
In der durch den Irankrieg ausgelösten Energiekrise ist keine Erholung in Sicht – im Gegenteil: Gas hat sich seit Ende Juni abermals um 50 Prozent verteuert und kostet nach einer zwischenzeitlichen Phase der Entspannung mit 63 Euro je Megawattstunde wieder genauso viel wie zu Spitzenzeiten Mitte März. Grund sind die andauernden Konflikte um die Straße von Hormus, die dafür sorgen, dass dem Weltmarkt weiterhin 20 Prozent der Flüssiggas-Mengen fehlen, die vor dem Angriff der USA auf Iran Ende Februar zur Verfügung gestanden hatten. Der Preis des Energieträgers hat sich seitdem in etwa verdoppelt.
Und die hohen Preise im Großhandel kommen nun auch bei den Verbrauchern an: Wer einen neuen Gastarif abschließt, zahlt im Schnitt 11,56 Cent je Kilowattstunde – gut zwei Cent mehr als im Februar und so viel wie seit März 2023 nicht mehr, zeigt eine am Donnerstag veröffentlichte Auswertung des Onlineportals Finanztip. Für einen Haushalt mit 100 Quadratmeter Wohnfläche und einem Jahresverbrauch von 15.000 Kilowattstunden bedeutet das Mehrkosten von etwa 300 Euro im Jahr. Bei Kunden mit bestehenden Tarifen dürften die hohen Großhandelspreise spätestens im kommenden Jahr ankommen.
„Wir sehen sehr viel Unsicherheit durch die Sperrung der Straße von Hormus“, sagte der Präsident der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, dem Nachrichtenportal t-online am Dienstag. „Das wiederum heißt: Gasverbraucher, Mieter sollten sich auf höhere Rechnungen einstellen.“ Derzeit gebe es keine Anzeichen dafür, dass sich die Lage am Markt dauerhaft entspanne.
Knapp sechs Wochen vor Beginn der Heizperiode wachsen zudem die Sorgen um eine sichere Versorgung im kommenden Winter. Denn die hohen Gaspreise sorgen dafür, dass in den vergangenen Wochen nur sehr wenig eingespeichert worden ist. Wie ernst die Lage ist, zeigen die derzeitigen Füllstände: In Deutschland liegen sie gerade einmal bei 49,9 Prozent – mehr als 16 Prozentpunkte niedriger als 2025 und gar 43 Prozentpunkte niedriger als 2024.
In der EU sieht es mit 61,1 Prozent nicht viel besser aus. Tobias Federico von der Energieberatung Montel geht wie viele andere Analysten davon aus, dass sie bis Anfang November nur ein Niveau von knapp 70 Prozent erreichen und damit ihr Ziel von 80 Prozent verfehlen wird. Die Befüllung lohne sich derzeit nicht, da der sogenannte Sommer-Winter-Spread immer noch negativ sei. „Wenn jetzt eingespeist und das Erdgas dafür eingekauft wird, zahlen wir heute mehr als im Winter, wenn wir ausspeisen werden“, erklärt Federico. „Das bedeutet finanzielle Verluste, und die möchte kaum jemand auf sich nehmen.“ Dabei hatte die EU ihr Ziel schon von 90 auf 80 Prozent gesenkt, um den Druck bei der Befüllung zu reduzieren. Doch die Maßnahme hat offenbar nicht ausreichend gewirkt.
Reiche plant strategische Gasreserve
Unterschiedliche Ansichten gibt es darüber, wie dramatisch das Verfehlen der Füllstandsziele für die Versorgungssicherheit im kommenden Winter sein wird. Theoretisch kann die Bundesregierung in einem solchen Fall den deutschen Marktgebietsverantwortlichen, die Trading Hub Europe (THE), zwingen, Gas einzukaufen. Doch das würde den Bundeshaushalt teuer zu stehen kommen und gilt deshalb als letztes Mittel.
Um die Versorgung abzusichern, plant Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) die Einführung einer strategischen Gasreserve. Ihr Aufbau könnte ebenfalls aus dem Haushalt oder per Umlage von den Verbrauchern finanziert werden; sie soll 24 Terawattstunden umfassen. Das entspricht etwa zehn Prozent der deutschen Speicherkapazitäten und würde laut Federico für etwa 18 Tage reichen. Doch die Reserve kann erst zum Winter 2027/2028 umgesetzt werden, weil mit der Befüllung schon im April begonnen werden müsste.
Aus Norwegen lässt sich kurzfristig nicht mehr Gas beziehen; auch die verbliebenen LNG-Importe aus Russland in die EU werden nach dem Willen der Politik bis zum Jahresende wegfallen. Federico und auch die Bundesnetzagentur verweisen stattdessen auf die LNG-Terminals, die nach dem russischen Angriff auf die Ukraine an der deutschen Küste gebaut worden sind. Doch der Engpass sind nicht die Terminals selbst, sondern die verfügbaren Mengen auf dem globalen LNG-Markt. Der Wettbewerb zwischen Asien und Europa um die freien Lieferungen treibt die Preise zusätzlich. Und der asiatische Gaspreis liegt seit März über dem Preis in Europa, sodass flexible Ladungen verstärkt nach Asien gehen.
Der Kontinent hatte sich vor dem Irankrieg wie nirgendwo sonst auf der Welt im Süden und Südosten von den Gas- und Öllieferungen vom Golf abhängig gemacht. In Ländern wie Indien, das im März so wenig Gas importierte wie seit drei Jahren nicht, war der Mangel zeitweilig so groß, dass sich vor Verkaufsstellen für das überall benutzte Kochgas kilometerlange Schlangen bildeten und manche in Parks und auf Baustellen Holz sammelten, um damit den heimischen Herd zu erhitzen.
Der größte indische Gasimporteur, Petronet, hatte vergangene Woche mitgeteilt, dass er von seinem wichtigsten Lieferanten Qatar keinerlei Informationen darüber bekommen habe, wann dieser wieder Gas in großen Mengen bereitstellen könne. Nur vereinzelt kämen Gastanker mit Ladungen aus dem Land durch. Zudem könnten die Reparaturen der Verflüssigungskapazitäten nach Aussagen der Regierung bis zu fünf Jahre dauern.
Stattdessen importieren indische Unternehmen Flüssiggas aus den USA, Oman, Nigeria und Angola. Das ärmere Bangladesch hat kurzfristig zu sehr hohen Preisen zwei Ladungen in Singapur gekauft und sich langfristig gleich auf zwölf Jahre an den Gaslieferanten Amerika gebunden. Das noch viel ärmere Pakistan hat im Juni nur noch ein Drittel der Menge aus dem Vorjahr importiert und einen Monat später dann doch wieder Gaslieferungen zu Rekordpreisen auf dem Weltmarkt gekauft.
Kurzfristig ist auf den Märkten keine Besserung in Sicht, glaubt Analyst Federico. Die freie Fahrt durch die Straße von Hormus werde für „sehr lange Zeit“ nicht möglich sein. Vorstellbar sei stattdessen, dass Iran, Oman oder die USA künftig Gebühren für eine sichere Durchfahrt verlangen werden. Die meisten Analysten glauben deshalb, dass die Preise in den kommenden Monaten auf dem heutigen Niveau verharren werden.
