
Aus den Vereinigten Staaten kam ungewöhnlich deutliche und öffentliche Kritik: Tom Barrack, der amerikanische Sonderbeauftragte für Syrien und den Irak, zeigte sich „tief besorgt“ über israelische Luftangriffe auf einen Luftwaffenstützpunkt in Nordwestsyrien. Er sprach von einer „unnötigen Eskalation“, welche die regionale Stabilität nicht voranbringe. Die Regierung von Übergangspräsident Ahmed al-Scharaa habe keine „räuberische Haltung“ gegenüber Israel eingenommen. Sie habe im Gegenteil „wiederholt eine Präferenz der Deeskalation“ signalisiert.
Am Montag hatte das israelische Militär die Abu-al-Duhur-Luftwaffenbasis in der nordwestlichen Provinz Idlib bombardiert. Der staatliche syrische Sender Al-Ikhbariyya berichtete unter Berufung auf eine Quelle im Militär, es seien dabei die Start- und Landebahn sowie Lagerstätten getroffen worden. Die Führung in Damaskus kritisierte eine „offene Verletzung seiner Souveränität“ und eine „gefährliche Eskalation“, die die regionale Sicherheit und Stabilität in Gefahr bringe.
Das Außenministerium forderte die internationale Gemeinschaft auf, „ihrer rechtlichen und moralischen Verantwortung gerecht zu werden und Israel dazu zu zwingen, seine provokativen, rechtswidrigen Angriffe auf Syrien einzustellen und die Besetzung eines Teils seines Hoheitsgebiets zu beenden“. Auch andere arabische Staaten wie Saudi-Arabien und Ägypten verurteilten die Attacke, die eine Verletzung syrischer Souveränität darstelle.
„Syrien hat unsere Warnungen ignoriert“
Das Büro des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu führte am Dienstag zur Rechtfertigung der Angriffe an, Syrien habe eine Sicherheitsvereinbarung gebrochen, indem es türkischen Truppen die Stationierung „auf einer Luftwaffenbasis in der Nähe von Aleppo“ erlaubt habe. Israel habe die Führung in Damaskus wiederholt gewarnt, dass dies eine Bedrohung des Landes darstellen würde. „Syrien entschied sich, diese Warnungen zu ignorieren.“ Ankara wies die Vorwürfe als „unseriös“ zurück und warf Israel vor, damit „die rechtswidrigen Luftangriffe“ legitimieren zu wollen.
Die türkisch-israelischen Beziehungen sind angespannt und von zunehmender strategischer Rivalität in der Region geprägt. Interessengegensätze gibt es etwa im palästinensisch-israelischen Konflikt oder in Fragen des Energieexports. Ankara lehnt von Israel unterstützte Initiativen zum Transport von Erdgas und Strom aus dem östlichen Mittelmeerraum über Griechenland und den griechischen Teil Zyperns entschieden ab und arbeitet an konkurrierenden Projekten. Die Türkei stellt sich außerdem Bestrebungen Israels entgegen, die geostrategische Ordnung in der Region in seinem Sinne neu zu gestalten. Unlängst schloss Ankara ein Verteidigungsbündnis israelskeptischer Mächte mit Pakistan und Saudi-Arabien.
Die Ambitionen in Syrien sind ebenfalls ein zentraler Streitpunkt zwischen beiden Ländern. Die Türkei ist einer der engsten Verbündeten und wichtigsten Förderer der neuen, von Islamisten dominierten Führung in Damaskus. Ankara, das Scharaa als eine Art Juniorpartner betrachtet, unterstützt dessen Regierung beim Wiederaufbau der Streitkräfte. Berichte über türkische Militärausbildung, Waffenlieferungen und mögliche neue Militärstützpunkte schüren israelische Befürchtungen, dass Ankara eine langfristige strategische Präsenz im Nachbarland anstrebt.
Unmut im Westen über israelische Besatzung
Israel misstraut Scharaa und seiner Mannschaft. Unmittelbar nach dem Sturz des syrischen Gewaltherrschers Baschar al-Assad im Dezember 2024 nutzte Israel die Gelegenheit, das Nachbarland, mit dem es seit seiner Gründung verfeindet ist, nachhaltig zu schwächen. Die Luftwaffe flog Hunderte Angriffe, um jedwede militärische Bedrohung durch die neue Führung auszuschalten.
Israel hält außerdem syrisches Territorium nahe der Golanhöhen besetzt, die es im Sechstagekrieg von 1967 erobert und 1981 ohne Anerkennung der internationalen Gemeinschaft annektiert hatte. Die Gegend ist laut einem syrisch-israelischen Abkommen von 1974 eigentlich eine entmilitarisierte Pufferzone, die unter Aufsicht der UN-Friedenstruppe UNDOF steht. Israel hat seine Präsenz laut Angaben von Diplomaten nach dem Einmarsch von 2024 im Zuge des Umsturzes in Syrien ausgeweitet.
Unter westlichen Partnern herrscht Unmut darüber. Washington, das Scharaa als Partner betrachtet, strebt ein Friedensabkommen zwischen beiden Ländern an. Der syrische Übergangspräsident hatte sich in dieser Frage zumindest pragmatisch gezeigt.
Israel betrachtet nicht nur die Bemühungen, das syrische Militär wieder zu stärken, mit Misstrauen. Eine türkische Militärpräsenz in Syrien ist aus israelischer Sicht ein Problem, weil es den Handlungsspielraum und die Lufthoheit für Militäroperationen gegen Iran oder auf syrischem Territorium einschränken könnte. Die jetzigen Angriffe auf die Luftwaffenbasis, die laut syrischen Angaben nur Sachschaden erzeugten, werden von Beobachtern als deutliche „kinetische“ Botschaft an Damaskus und Ankara gewertet.
Laut einem Bericht der Zeitung „Al-Araby Al-Jadeed“ hatte zuvor eine türkische Delegation den Stützpunkt besucht. Demnach ging es darum, die Start- und Landebahn, die schon zuvor beschädigt war, zu reparieren. Die Luftwaffenbasis war im Krieg um Assads Herrschaft beschädigt worden und seither nicht funktionsfähig. Die neue syrische Führung arbeitet am Wiederaufbau einer Luftwaffe. Das Material, das Damaskus zur Verfügung steht, ist allerdings mehrere Jahrzehnte alt und stammt aus sowjetisch-russischer Produktion.
