Die Schauplätze der französischen MeToo-Bewegung sind nicht nur Talkshows, Zeitungen und Plenar- oder Gerichtsäle, sondern auch die Belletristik. Seit der Jahrtausendwende ist ein beeindruckendes Korpus von berührenden, reflektierten und formal interessanten Texten entstanden. Meist auf dem Grat zwischen (Auto-)Biographie und Fiktion angesiedelt, versuchen sie, schwierige Erfahrungen und Geschichten zu verarbeiten, indem sie ihnen einen angemessenen Ausdruck verleihen. Neben der offensichtlichen ethischen ist die ästhetische Dimension dieser Texte ein guter Grund, die Debatte ernst zu nehmen. Der kleinen feinen Sammlung an MeToo-Werken steuert Adèle Yon nun mit „Mein wahrer Name ist Elisabeth“ die Geschichte ihrer Urgroßmutter Betsy bei.
Elisabeth C., geboren am 19. August 1916 im wohlhabenden Pariser Vorort Saint-Germain-en-Laye, stellt sozusagen das Symptom einer nach außen hin respektablen, im Grunde aber dysfunktionalen Familie dar. Die Tochter des Textilunternehmers Louis, zweites von elf Kindern, heiratet im August 1940 André, einen Ingenieur und Offizier aus demselben Milieu. Betsy kennt André kaum, zwei Monate nach der Bekanntschaft hatte der Krieg sie getrennt. Wie Betsys eigene Familie ist er streng gläubig und autoritär; mit dem Schwiegervater teilt er ein paternalistisches Weltbild.
Nach der Geburt des zweiten Kindes wird bei Betsy eine Schizophrenie diagnostiziert, es folgen Klinikaufenthalte und Behandlungsversuche, die in einer Lobotomie münden (wohl der ersten an einer Französin); vorher hat André ihr vier weitere Kinder gemacht. Betsy verbringt sodann siebzehn Jahre in der geschlossenen Anstalt Fleury-les-Aubrais (1951 bis 1967), bis sie zu ihren Eltern abgeschoben wird. Ihre Kinder lernen sie nur als die seltsame Frau kennen, die ihrem Ehemann nachläuft und gut kocht; André lebt mittlerweile mit einer anderen Frau zusammen. Er entschläft erst 2011 verehrt und gefürchtet im Kreise seiner Lieben, während die geistig reduzierte Betsy schon 1986 ins Altersheim kommt und dort weit früher, am 22. April 1990, vernachlässigt stirbt.
Der Überraschungserfolg des französischen Buchmarkts
Yon rekonstruiert das Leben ihrer Ahnin in kritischer Absicht: Sie interessiert, wie psychiatrischer Befund und Behandlung dazu eingesetzt werden, um ein bestimmtes Frauen- und Familienbild durchzusetzen. Mit anderen Worten: Betsy wird für ihren starken, cholerischen Charakter bestraft und so lange diversen Behandlungen unterzogen, bis ihre Persönlichkeit ausgelöscht ist. Die meisten Angehörigen behaupten noch Jahrzehnte später, Betsy habe „ein Problem mit der Chemie und der Elektrizität“ im Hirn (so ihr Schwiegersohn). Dabei findet sie sich nur in einer gescheiterten Ehe wieder, in der sie sich nicht unterordnen will: Dafür wird sie verstoßen, eingesperrt, misshandelt – so die Anklage.

Die 1994 geborene Yon hat diesen Stoff zuerst in einer Dissertation entwickelt und anschließend mit „Mein wahrer Name ist Elisabeth“ einem großen Publikum bekannt gemacht. In den sechs Monaten nach Erscheinen wurden mehr als 160.000 Exemplare verkauft; laut „Le Point“ ist es der Überraschungserstling des französischen Bücherjahres 2025.
Von einer Doktorarbeit hat der Band höchstens den Umfang; ansonsten fragt man sich, ob Stoßrichtung und hybride Form des Projekts nicht von vornherein eher literarisch waren. Yon mischt autobiographische Passagen, in denen sie von ihrer Recherche und dem eigenen Leben berichtet (Arbeit an der Dissertation, ein kompliziertes Liebesleben), mit anderen Textarten: Briefe von André und Betsy, medizinische Akten, Gesprächskontrolle von Unterhaltungen mit Verwandten und Bekannten aus Betsys Umfeld, Sprachnachrichten und Ähnlichem. An einer Stelle geht das in eine suggestive Collage über, in der Yon das Zerlegen von Schweinen (eine Zeitlang ihr Brotberuf) mit der Lobotomie kurzschließt: „Wenn das Schulterblatt nur noch am Knorpel hängt, diesen mit einem kräftigen Ruck aufbrechen und den Knochen unversehrt aus der kalten, ohne ihr Knochengerüst schlaff gewordenen Fleischmasse herausnehmen. Inzision der Hirnrinde / streng auf die weiße Substanz beschränkt die Gefäße bei der Dilazeration des Gehirns ertasten“.
Warum machten bei dem grausamen Spiel so viele mit?
Die Vielzahl der Zeugnisse schafft Offenheit; sie erlaubt, Blickpunkte zu kreuzen. Das ist gelungen und zeugt von einer bewundernswerten intellektuellen Spannkraft: Manch irrlichternde Stellungnahme, die religiöse Mystiker, autoritäre Patriarchen oder abgedriftete Tiefenpsychologinnen von sich geben, muss man erst einmal aushalten. Auch Yons Ansatz, Betsys psychische Probleme nicht in Abrede stellen zu wollen, deren Beurteilung und Behandlung aber konsequent zu hinterfragen, überzeugt.
Angesichts der familiären Abgründe stumpft Yons anfängliche Differenziertheit leider etwas ab. Das kann man nachvollziehen: Die beschriebene Familie ähnelt streckenweise der Karikatur einer autoritären Sippe; man wundert sich, warum bei dem grausamen Spiel so viele mitmachen. Dass in dieser Familie grundsätzlich etwas im Argen liegt, zeigt bereits der Einstieg, der vom Suizid des Unternehmers Jean-Louis Wichtig erzählt: Der Sohn Betsys, durch die Erfindung des Minitel rose (der französische Vorläufer des Internets in seiner Erotikvariante) zum Millionär geworden, bricht mit der Familie und löscht das eigene Leben ebenso systematisch wie unbarmherzig aus.
Weitere bedrückende Details folgen: Angstzustände junger Frauen, die sexuelle Schamlosigkeit und Übergriffigkeit von Betsys Vater Louis, der im Nachthemd mit Erektion vor den Enkeln paradiert und seine Töchter im Bad belästigt, die Schürzenjägerei von André, der doch in Briefen an seine Zukünftige mit seiner „Berufung zur Heiligkeit“ geprahlt hatte. Familien sind nicht immer Horte der Zuneigung – diese freilich ist ein Prachtexemplar schlüpfrig-patriarchalischer Unterdrückung, gepaart mit Tartüfferie.
Ethische Vereindeutigung als Nachteil
Das gilt primär für André. Man fragt sich, was Betsy in seine Arme getrieben hat. Yon lässt eine Verwandte, die der Familie entflohen ist, um in den Pyrenäen zu töpfern, eine Erklärung skizzieren: sexuelle Übergriffe des Vaters.
Im Laufe des etwas langen Bandes wird Yons Argumentation schlichter. Die These, dass die Psychiatriereform der Siebzigerjahre nur der Wechsel zu einem neuen Unterdrückungsregime gewesen sei, mag sich auf Foucault berufen; es gibt allerdings kritische Geister, die weniger schematisch argumentieren. Auch dass Verwandte den Behandlungsmethoden ihrer Zeit vertraut haben, ist nicht per se verdammenswert. Die ethische Vereindeutigung hat ästhetische Folgen: Am Ende erzählt Yon die Geschichte Betsys vom Anfang bis zur Wiederkehr aus der Psychiatrie. Auf fünfzehn Seiten berichtet sie aus Betsys Perspektive, was Zeugnisse und Archivarbeit vorher freigelegt hatten; die Fragmente werden zu einer stringenten Opfer-Erzählung verschmolzen. Die ist zusammenhängender, letztlich jedoch schwächer als die vorsichtige Rekonstruktion. Zudem ist der Wechsel inkonsequent und erzeugt Wiederholungen.
Yon erklärt am Ende: „Betsys Geschichte hat mich wütend gemacht. Unbändig wütend.“ Sie erlaubt sich jene Wut, die ihrer Urgroßmutter verwehrt war: verständlich, aber schade.
Adèle Yon: „Mein wahrer Name ist Elisabeth“. Aus dem Französischen von Sula Textor. Berlin Verlag, München 2026. 420 S., geb., 26,– €.
