Für Cathrine Laudrup-Dufour muss sich diese Weltmeisterschaft angefühlt haben, als wäre sie an den falschen Ort geflogen – einen, den sie nur zu gut kennt. Vor vier Jahren, als die Dressur-WM in ihrer Heimat Dänemark stattfand, war sie als Goldfavoritin angereist, genau wie in diesem Jahr nach Aachen. Aber schon damals kam sie nicht an, wo sie hinwollte. Weil in Herning wie in Aachen ein schwarzer Düsenjet an ihr vorbeizog, den zuvor nicht allzu viele Menschen auf dem Flugplan hatten.
Glamourdale, der Hengst der britischen Reiterin Charlotte Fry, gewann damals in Herning beide Einzel-Titel, danach verblasste sein so plötzlich erstrahlter Stern ein wenig, um nun in Aachen umso kometenhafter wieder aufzusteigen.
Als Fry am Samstagabend den Arm hob, als Startsignal für die Stadionregie, und ihre Kür begann, konnten die 38.000 Zuschauer in der vollbesetzten, lichtgefluteten Aachener Arena erahnen, was da in den nächsten zehn Minuten auf sie zukommen würde: „Welcome aboard Glamourdale Airlines, please fasten your seatbelt, we are about to take off. Enjoy your flight“, schallte die Durchsage aus den Lautsprechern – anschnallen bitte, bereitmachen zum Abflug. Genießen Sie den Flug mit Glamourdale Airlines.
Die Reiterin hatte dieses Intro, unterlegt mit dem Popsong „We’re going to Ibiza“ der Vengaboys, im Studio aufgenommen. Das Flugzeug-Thema zog sich durch die gesamte Kür, „Leaving on a Jetplane“ begleitete das Paar im Galopp über die Diagonale. Diese Gangart ist Glamourdales unbestrittene Stärke. Wenn der Hengst antritt, mit viel Schub aus den Hinterbeinen, heben seine Vorderbeine vom Boden ab, dann durchquert er mit gewaltigen Sprüngen und wehendem Schweif das Stadion – unter Szenenapplaus und Staunen auf den Rängen.
Noch vor einem Jahr, bei den Europameisterschaften in Frankreich, erlebte Fry mit der Premiere ihres Kür-Programms eine Bruchlandung. Der Hengst wirkte überfordert und matt. Nach Platz zehn sahen viele seine Zeit auf der Weltbühne schon vorüber. Doch Fry nahm die Erfahrung mit, gab dem inzwischen 15 Jahre alten Pferd eine lange Pause, startete erst kurz vor Weihnachten wieder in den Weltcup – und siegte überlegen.
„Glammy ist der König. Was er will, bekommt er.“
Lediglich bei einem Freiluft-Turnier waren die beiden zu Beginn der WM-Saison angetreten. „Mehr braucht er nicht“, erklärte Fry nun in Aachen, wo sie ihre Einzel-Titel im Grand Special und in der Kür erfolgreich verteidigte. Gereift und erfahren, selbst in dieser knisternden Atmosphäre, wirkten Pferd und Reiterin. „Wir haben viel gelernt im vergangenen Jahr“, sagte Fry, die jetzt 30 Jahre alt ist, „und wir wissen genau, was Glammy braucht. Er ist der König, und was er will, das bekommt er.“ 91,907 Prozent lautete die Bestwertung in der Flutlicht-Kür – für Fry „der Ritt unseres Lebens, nicht von dieser Welt“.
Zur Landung, der Schlussaufstellung, erklang noch einmal Frys Stimme aus den Lautsprechern: „Wir nähern uns dem Wertungsrichter bei C, schnallen Sie sich bitte an.“ Doch die Zuschauer waren längst entfesselt von den Sitzen aufgesprungen. Mit den Höchstnoten, die er für seinen Galopp bekommt, macht Glamourdale kleine Schwächen, etwa in der Piaffe, wett, wo Freestyle eher punkten kann. Auch die Stute von Cathrine Laudrup-Dufour zeigte in der Kür ihre Bestleistung, kam aber nicht ganz an das britische Paar heran (91,236 Prozent).

Ob sie während Isabell Werths Ritt Angst um den Sieg gehabt habe, wurde Charlotte Fry in der Pressekonferenz nach der Siegerehrung gefragt. „Vor Isabell habe ich immer Angst“, sagte sie und lachte. „Ich weiß, was sie kann. Sie liefert immer ab. Ich habe gar nicht hingeschaut und mich nur auf mich fokussiert.“
„Als ich die Wertungen der anderen sah, wusste ich, es gibt nur eine Chance: Risiko, Risiko, Risiko“, sagte Werth, die schon 2006 bei den Weltreiterspielen in Aachen mit Satchmo Kür-Dritte geworden war. Sie habe also gewusst, was möglich gewesen sei: „Die Atmosphäre war unglaublich, das Publikum absolut phantastisch auf der Schlusslinie. Es hätte nicht besser sein können.“
