Wer jetzt ein Haus hat, muss sich keines mehr bauen. Stattdessen hat er allerhand zu verbessern, zu verschönern und zu reparieren. Unruhig wird er in den Hochregal-Alleen des Baumarkts hin und her wandern, in der Hoffnung, das Richtige zu finden.
Die Kathedralen der Baumärkte geben Antworten auf die offenen Fragen der Behaustheit des modernen Menschen. Und sie gewähren den schönen Schein der Selbstwirksamkeit. Mag draußen in der Welt das Chaos auch stündlich zunehmen, man kann doch wenigstens die Fugen im Bad erneuern. Der Baumarkt bietet die „Möglichkeit einer Ordnung“, wie der Titel des dritten Romans von Denis Pfabe lautet. Die kleinteilige Beschreibung des großflächigen Einzelhandels zielt zugleich auf ein Bild der Gesellschaft im Optimierungszwang.
Problemkunden mit Reklamationsanliegen ist aus dem Weg zu gehen
Pfabes ziemlich genervter Protagonist ist Levin Watermeyer, Spezialist für die Abteilung Gartenmöbel im „BAUMARKT“. Mit ihm erleben wir kuriose Kundengespräche und die Frühstücksraumtristesse. Und die Kollegen, die nicht immer Freude machen: „Holger aus Sanitär“, den „Zuschnitt-Günther“ oder den geschwätzigen Bobby, der als Sicherheitskontrolleur mit Clipboard unterm Arm wichtigtuerisch auf seinem Segway durch die Hallen düst. Gelegentlich gibt es unerhörte Vorkommnisse. Ein Mitarbeiter fällt vom Hochregal, ein Diebstahlalarm bietet die Abwechslung einer Hetzjagd. Oder jemand bekommt mit, dass im BAUMARKT heimlich ein Porno gedreht wurde, bevorzugt in Watermeyers Abteilung, etwa in der „VitaRelax Gartenlounge der Serie Diana“.

Mit Watermeyer werden wir in die Philosophie der Arbeitsweste instruiert, in deren Taschen sich alles befinden muss, was weite Wege erspart: Klebeband, Kabelbinder, Sicherheitsmesser, Schraubenzieher, Sechskantschlüssel und „Euroloch-Ausreißschutz-Aufkleber“. Zu den Überlebenstechniken gehört es auch, den Problemkunden mit Reklamationsanliegen weiträumig aus dem Weg zu gehen. Falls es dazu schon zu spät ist, gilt es, konsequent in unergründliche Fernen zu starren. Letzte Hilfe bietet womöglich die Floskel: „Kollege weiß Bescheid, ist auf dem Weg zu Ihnen!“
Die Leiden der Führungskräfte in ihren Büros vernachlässigt der Roman nicht über den Vorgängen auf der Fläche. Der Markt ist hart umkämpft, es geht in der Branche ums Überleben. Gerade erst ist unter dubiosen Umständen die konkurrierende Kette der „Wächter“-Baumärkte in die Pleite geschlittert. Dem BAUMARKT-Leiter Jan Seehafer, einer weiteren Hauptfigur, sitzt die ewige Drohung der Quartalszahlen im Nacken. Und die Angst, von einer Woche auf die andere nach Sterkrade-West, Detmold-Nord oder Isselburg-Anholt abgeordnet zu werden. Seehafers Weg zum „Young Leader“ war hart und steinig: „Die dezent mit BAUMARKT-Logo am Kragen bestickten Hemden galt es sich zu verdienen wie die Schulterklappen der Infanterie. Wer sich einmal durch die Ränge geschuftet hatte, durfte die bunte Weste für immer ablegen und wurde dann eins mit seinem blütenweißen Hemd mit zu hohem Polyesteranteil, das die Angestellten bereits kilometerweit entfernt im Augenwinkel erspähten.“ Pfabe hat die Gabe der schmissigen Formulierung und der pointierten Metapher, die er nur manchmal überdosiert, wenn etwa Seehafers fragiles „Charakterkonstrukt“ unter den „konstanten Spülbewegungen der unzähligen, nervtötenden Verantwortlichkeiten“ wegbricht „wie Stücke eines kalbenden Gletschers“.
Ist die Duschbrause kompatibel mit dem Apple Homekit?
Der Baumarkt steht mächtig in der Landschaft, aber er ist bedroht von inneren wie äußeren Zersetzungskräften. Zu letzteren gehört der Naturschützer Rolf Tampe, der regelmäßig auf seinem E-Bike in Warnweste unterwegs ist zur Feuchtwiese nebenan: „Dieses hell illuminierte Männlein hatte eine Mission.“ Und Rolf findet, was er sucht: ein Habitat der streng geschützten Gelbbauchunke. Das streichholzschachtelgroße Tierchen hat nicht nur die Fähigkeit, den lästigen Unkenschnupfen zu verbreiten, es kann auch die Erweiterungspläne des BAUMARKTS zunichtemachen. Soll doch gerade auf dieser Wiese in Kürze ein riesiges Baustofflager als „Drive-Trough-Experience“ entstehen.
Der Sommer im Baumarkt ist sehr groß. Die „Saison“ kommt wie eine „biblische Gewalt“ auf Watermeyers Abteilung für Terrassenmöbel, Grillstationen, Mähroboter, Aufstellpools und Gartenhäuser zu. Gesteigert wird der Stress noch durch die Zumutungen der Digitalisierung. Altgediente Mitarbeiter, die dreißig Jahre lang Dübel und Dachrinnen verkauft haben, fühlen sich überfordert von den Komplikationen des Smart-Home-Zeitalters. Ist die neue LED-Duschbrause kompatibel mit Apple Homekit, oder erfordert sie womöglich das Emulieren einer Bridge über Home Assistant auf einem Raspberry Pi? Vielleicht weiß es ja der Azubi, der eigentlich nur die Regale einräumen sollte. Die Livespiegelung des Warenbestands, stöhnt Watermeyer, führt zur ätzendsten aller Gesprächseröffnungen: „Online steht aber, Sie haben davon noch eins!“ Im Onlineshop reservierte Bestellungen von Gartenzäunen müssen abholfertig gemacht werden, auch wenn sie nie abgeholt werden, während zahlreiche Kunden ungeduldig „auf der Fläche“ warten. Irgendwann klappt Watermeyer einfach zusammen.
Denis Pfabe will aber noch mehr bieten als dichte Beschreibungen des Baumarktmilieus. Es mangelt nicht an Plotverästelungen, die immer interessant sind, auch wenn sie nicht alle ganz überzeugend weitergeführt werden. Da geht es um den geschäftlichen und moralischen Niedergang des konkurrierenden Baumarktkönigs Richard Wächter oder um das Doppelleben der Mitarbeiterin Pina Sommerfeldt als Drogenkurierin und Tabledancerin. Pina treibt Männer gern über Grenzen – egal ob aufdringliche Kunden oder einen Chef, der sich nach Unterwerfung sehnt. Die Sexualität, wie sie in diesem Roman in Szene gesetzt wird, hat selbst eine gewisse Baumarktanmutung; sie funktioniert entweder nur mit Apps oder erfordert allerhand Utensilien aus Metall und Leder.
„Die Möglichkeit einer Ordnung“ bietet eine unterhaltsame, gewitzte Lektüre. Denis Pfabe, 1986 in Bonn geboren, ist selbst gelernter Kaufmann und hat, bevor er das Schreiben vor etwa zehn Jahren zur Hauptsache machte, längere Zeit im Baumarkt gearbeitet. Deshalb ist er nicht nur sichtlich vertraut mit der Materie, sondern hat sich auch viel von der Seele zu schreiben über eine Arbeitswelt im Wandel.
Denis Pfabe: „Die Möglichkeit einer Ordnung“. Roman. Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2026. 336 S., geb., 25,– €.
