteinflößendste Internet-Horrorgame“ deklariert. Mitmachen kann, wer Videos hochlädt, mit denen Aufgaben („challenges“) erledigt werden. Dabei geht es vor allem darum, sich selbst zu spüren, zum Beispiel durch Verletzungen den Eindruck von Fühllosigkeit zu überwinden. Casey verbringt große Teile des Films vor Bildschirmen, sie lebt im Zwielicht abgedunkelter Räume, in denen ein Fenster ins Virtuelle offen ist.
Kategorisierungen, unendlich weit entfernt
Dieses „Glimmen“ wurde in Schoenbruns zweitem Film dann ausdrücklich: „I Saw the TV Glow“ (2024) erzählt vom Heranwachsen eines jungen Mannes namens Owen, dessen Identität vor allem aus Übergängen zu bestehen scheint – weiß oder schwarz, Homo- oder Heterosexualität, solche Kategorisierungen erscheinen unendlich weit entfernt. Er lebt mit einer Serie namens „The Pink Opaque“, in deren Ausschnitten man auch Spuren der medienexperimentellen Szenen in New York erkennen kann, in denen Jane Schoenbrun seit den frühen 2000er Jahren ihren Weg gefunden hat.
Internetphänomene, wie sie in diesem Jahr durch den Erfolg des Horrorfilms „Backrooms“ einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich wurden, sind für Schoenbruns Generation ganz alltäglich und ein kreativer Nährboden. In ihrem Fall war das der „Slenderman“, eine schmale, leere Figur ohne Gesicht, zu der die Netzgemeinschaften dann Kontexte und Geschichten entwickelten. Schoenbrun widmete diesem Zusammenhang einen Dokumentarfilm. In „I Saw the TV Glow“ tauchen „drain lords“ auf, also unheimliche Abkömmlinge von Abflussöffnungen, die eine vergleichbare Funktion als Inspiration für Phantasiearbeit haben.
In „Teenage Sex and Death at Camp Miasma“ fällt einmal der Begriff „elevated“: Kris Williams soll demnach einen neuen Slasher-Film machen, aber „auf der Höhe“ der heutigen Kultur. Es ist nicht zufällig die Agentin der Regisseurin, die den Begriff verwendet und ihn auch gleich sarkastisch zuspitzt: „Elevated“ wäre demnach nichts anderes als „woke“. Die Stelle enthält sicher mit Bedacht einen Hinweis auf die kulturelle Position von Schoenbrun. Denn wir können über die Erfahrungen, von denen sie handelt, kaum anders als mit Vorstellungen von Fortschritt sprechen. Wer die vielschichtigen Individualitäten ernst nimmt, die in der binären Geschlechterlogik de facto eingezwängt werden, steht nicht „höher“ als frühere Generationen, die an Miasma, an den Teufel oder an Sanktionen für die Lust glaubten. Aber Schoenbrun weiß sehr genau, dass sie aus Zusammenhängen kommt, die lange Zeit Avantgarde waren. Und wohl aus diesem Grund hat sie sich nun einem Genre aus dem Mainstream zugewandt.
Der kleine und der große Tod
Gerade die Slasher-Mythologien zeigen ja, dass Erfolgsgeschichten in Hollywood oft zyklische Aspekte entwickeln. Sie durchlaufen einmal alle ihre Möglichkeiten und fangen dann wieder von vorn an – mit einem neuen Star, mit einem Reboot, mit einer neuen Idee. Dass der Tod in Gestalt von „Little Death“ transsexuell ist, dass das „Loch“ unter dem See am Camp Miasma der Ursprung des Kinos sein sollte, das sind Vorstellungen, die Schoenbrun aus der ganzen Filmgeschichte herleitet. Billy Presley (gespielt von Gillian Anderson, die mit der Serie „Akte X“ berühmt wurde) ist eine neue Norma Desmond, so hieß die Hauptfigur in Billy Wilders „Sunset Boulevard“. Und aus Alfred Hitchcocks „Psycho“ kommt die Frage: Hatte der Duschvorhang, hinter dem das Messer in der legendären Szene auftauchte, etwa Augen?
Das Kino, so könnte man unstreng definieren, ist ein Medium, das seine Augen überall hat und das Menschen in die Lage versetzt, auch dem eigenen, kleinen Tod zuzusehen – und sogar dem großen Tod, wenn man die Logiken der Identifikation ernst nimmt. Auf dem Höhepunkt der Moderne dachte man manchmal, die Welt liefe auf ein Buch hinaus, das alles enthalten könnte, was wesentlich ist. Bei Jane Schoenbrun steht am Ende eine Videokassette, die aus einem Spalt fällt, der sich durch das menschliche Fleisch zieht. Damit zitiert sie „Videodrome“ von David Cronenberg, einen der vielen großen medienreflexiven Filme, in deren Reihe sie sich selbstbewusst stellt. „Teenage Sex and Death at Camp Miasma“ stellt aber klar, dass die Form der Auseinandersetzung heute ein anderes Spiel ist, eines, das durch die kollektiven Strukturen der Netzwelt hindurchgegangen ist und das in den unzähligen „Out of body“-Erfahrungen mit allgegenwärtigen Medien ständig neue Grenzen für das Selbst sucht.
