Tagelang schien Rumäniens Schicksal in diesem Sommer von wenigen Zentimetern des Wasserstands der Donau abzuhängen. Wie Kriegsreporter einen Frontverlauf, schilderten rumänische Politiker und Beamte die Entwicklung des Flusspegels bei Cernavodă im rumänischen Südosten, wo das einzige Atomkraftwerk des Landes steht. Ende Juli war zunächst einer von zwei Reaktoren des Werks abgeschaltet worden – aufgrund der „ungünstigen Entwicklung der hydrologischen Bedingungen“, wie das Energieministerium mitteilte. Am Donnerstag folgte dann der zweite.
Schon der Ausfall des ersten Reaktors traf das Land hart, denn da Atomkraftwerk Cernavodă deckt je nach Jahreszeit bis zu 20 Prozent des rumänischen Strombedarfs. Der trotz Regierungskrise noch amtierende Regierungschef Ilie Bolojan warnte, das Land müsse nun massiv Strom importieren. Die Regierung rief die Bevölkerung zum Stromsparen auf. Der Staat und einige Behörden gehen seither mit eigenem Beispiel voran. Viele öffentliche Gebäude, Ministerien, Sehenswürdigkeiten und Denkmäler werden nachts nicht mehr angestrahlt. Der Bürgermeister von Iași, der Hauptstadt der rumänischen Region Moldau, verordnete umfassende nächtliche Stromsparmaßnahmen.
Krisentreffen mit Großunternehmen
Bolojan hielt unterdessen ein virtuelles Krisentreffen mit den Managern von mehr als 80 energieintensiven Unternehmen ab, darunter Stahlhütten und Düngemittelfabriken. Die Firmen wurden gebeten, wenn möglich, Produktionsprozesse zu verschieben oder zumindest in den nachfragestarken Abendstunden den Verbrauch zu minimieren. Die Autowerke von Dacia und Ford stellten ihre Produktion für gut zwei Wochen freiwillig ein, teilte Bolojan nach den Gesprächen mit. Wobei es später zumindest im Fall von Ford hieß, es handele sich um reguläre Werksferien, wie sie im Sommer üblich seien. Zugleich warnte der Staat vor Zwangsabschaltungen für Großbetriebe als letztem Mittel.
Zu diesem Zeitpunkt war der zweite Meiler von Cernavodă noch in Betrieb. Doch aufgrund des historischen Tiefstands der Donau stieg die Gefahr einer Komplettabschaltung in demselben Maße, in dem der Pegel sank. Die Regierung versuchte, mit improvisierten Maßnahmen gegenzusteuern. Ein Felsmassiv im Fluss wurde von der Armee gesprengt, um den Zufluss nach Cernavodă zu erhöhen. Die Sprengung sei ein Erfolg gewesen, der Wasserstand vor dem AKW um zwei Zentimeter gestiegen, teilte Verteidigungsminister Radu Miruță mit. Das sichere den Betrieb des verbliebenen Reaktors für weitere zwei Tage, was viele Millionen Euro wert sei. Nach der Sprengung wurden zudem vier mit Geröll beladene Lastkähne in einem Seitenarm der Donau versenkt, um dem Kernkraftwerk mehr Wasser zuzuleiten. Dessen Direktor Romeo Urjan rechnete in rumänischen Medien vor, dass beide Maßnahmen den Donaupegel bei Cernavodă zwischenzeitlich um etwa acht Zentimeter steigen ließen und somit den Betrieb des verbliebenen Reaktors um eine Woche verlängert hätten.
Doch die Dürre war stärker als jeder menschliche Erfindergeist. So rasch, wie er gestiegen war, sank der Pegel wieder. Am 13. August musste auch der zweite Reaktor heruntergefahren werden. „Die Abschaltung steht weder mit Problemen der nuklearen Sicherheit noch mit einem Notfall in Zusammenhang. Es geht schlicht darum, dass die erforderliche Menge an Kühlwasser nicht mehr ausreicht, um die Stromproduktion sicherzustellen“, teilte Kraftwerksdirektor Urjan dazu mit.
Trotz Trockenheit: Rumänien will zwei zusätzliche Reaktoren bauen
Das Atomkraftwerk Cernavodă wurde noch zu Zeiten des kommunistischen Diktators Nicolae Ceaușescu geplant, ging aber erst 1996 ans Netz. 2007 wurde dann der zweite Reaktor fertiggestellt. Jetzt liefert das Kraftwerk erstmals in seiner Geschichte keinen Strom mehr. Teure Importe in den Abendstunden sind eine kostspielige Folge davon. Die Importe kommen nicht zuletzt aus Bulgarien, das in den vergangenen Jahren viel in regenerative Energien, vor allem aber in großem Maßstab in Batteriespeicherkapazitäten investiert hat.
Bisher hat die Krise keine Auswirkungen auf das rumänische Vorhaben, das Atomkraftwerk in Cernavodă für mehrere Milliarden Euro um zwei weitere Blöcke zu erweitern. Entsprechende Pläne gibt es schon seit mehr als einem Jahrzehnt. Im Oktober 2015 teilte die damalige rumänische Regierung mit, die „China General Nuclear Power Corporation“ solle den Auftrag erhalten. Das Projekt habe einen Umfang von sechseinhalb Milliarden Euro, berichteten Medien damals, wobei sich Bukarest nicht völlig in chinesische Abhängigkeit begeben wollte. Das nukleare Brennmaterial sollte, wie schon bei den beiden existierenden Blöcken, vom kanadischen Energiekonzern Candu Energy kommen.
Doch zum Einstieg der Chinesen kam es nicht. Die USA intervenierten, um das zu verhindern. Im August 2019 unterzeichneten der damalige rumänische Präsident Klaus Johannis und Donald Trump in dessen erster Amtszeit in Washington eine Erklärung, in der sie beide Länder zu einer engen Kooperation beim Ausbau der Nuklearenergie aufriefen. Eine gemeinsame Absichtserklärung folgte kurz darauf, und im Mai 2020 brach Rumänien die Verhandlungen mit China offiziell ab.
Auch die Chinesen wollten einsteigen
Fünf Monate später verkündete Adrian Zuckerman, der damalige US-Botschafter in Rumänien, eine amerikanisch-rumänische Kooperation: „Dieses Acht-Milliarden-Dollar-Projekt wird richtungsweisend für künftige rumänisch-amerikanische Wirtschafts- und Energieentwicklungsprojekte sein.“ Im November 2022 wurde die Nachricht bestätigt. Die USA werden den Ausbau mit einem Kredit in Höhe von drei Milliarden Dollar unterstützen, teilte der damalige Ministerpräsident Nicolae Ciucă von Rumäniens Nationalliberaler Partei mit. Der Bau durch ein amerikanisch-kanadisch-französisches Konsortium werde bis 2030 fertig sein, hieß es vor vier Jahren. Da es inzwischen mehrere Verzögerungen gab und das Projekt noch immer in den Vorarbeiten steckt, wird sich dieses Datum aber nicht halten lassen.

Zumindest grundsätzlich scheint Rumäniens nuklearer Krisensommer nichts an den rumänischen Plänen geändert zu haben. Der Glaube an technische Lösungen, die eine durchgehende Kühlung des Atomkraftwerks mit Donauwasser auch in extrem trockenen Sommermonaten ermöglichen werden, ist stark ausgeprägt. Dürreperioden werden sich häufen, gibt auch Kraftwerksdirektor Urjan zu, doch darauf müsse sich Rumänien eben vorbereiten.
In einem Interview mit dem rumänischen Nachrichtenportal „Digi24“ wies er darauf hin, dass man bei der Planung des Kraftwerks in den Achtzigerjahren mit einer extremen Dürre etwa alle drei Jahrzehnte gerechnet habe. „Einmal in 30 Jahren kann man es sich als Unternehmen vermutlich leisten, wegen ausbleibender Produktion einen Stromausfall beziehungsweise einen Produktionsverlust hinzunehmen“, so Urjan. Da der Klimawandel diese Planungsgrundlage inzwischen obsolet gemacht habe, seien jedoch zusätzliche Investitionen nötig, um die Stromproduktion auch bei massiven Pegelrückgängen sicherzustellen.
Kühlwasser aus einem Seitenarm der Donau?
Das Zauberwort dafür in Rumänien lautet „Bala 2“. Es bezieht sich auf einen flussaufwärts von Cernavodă gelegenen Seitenarm der Donau. Der soll durch wasserbauliche Maßnahmen so verändert werden, dass mehr Wasser im Hauptstrom verbleibt. Dadurch und durch einige weitere Maßnahmen soll der Pegel vor dem Atomkraftwerk um mehr als einen Meter erhöht werden können, versichern die Befürworter des Projekts. Dann werde selbst in langen Trockenperioden genügend Kühlwasser zur Verfügung stehen, versprechen sie – auch für die geplanten zusätzlichen Reaktoren. Das Projekt soll nach Bukarester Angaben etwa eine Milliarde Lei kosten (ungefähr 190 Millionen Euro), bei einer Bauzeit von drei Jahren.
„Die Reaktoren 3 und 4, zusammen mit der geplanten Investition bei Bala – dem Bala-Staudamm – stellen eine tragfähige Lösung für das Kernkraftwerk Cernavodă mit vier Einheiten dar. Die erwähnte wasserbauliche Anlage würde uns einen optimalen Betrieb ermöglichen“, bestätigte Urjan dieser Tage. Er erwähnte auch Bulgariens Atomkraftwerk in Kosloduj, das bisher nicht komplett habe abgeschaltet werden müssen, weil das dortige Kühlsystem besser geplant worden sei. Kosloduj habe dadurch einen bis zu 30 Zentimeter größeren Spielraum als Cernavodă.
Statt um die Atomkraft an sich wird in Rumänien jetzt darum gestritten, warum das Projekt „Bala 2“ nicht längst ins Werk gesetzt wurde. „Die schwierige Lage, in der wir uns befinden, ist eine Folge der Dürre im Donaubecken – aber auch das Ergebnis vieler Jahre, in denen sich mangelnde Weitsicht, Fehlentscheidungen und das Ausweichen vor Verantwortung angesammelt haben“, rügte Ministerpräsident Bolojan die Vorgängerregierungen in Bukarest.
Politiker beschuldigt Umweltschutzorganisationen
Sorin Grindeanu, der Vorsitzende der populistischen Sozialdemokratischen Partei, die an den meisten dieser Regierungen beteiligt war, nutzte die Krise zu einem Rundumschlag gegen zwei große Umweltschutzorganisationen. Er behauptete, die EU habe eine Milliarde Euro für das Projekt zur Verfügung gestellt. Kaum sei das öffentlich bekannt geworden, hätten Greenpeace und der World Wide Fund for Nature (WWF) mit Schikanen begonnen. Die Organisationen hätten das Projekt vor Gericht angefochten und gleichzeitig Beschwerden bei der Europäischen Kommission dagegen eingereicht, so der Politiker, der 2017 selbst für kurze Zeit Ministerpräsident war. Ohne die Verzögerungen hätte die Abschaltung der Reaktoren von Cernavodă und der Anstieg der Strompreise womöglich verhindert werden können, fügte Grindeanu hinzu.
Sowohl Greenpeace als auch der WWF protestierten deutlich gegen diesen Versuch, ihnen die Schuld für Rumäniens Energiekrise zuzuschieben. Tatsächlich liegen keine Klagen der beiden Organisationen vor. „Herr Grindeanu erfindet Schuldige“, teilte Greenpeace-Sprecher Mihnea Matache dem Portal „PressHub“ mit. „Wir fordern die politischen Entscheidungsträger auf, Verantwortung für das häufig mangelhafte Management von Infrastrukturprojekten zu übernehmen und nicht länger unter den Organisationen der Zivilgesellschaft nach imaginären Schuldigen zu suchen“, so Matache. Orieta Hulea, die Direktorin des WWF in Rumänien, wies die Vorwürfe ebenfalls scharf zurück. Nicht Umweltorganisationen hätten das Projekt Bala 2 blockiert, sondern Inkompetenz und eine „tödliche Kombination aus Diebstahl, Lügen sowie chronischer und akuter Ahnungslosigkeit“. Dies habe dazu geführt, dass Rumänien anders als Bulgarien ohne ausreichende Batteriespeicherkapazitäten dastehe.
Insgesamt ist der Ausbau der Kernenergie in Rumänien weiter mehrheitsfähig. Die Trockenheit dieses Sommers wird eher als hilfreiches Warnsignal verstanden. Der frühere nationalliberale Energieminister Virgil Popescu hatte schon nach der Abschaltung des ersten Reaktors gemahnt, bei der Planung der beiden zusätzlichen Reaktoren müsse unbedingt darauf geachtet werden, dass genügend Kühlwasser zur Verfügung stehe: „Wir können es uns nicht leisten, kritische Fragen zu übersehen, die ohne gründliche Analyse erhebliche langfristige Folgen und Kosten verursachen könnten.“ Gegen den Ausbau an sich sprach er sich aber nicht aus.
