In Lindau kann man dem Puls der Zeit lauschen. Und bei keinem anderen Thema schlägt er so laut und schnell, wie wenn es um die „Künstliche Intelligenz“ geht. Die Frage, was KI für unser Leben und für die Wissenschaft bedeutet, erregt die Gemüter. Die Reaktionen reichen von Angst und Sorge bis zu hoffnungsfrohem Optimismus und euphorischer Begeisterung. Etwas zugespitzt könnte man fragen: Bedeutet KI unsere Rettung oder unseren Untergang?
In einer Frage sind sich alle einig: Wir erleben gerade eine Revolution. So bringt es der Physiker Brian Schmidt im Gespräch mit Simon Strauß auf den Punkt. Es liege bei uns, ob wir die KI einsetzen, um unsere Fähigkeiten zu perfektionieren und die Welt in eine bessere Zukunft zu führen. Er verschließt zwar die Augen nicht vor den Gefahren, die sich mit ihr verbinden, räumt aber zugleich begeistert ein, dass er selbst sich wie Anfang 20 fühle, wenn er mit der KI arbeitet, herumprobiert und an Problemen tüftelt.
Ein besonders erfolgreicher Tüftler ist John Jumper. 2024 hat er den Chemie-Nobelpreis erhalten, für die von ihm maßgeblich mit entwickelte KI-Software „AlphaFold“. Diese gibt zuverlässige Vorhersagen der Struktur von Proteinen, also den „Bausteinen“, aus denen unser Organismus besteht. Besonders für die medizinische Forschung, etwa für die Entwicklung neuer Medikamente und die Behandlung von Krebs, bedeutet Jumpers Entdeckung einen großen Sprung.
Manche sehen in der KI ein nützliches Werkzeug für die Wissenschaft. Andere warnen: Die KI könnte für uns zur existenziellen Bedrohung werden, sich selbständig machen und die Kontrolle übernehmen. Haben wir ein Wesen geschaffen, das uns an Intelligenz übertrifft und sich gegen uns richten wird? Eine Sorge, die durch die aktuelle Entwicklung von extrem leistungsfähigen Quantencomputern noch bestärkt wird. Der junge Physiker Jan Kochanowski, der an dieser neuen Technologie forscht, ist allerdings überzeugt, dass am Ende immer noch Menschen das Sagen haben werden und deshalb auch verantwortlich sind.

Lassen sich Mensch und Maschine aber überhaupt noch klar unterscheiden? Der Neurologe und Synapsen-Forscher Thomas Südhof erklärt Simon Strauß, inwiefern unser Gehirn anders als die KI funktioniert, und warum gerade unsere Vergesslichkeit als großer Vorzug des menschlichen Geistes gesehen werden kann.
Am Ende seiner Reise zur Nobelpreisträger-Tagung in Lindau erscheint Simon Strauß eines klar: Wissenschaft ist eine menschliche Angelegenheit. Nicht nur, weil sie von Menschen betrieben und vorangebracht wird, deren Leben sich mit unserer großen Geschichte verbindet. Sondern auch deshalb, weil ihre Entdeckungen jeden von uns betreffen. Sie gibt unserem Leben einen Rahmen, kann ihn aber auch zersprengen. Was wir daraus machen, liegt bei uns.
Diese Sommerserie entstand in Kooperation mit Lindau Nobel Laureate Meetings.
Co-Host
Pruduktion
Co-Autoren & Redaktion: Pia Heinemann, Piotr Heller und Andreas Krobok
Koordination & Recherche: Max Stange
Aufnahmen, Musik & Sounddesign: Niklas Kleber
Schnitt: Kevin Gremmel, David Brucklacher
Dramaturgie & Regie: Michael Götz
Voiceover: Kevin Gremmel, Michael Götz, Felix Hoffmann, Kathrin Jakob, Andreas Krobok, Kati Schneider
Besonderer Dank geht an Birgit Schardt, Thomas Gruber, Daniela Thiel und das Kuratorium für die Lindauer Nobelpreisträgertagungen sowie an das Museum Cavazzen in Lindau
