Herr Huss, auf welchem Gletscher standen Sie zuletzt?
Ich war zuletzt auf dem Rhone-Gletscher. Was ich dort gesehen habe, war schon sehr außergewöhnlich. Die nicht enden wollenden Hitzewellen dieses Sommers haben dem Gletscher enorm zugesetzt. Binnen eines Monats gingen auf seiner Zunge mehr als vier Meter an Eisdicke verloren. Der kumulierte Verlust über das gesamte Jahr wird sicherlich sehr hoch sein.
Wie viele Gletscher sind in den vergangenen Jahren verschwunden?
Zwischen 2016 und 2023 sind in der Schweiz 160 Gletscher verschwunden. Das bedeutet einen Rückgang von rund zehn Prozent. In diesem Sommer werden wir viele weitere Gletscher verlieren.
Wie viele der rund 1300 Schweizer Gletscher wird es zur Jahrhundertwende noch geben?
Im günstigsten Fall wird das Eisvolumen der Gletscher bis zum Ende dieses Jahrhunderts um 70 bis 80 Prozent sinken. In unserem Extremszenario ist das Eis dann ganz weg.

Auch der Permafrost oberhalb der Gletscher taut auf. Wird es also künftig noch mehr Bergstürze wie im Walliser Lötschental geben, wo das Dorf Blatten nun unter Geröll begraben liegt?
Der Permafrost erwärmt sich und taut jedes Jahr bis in größere Tiefen. Dadurch gibt es mehr Steinschlag und Felsstürze. Das gefährdet Bergsteiger und Wanderrouten. Bei großen Bergstürzen kommen noch andere Faktoren hinzu. Die Katastrophe in Blatten ist nicht allein eine Folge der Erwärmung der vergangenen Jahre. Da spielte auch die spezifische geologische Beschaffenheit eine Rolle. Aber der Klimawandel macht solche Ereignisse wahrscheinlicher.
Welche Folgen hat die Gletscherschmelze für die Wasserversorgung in den Alpen und darüber hinaus?
Die Folgen sind derzeit noch nicht klar sichtbar. Wegen der starken Hitze schreitet die Schmelze momentan extrem stark voran. Damit kommt eine große zusätzliche Wassermenge aus den Hochgebirgen. Die negativen Folgen der Eisschmelze sind also noch maskiert. Aber jeder Tag und jedes Jahr mit hohen Schmelzraten reduziert das Wasserreservoir, das vor Jahrzehnten und Jahrhunderten natürlich angelegt wurde. Wir geraten damit in eine Lage, in der Hitzewellen deutlich stärkere Auswirkungen haben werden als jetzt. Das Schmelzwasser bleibt dann ausgerechnet im Hochsommer aus – also in jener trockenen Phase, in der wir dieses Wasser dringend benötigen, um die Pegel der Flüsse und Seen einigermaßen aufrechtzuerhalten.
Wann ist der Punkt erreicht, an dem die Wasserzufuhr aus dem alpinen Eispuffer unweigerlich Jahr für Jahr abnimmt?
Wir sind in den Alpen ziemlich genau jetzt an diesem Spitzenpunkt, „Peak Water“ genannt. Aktuell fließt die maximale Wassermenge von den Gletschern ab. Fortan sinken die Abflussvolumina, bis alle Gletscher geschmolzen sind. Solange wir noch eine gewisse Eisfläche haben, kommt noch etwas nach, was die Wasserknappheit reduzieren hilft. Aber dieser Zufluss wird immer geringer, je kleiner die Eisfläche wird.
Wie viel Prozent des Rhein- und Rhone-Abflusses stammt in einem Hitzesommer wie diesem aus Gletschereis?
Eine genaue Bestimmung ist schwierig, weil das Wasser auf seinem Weg intensiv genutzt wird. Es wird zum Beispiel in Stauseen gespeichert und zur Bewässerung eingesetzt. Nach unserer Schätzung beträgt der Gletscherwasseranteil im Rhein im August sieben bis acht Prozent und in der Rhone rund 20 Prozent. Das sind Mittelwerte. In extremen Hitzejahren kann der Anteil im Rhein auf bis zu 20 Prozent steigen.
Die Probleme der Rheinschifffahrt werden sich also verschärfen, wenn zur Sommerzeit künftig immer weniger Gletscherwasser zufließt?
Ja, diese Probleme werden sich in den nächsten Jahren deutlich akzentuieren, zumal die Wetterextreme weiter zunehmen. Das verlängert die Niedrigwasser-Perioden im Rhein und wird Deutschland und die Schweiz vor große Herausforderungen stellen. Die Schweiz bezieht ja viele Waren über den Transport auf dem Rhein.
Wasser spielt in der Stromproduktion der Schweiz eine große Rolle. Drohen da Probleme?
Anfang August musste das Atomkraftwerk Beznau seine beiden Blöcke wegen der hohen Wassertemperatur vorübergehend heruntergefahren. Flusswasserkraftwerke können bei Niedrigwasser oft nur eingeschränkt arbeiten. Allerdings erwarten wir nicht, dass wir über das Jahr gesehen insgesamt weniger Wasser in Europa haben werden. Es geht darum, dass das Wasser nicht zu jeder Zeit in ausreichenden Mengen verfügbar ist. Bislang hält das Hochgebirge das Wasser in Form von Eis und Schnee in Zeiten fest, in denen wir ohnehin genug Wasser haben. Im Sommer, wenn es trocken und heiß ist, gibt es das Wasser wieder ab. Dieser Effekt fällt in Zukunft immer mehr weg.

Welche Konflikte drohen zwischen Wasserkraft, Landwirtschaft und Ökologie, wenn im Sommer das Wasser immer knapper wird?
Diese Konflikte werden ja schon heute heiß diskutiert. Die Kraftwerksbetreiber sind bestrebt, im Sommer die Stauseen zu füllen, um dann im Winter, wenn es weniger Solarenergie gibt, mit dem gespeicherten Wasser Strom zu produzieren, den man besser verkaufen kann. In Zukunft müsste das eigentlich umgekehrt sein. Da die Gletscher ihre natürliche Speicherfunktion schrittweise verlieren, müssten die Speicherseen im Sommer entleert werden. Auch die viele Pflanzen und Fische, die vom Wasser abhängen, brauchen einen stabilen Abfluss.
Welche Rolle spielt die Gletscherschmelze beim Anstieg des Meeresspiegels verglichen mit Grönland und der Antarktis?
Wenn alle Gletscher schmelzen, dürfte der Meeresspiegel um 30 bis 40 Zentimeter steigen. Schmelzen die Eisschilde Grönlands und der Antarktis reden wir über einen Anstieg von sieben beziehungsweise sechzig Metern. Allerdings reagieren Grönland und die Antarktis deutlich langsamer auf die Klimaerwärmung als die Gletscher, deren Schwund daher momentan bedeutend zum Anstieg des Meeresspiegels beiträgt.
Was bedeutet die Gletscherschmelze für den Tourismus in den Alpen?
Die Berggebiete werben mit ihren Gletschern um Touristen. Sie verlieren also ein Identifikationsmerkmal. Es entsteht eine neue Landschaft mit neuen Tälern und Bergseen. Ob das am Ende weniger Leute anzieht, wird man sehen.
Mancherorts werden Gletscherflächen mit Vliesen bedeckt, um sie von der Sonne zu schützen. Was halten Sie davon?
Gletschervliese gibt es nur in Skigebieten. Sie dienen dazu, das Eis an neuralgischen Punkten etwas länger zu erhalten und so die Pisten im Winter besser für die Gäste präparieren zu können. Das ist eine rein ökonomische Initiative der Skigebietsbetreiber, die oft fälschlicherweise als Gletscherrettungsaktion interpretiert wird.
Was sollten die Alpenländer tun, um die künftigen Folgen des Wassermangels abzumildern?
Sie müssten jetzt damit anfangen, neue Speicherseen zu bauen. So könnte man die verlorengehende Wirkung des Gletschers als natürlichem Wasserspeicher kompensieren. Gegen solche Projekte gibt es oft und auch berechtigterweise Widerstand von Umweltschützern. Es ist nicht einfach, in einem unverbauten Tal einen Speichersee zu schaffen. In bestimmten Regionen wird man wohl trotzdem nicht darum herumkommen.
Wenn Sie ein einziges Instrument durchsetzen könnten – welches hätte den größten Effekt auf die Gletscher?
Das ist ganz einfach: der Klimaschutz. Wenn der verstärkt wird, hilft das auch den Gletschern. Deren Verschwinden ist nur ein kleiner, aber eben gut sichtbarer Ausdruck der Klimaerwärmung. Hitzewellen und Dürreperioden haben einen viel größeren und weitreichenderen Einfluss auf die Menschen.
Wird dieser Hitzesommer das Bewusstsein der Menschen für Klimaschutz wieder stärken?
Ich hoffe es, aber allzu zuversichtlich bin ich nicht. Probleme wie Kriege und Wirtschaftskrisen stehen immer im Vordergrund, weil sie sich unmittelbar auswirken und eine direkte Reaktion erfordern. Die Klimakrise wirkt im Vergleich weniger drängend. Und sobald es wieder kühler wird, hat man die Probleme schon wieder vergessen.
Sie dokumentieren seit Jahren den Schwund der Gletscher. Auf Ihrem Forschungsfeld geht es also immer nur bergab. Wie hält man das aus, ohne zu resignieren oder zynisch zu werden?
Das ist eine gute Frage. Ich hoffe stets, dass mal ein Jahr kommt, das nicht so schlimm wird. Aber dann folgt doch eine Hiobsbotschaft auf die nächste. Andererseits bietet das auch die Chance, immer wieder darauf hinzuweisen, wie ernst die Lage ist. Und damit meine ich nicht nur die Gletscher.
Matthias Huss zählt zu den renommiertesten Gletscherforschern der Schweiz. Der 46 Jahre alte Glaziologe forscht an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich und leitet seit zehn Jahren das Schweizer Gletschermessnetz GLAMOS. Im Frühling und im Spätsommer ist er stets schwer bepackt auf Gletschern unterwegs. Das verlangt Ausdauer und Kondition und ist mitunter nur im Schlepptau erfahrener Bergführer möglich. Huss bohrt dann tiefe Löcher ins Eis und versenkt darin meterlange Messstangen. So dokumentiert er den Schwund des Gletschereises, der sich infolge der Klimaerwärmung stark beschleunigt. In seinen Modellen zeigt Huss unter anderem auf, wie Gletscher auf Klimaveränderungen reagieren.
