Eine Armbanduhr, auf deren zifferlosem Zifferblatt keine herkömmlichen Stunden- und Minutenzeiger rotieren, sondern zwei hauchdünne und farbig akzentuierte Aluminiumscheiben, ist keine Armbanduhr, sondern ein kleines Kunstwerk. Deswegen heißt dieses quadratische, drei mal drei Zentimeter große Objekt, das, umschlossen von einer breiten Silberspange, am Handgelenk getragen wird, auch „Puls Art“. So jedenfalls nannte es Heinz te Laake, als er in den Siebzigerjahren den ersten dieser abstrakten Mechanismen ersann, die wie zufällig auch die Zeit anzeigen. Mit den signierten und datierten Unikaten landete er einen Erfolg. Zu den Kunden des Künstlers gehörte sogar Königin Silvia von Schweden. Günter Netzer angeblich auch.
Heinz te Laake wurde 1925 in Berlin geboren und dort unmittelbar nach dem Krieg bei Karl Schmidt-Rottluff zum Maler ausgebildet. Bis zu seinem Tod 2001 lebte er viele Jahre mit seiner Frau Marlis in einer Atelierwohnung auf Schloss Reinhartshausen im Rheingau-Ort Erbach. Ein zweites Standbein hatte das Paar in Düsseldorf, wo te Laakes Laufbahn als freier Künstler begonnen hatte. Er stellte regelmäßig aus, seine Arbeiten befinden sich heute in zahlreichen privaten wie öffentlichen, auch musealen, Sammlungen. Der Nachlass seiner kinetischen Werke aber wird in der Wetterau aufbewahrt, in einem ehemaligen Gehöft, in dem Paul Heimanns seit Langem lebt.

Das malerische Werk te Laakes fällt auf durch sinnenfrohe Figürlichkeit. In Gestalt unter anderem von griechischen Göttern, Turnerinnen und Lyren offenbaren Leinwände und grafische Blätter einen Hang zur Antike und sind Matisse ebenso wie Picasso darin oft zum Verwechseln ähnlich. Die kinetische Kunst, die te Laake parallel dazu stets hervorbrachte, funktionierte von Beginn an als Zeitmesser. Außer einer Vorliebe für Primärfarben lassen die abstrakten, meist in Plexiglaskästen präsentierten Boden- und Wandobjekte aber keine Gemeinsamkeiten mit den Bildern erkennen. Eher atmen sie den Geist der Gruppe Zero, die sich etwa zur gleichen Zeit in Düsseldorf formiert hatte, als auch te Laake dort lebte, und deren Kunst man vor allem mit beweglicher, auf Licht und Schatten reagierender Skulptur verbindet.
Dass der Künstler damals lange vergeblich nach jemandem suchte, dem er die technische Wartung seiner Objekte anvertrauen konnte, kann kaum überraschen. Traditionelle Uhrmacher waren mit dem ausgefallenen Aufbau überfordert und winkten dankend ab. 1969 schließlich geriet er, noch in Düsseldorf, an Paul Heimanns. Der gelernte Feinmechaniker war damals 22 Jahre alt und wollte nach Jahren bei einer Firma, die Kameras baute, noch einmal studieren. Dafür brauchte er Geld und reagierte deswegen auf die Anzeige, die te Laake in der Zeitung geschaltet hatte. Aus der Zusammenarbeit wurde bald eine lebenslange Freundschaft.

Folgerichtig erhielt Heimanns te Laakes kinetischen Nachlass. In dem ehemaligen Gehöft, auf dem er mit seiner Frau früher ein Kinderdorf unterhielt, tickt es deswegen überall. Die Objekte gehören zur Einrichtung der Privaträume, füllen ein als Depot genutztes Nebenzimmer und stehen, hängen oder liegen auch in der Werkstatt, die der Hausherr noch regelmäßig nutzt. Die Drehbank, die unter ungezählten filigranen Werkzeugen aufragt, stammt aus einem U-Boot. Beim Besuch in Heimanns Domizil, wo sich gerade zwei Puls Arts in einem „Uhrenbeweger“ drehen, damit sich das automatische Uhrwerk aufzieht, berichtet er, wie die Idee für die erste Puls Art geboren wurde: Die Anregung sei damals von te Laakes schwedischer Galerie gekommen. Deren Rechnung, dass sich seine kinetische Kunst noch besser verkaufen würde, wenn man sie als Miniaturen für das Handgelenk produzierte, sollte aufgehen.
Heimanns kann nicht beziffern, über wie viele Te-Laake-Werke genau er verfügt. Das Konvolut harrt der Inventarisierung. Fraglos kann er damit aber die Entwicklung des gesamten kinetischen Schaffens te Laakes dokumentieren. Angefangen mit einem der frühesten Objekte aus den Fünfzigerjahren, das aus fünf spitzen, übereinandermontierten Aluplatten besteht, von denen sich die oberen beiden bewegen. Beim Anblick der stacheligen Komposition könnte man an einen exotischen Fisch oder eine Sonne denken. Wer genau hinsieht, kann darauf aber auch die Zeit ablesen.

Der Blickfang in Heimanns’ Wohnzimmer indes ist ein mehr als mannshoher Plexiglaskasten aus den frühen Siebzigerjahren. Bunte Zacken, Wellen, Trapeze und Monde, die sich darin im Kreis drehen, zeigen die Weltzeit an – ein besonders opulentes Beispiel für te Laakes typisches, geometrisch klares und doch verspieltes Formenvokabular. Genau genommen handelt es sich dabei freilich um ein Uhr-Bild, das seiner Funktion eine Nebenrolle zuweist.

An den Wänden hängen auch te Laakes Bilder. Darunter eine Neuinterpretation des Rubenswerks „Raub der Töchter des Leukippos“, deren Zentrum ein Porträt der Frau des Künstlers bildet. Die Bilder stammen aber nicht aus dem Nachlass. Vielmehr ließ Heimanns sich nach dem Studium, als er als Sozialarbeiter wieder in Lohn und Brot stand, in Naturalien für seine Dienste entlohnen. Te Laakes Affinität zur Antike offenbart auch ein großer runder Tisch, der ebenfalls im Wohnzimmer steht. Blaue, auf den ersten Blick abstrakte Linien auf weißem Grund entpuppen sich bei näherem Hinsehen als Konturen klassisch geformter Torsi, die sich im Kreis zu bewegen scheinen und damit etwas vom Uhr-Wesen auf die Tischplatte bringen.
Auch wie sich te Laakes Nähe zum Angewandten weiterentwickelte, kann Heimanns mit Objekt-Beispielen belegen. So taugten seine malerischen Motive als Design von Tellern und Gläsern, gingen bei Ritzenhoff in Serie und veredelten auf Weinetiketten nicht zuletzt die Erzeugnisse seiner Rheingauer Wahlheimat.
Heimanns, ohne dessen Dienste Heinz te Laake kaum so erfolgreich gewesen wäre, trägt heute dazu bei, dass die Erinnerung an einen ungewöhnlichen Künstler lebendig bleibt. So hat er erst vor Kurzem eine kleine Retrospektive in der Büdinger Galerie Lo Studio kuratiert. Auch würde er eine in einer Auflage von 100 Exemplaren hergestellte Grafik gern für einen wohltätigen Zweck stiften. Besonders glücklich wäre er freilich, wenn sich ein Museum für den kinetischen Nachlass interessieren würde, von dem man nur eines nicht erwarten darf: Sekundenzeiger.
