
Es gibt in den sozialen Medien diese Videos von Kühen, die nach einem angebunden im Stall verbrachten Leben zum ersten Mal vor einer Weide stehen. Es dauert, bis sie den ersten zögerlichen Schritt machen, dann werden sie schneller, galoppieren los, manche werfen die Hinterbeine in die Luft. Nach einer Weile zupfen sie auf der Wiese Gras, als hätten sie nie etwas anderes gemacht.
Als Berlinerin, die in Kopenhagen aufs Fahrrad steigt, ist man einer solchen Kuh nicht unähnlich. Es braucht etwas, bis man die eingeübten Überlebensstrategien ablegt: nicht mehr stark bremst, obwohl grün ist, weil der nächste Rechtsabbieger, der nicht guckt, nie weit ist; unübersichtliche Kreuzungen nicht mehr mit den Fußgängern überquert, weil man sicher ist, nur so heil auf die andere Seite zu kommen. In Kopenhagen sollte das nur tun, wer sich eine freundliche Mahnung nicht entgehen lassen möchte, dass man gerade Fluss und Ordnung stört.
Parks als Wasserspeicher
Traut man sich endlich zu glauben, dass hier Radler und Fußgänger der Maßstab und Autofahrer die das akzeptierende Minderheit sind, will man gar man nicht mehr runter vom Rad und gleitet mit der exakt getakteten grünen Radfahrerwelle vorbei an Parks, die sich in Regenwasser-Speicherbecken verwandeln können. An Häusern, auf deren Dächern Bäume wachsen und auch mal ein ganzer Bio-Bauernhof angelegt ist. Am Stadtwald, der früher eine Asphaltfläche war. An der Müllverbrennungsanlage mit der Skipiste obendrauf, die aus dem Abfall der Stadt Strom und Fernwärme macht. An den Holzplanken, von denen die Kopenhagener ins Hafenwasser springen, das sauber ist, weil in einer Schwammstadt die Abwasserkanäle nicht mehr überlaufen.
Den Weg zurück in den deutschen Sommer der Hitzewellen, Brände und austrocknenden Flüsse begleitet das beschwingte Gefühl, dass es auch in deutschen Städten schon etwas werden wird mit Klimaschutz und -resilienz, weil das am Ende eben nicht nach Verzicht aussieht, sondern wie ein Ort, an dem man leben will. In Berlin trifft man dann als Erstes auf eine Demonstration: Bewohner und Nachbarn der langen und angesagten Torstraße im Stadtteil Mitte protestieren gegen den Plan, auf ebendieser Straße 40 Bäume zu fällen. Was leider sein muss, wenn man als CDU-geführte Verkehrsverwaltung (Wahlslogan 2023: „Berlin, lass dir das Auto nicht verbieten“) zwar einen – vor der größten Kreuzung dann aber abrupt endenden – Fahrradweg einrichten, die zwei Autospuren in jede Richtung jedoch behalten will.
Noch dürfen die bis zu 80 Jahre alten Linden auf der in den vergangenen Tagen wieder backofengleichen Torstraße für Erleichterung sorgen – um bis zu zehn Grad kühler ist es in ihrem Schatten. Im Herbst sollen die ersten fallen. „Cut the bullshit. Not the trees“ steht auf dem Plakat einer jungen Frau. Kopenhagen ist sehr weit weg.
