
Trinkgeld ist eine feine Sache. Es kaschiert die oft unterirdische Bezahlung in der Gastronomie, es finanziert den Bedienungen ihren Urlaub und steigert ganz nebenbei deren Dopaminspiegel, sie gehen beschwingt nach Hause in dem wohligen Gefühl, andere Menschen glücklich gemacht zu haben.
Als Schülerin und Studentin habe ich lange genug gekellnert, um auch heute nur ohne Trinkgeld aufzustehen, wenn man mich gezielt provozieren wollte. Und manchmal, wenn nach einer größeren Geburtstagsrunde ein Geizhals die Rechnung bezahlt, lasse ich einen Extraschein liegen. Denn nichts frustet mehr, als wenn bei einer riesigen Rechnung nicht aufgerundet wird.
Aber (Sie haben sicherlich geahnt, dass dieses Aber kommen wird) auch mir als ehemaliger Servicekraft fehlt das Verständnis für die heutige Trinkgeld-Inflation. Auf fast allen Kartenlesegeräten werde ich genötigt auszuwählen, ob ich zehn, 15 oder gar 20 Prozent Trinkgeld geben möchte. Im Kleingedruckten findet sich irgendwo die „Nein“-Taste, aber so winzig, dass ich sie selbst mit Brille kaum erspähe. Besonders, wenn der Kellner sich drohend hinter mir aufbaut. Wir Gäste sollen das Trinkgeld nicht nach Gutdünken auf dem Tisch liegen lassen. Nicht mal selbst aufrunden, wie es uns passt. Nein, heute wird eingefordert. Ultimativ.
Trinkgeld entwickelt sich von einer freiwilligen Leistungsprämie zur obligatorischen Lohnbestandteil-Kompensation. Der Wirt ist fein raus, muss sich über bessere Bezahlung keinen Kopf zerbrechen, das übernehmen ja die Kunden. Und nicht nur in der Kneipe etabliert Trinkgeld sich als verdeckte Lohnsubvention. Auch an der Theke in der Bäckerei und im Bistro soll aufgerundet werden. Der gesamte Handel träumt davon. Warum nicht auch ein Obolus für freundliche Beratung in der Boutique, im Schuhgeschäft? Auch die haben es sich verdient.
Klar, dann bezahlen Kunden künftig vermutlich auch Trinkgeld für schmerzfreies Bohren beim Zahnarzt. Entlohnen den Lokführer extra, wenn der Zug pünktlich ankommt. Den Drucker, wenn er mal nicht streikt. Die Kinder, wenn sie pünktlich zum Essen erscheinen. Ach, übrigens erwarte ich für die Kolumne in Zukunft auch ein kleines monetäres Dankeschön.
