Ausgerechnet auf einer Brücke zwischen Kehl und Straßburg kann man sich der Rheinromantik noch hingeben. Trotz der Graffiti an den Ufermauern, der Tramschienen und der Hochhäuser im Hintergrund. Schwärmen möchte man allein vom Wasser. Davon, wie kraftvoll und mächtig es wirkt, wie es sich seinen Weg zwischen den Steinen bahnt. Alles im Fluss, möchte man zufrieden seufzen. Das Niedrigwasser erscheint auf den ersten Blick weit weg.
In einer „Scheinkomfortzone“ befinde man sich hier in Kehl, sagt Jürgen Preiß. Der Abteilungsleiter Liegenschaft der Kehler Hafenverwaltung sitzt nur wenige Hundert Meter stromabwärts in seinem Büro. Zwar haben sie hier im gestauten Bereich des Rheins keine Schwierigkeiten mit dem Pegel des Fahrwassers, doch das bewahrt sie nicht vor den Auswirkungen des Niedrigwassers auf die Binnenschifffahrt. Schon seit Mai liege der Schiffsgüterumschlag monatlich etliche Tonnen unter den Werten des Vorjahres. „Ab Iffezheim kommen wir in alle Unwägbarkeiten des Klimawandels und des Niedrigwassers“, sagt Preiß. Erst unterhalb der Staustufe wird der Rhein wieder zum frei fließenden Fluss.
„Ich werde so lange weiterfahren, wie es geht“
Für die Binnenschiffer im Kehler Hafen hängt an den Pegelständen des Rheins nicht weniger als ihre wirtschaftliche Existenz. Patrick Mnich, der im Familienunternehmen arbeitet, ist einer von ihnen. Erst am Vortag erreichte er mit seinem Schiff den Hafen, gerade noch entladen Arbeiter mithilfe eines Krans die Konstruktionsteile, die er über die vergangene Woche hinweg von Magdeburg nach Kehl brachte. Das Nadelöhr des Rheins passierte er am Montag, als der viel beachtete Pegelstand in Kaub noch bei 15 Zentimetern lag.

Man braucht Mnich gar nicht zu fragen, wie lange er noch fahren könne, denn er kommt schnell darauf zu sprechen, dass Journalisten ihm in den vergangenen Tagen immer wieder diese Frage stellten. Die könne er aber nicht beantworten, eine Zahl erst recht nicht nennen. „Ich werde so lange weiterfahren, wie es geht“, sagt er. Jeder Rheinschiffer entscheidet selbst, wie viel Ladung ein Schiff führt und mit welchem Tiefgang es fährt. Für Mnich bedeutete diese Abwägung zuletzt, dass er aus Magdeburg nur mit rund der Hälfte der im Auftrag vorgesehenen Tonnen fuhr. Für den Kunden steigen die Transportkosten, denn die Ausgaben für eine Fahrt kann Mnich kaum senken. 80 Meter misst sein Schiff, ist hungrig nach Kraftstoff, und auch sein Mitarbeiter und die Auszubildende wollen bezahlt werden.
Wie über eine mögliche „Zweiteilung des Rheins“ gesprochen wird – also über eine Unterbrechung der Transportroute im mittleren Flussabschnitt durch das niedrige Wasser –, gefällt Mnich gar nicht. Schließlich könne er noch fahren, aber Kunden würden hellhörig, und die Reedereien müssten sie beruhigen. Für Mnich geht es schon den nächsten Tag wieder den Rhein abwärts bis nach Wesel, wieder durch den Mittelrhein. Er hofft auf Regen. Und langfristig auf Fördergelder, sodass das Familienunternehmen den Bestand modernisieren und auf neue Schiffe setzen könne. Stellenweise müsse der Rhein tiefer werden.

Trotz aller technischen Details klingt immer wieder durch, dass der Fluss selbst in Kehl mit seinem großen Stahlhersteller eine Rolle einnimmt, die über die des Ernährers hinausgeht. Er höre auch nachts die Schiffe, die stromaufwärts fahren, sagt Jürgen Preiß, der schon seit dem Jahr 1989 im Hafen arbeitet und nur drei Kilometer vom Fluss entfernt wohnt. Vom Ufer aus angle er, er bade im Altrheinarm, mit seiner Frau sei er erst im Mai mit dem Fahrrad am Strom entlang bis Worms gefahren. Und auch wenn der Rhein ihm schon Wasser in den Keller gedrückt habe, seien sie wieder versöhnt.
Zwanzigmal am Tag schaue er in die Wetter-App
Wo es mit der „Scheinkomfortzone“ vorbei ist, lässt sich unmittelbar unterhalb der Staustufe Iffezheim mit Blick auf die Schwimmstege erahnen, die jetzt auf dem Trockenen liegen. Rund 200 Rheinkilometer weiter stromabwärts in Ingelheim wird es noch deutlicher. Die Fährlinie zwischen Oestrich-Winkel und Ingelheim ist nur deshalb in Betrieb, weil nun ein Fährschiff mit weniger Tiefgang die beiden Rheinseiten miteinander verbindet. So seltsam es klingt: Dass der Rhein in diesem Sommer zusehends schwindet, macht ihn zu einem Hindernis, das immer schwieriger zu überwinden ist.

Dabei vereinfachen die Fähren in der Gegend gerade den Berufspendlern das Leben. Ganz ohne Schiffe läge zwischen den beiden Orten einen Weg von rund 40 Kilometern. Aber auch Radfahrer und Touristen in auffällig vielen Oldtimern nutzen die Fähre. Seit rund zwölf Jahren bringt Manuel Granados sie über den Rhein, er ist Fährmann und Betriebsleiter der FRS Rheinfähren. Viele Stunden verbringt er dann am Steuerstand, lässt die Autos und Fahrräder auf die freien Flächen rollen und legt ab.
Er kenne hier gefühlt jeden Stein und jedes Sandkorn, kokettiert er. Doch so habe er den Rhein in all den Jahren noch nicht gesehen. Von der Fähre aus sehe man dauerhaft Grund. Nähert sie sich Oestrich-Winkel, meint man auf etliche Inseln zu blicken, stellenweise gleicht die Fläche einer Wattlandschaft. „Es ist ein trauriger Anblick“, sagt Granados. Der Pegel liege Mitte August mehrere Zentimeter unter dem Wert von Oktober 2018, der den Menschen in Erinnerung geblieben ist, weil er so niedrig war.
Wie lange können Sie noch fahren? Es ist eine Frage, die Granados gerade etliche Male am Tag gestellt wird. Aus den Autos auf der Fähre heraus, auf der Straße, beim Einkaufen. Dann kann er nur antworten: Man fahre viel mit Erfahrungswerten. Versuche alles, um den Betrieb so lange wie möglich aufrechtzuerhalten. Zwanzigmal am Tag schaue er in die Wetter-App, kontrolliere den Pegel. „Es zermürbt langsam“, sagt er. Immerzu hofft er auf Regen. Es ist eine Ausnahmesituation, ja. Aber es werde immer öfter so sein. Sich in Oestrich-Winkel für die Zukunft zu wappnen, heißt für die FRS Rheinfähren etwa, dass ein zusätzlicher Anlegepunkt geschaffen werden soll, der näher am Wasser liegt.

Andernorts am Mittelrhein vergeht einem schließlich jeglicher Sinn für Rheinromantik. Hinter Assmannshausen sieht man von der Straße aus kaum noch Wasser, erst recht keine Schiffe mehr. Stattdessen steht dort inmitten des Rheins ein Schwimmer auf einer Insel. An andere Extreme als Niedrigwasser erinnert allein ein Pegel für Hochwasser an einer Hauswand in Niederheimbach. Es ist der Ort, in dem die Fähre seit drei Wochen nicht mehr fahren kann. An der Loreley vermag man bei Heinrich Heines Versen „Den Schiffer im kleinen Schiffe; Ergreift es mit wildem Weh“ einzig noch an die Betreiber mancher Ausflugsdampfer zu denken, die hier wegen des Niedrigwassers momentan nicht fahren. Genug gesehen für einen Tag.
Die Häufung die Extreme macht das Niedrigwasser zum Problem
Am nächsten Morgen knackt es jedes Mal leise, wenn Klaus Markgraf-Maué in seinen Wanderschuhen einen weiteren Schritt über die krautigen Pflanzen nahe der niederländischen Grenze macht. Im Naturschutzgebiet Emmericher Ward, einem Vogelschutz- und Feuchtgebiet, hat der Biologe vom NABU-Rheinbüro vor ein paar Jahren daran mitgewirkt, eine parallel zum Rhein verlaufende Nebenrinne anzulegen. Es ist ein Vorzeigeprojekt, um Fluss und Aue wieder stärker miteinander zu verbinden und mehr Vielfalt an kleinen, unterschiedlichen Lebensraumstrukturen zu schaffen. Während sie üblicherweise die meiste Zeit des Jahres vom Wasser des Rheins durchströmt wird, ist sie in diesem Sommer weit davon entfernt.

Stattdessen liegt die Nebenrinne recht ausgetrocknet vor Markgraf-Maué. Das lasse ihn nicht kalt, sagt er. Einzig ein paar Wasserstellen sind noch übrig, solch ein Bild der Flussnebenrinne kennt er üblicherweise erst aus dem Herbst. An den verbleibenden Pfützen stechen Reiher mit ihren langen Schnäbeln nach Jungfischen; in ihnen liegen manchmal Aale, die bald zu Vogelfutter werden. Zu einem verbliebenen Tümpel bahnt sich der Trampelpfad von Bibern. Markgraf-Maué zieht einen Holzstab mit einer montierten Wildtierkamera aus der Erde, die Fischotter dokumentieren sollte. Aber ohne Wasser braucht es die Kamera nicht.

Niedrigwasser gehöre zum System. „Aber es sind die Häufung und die Extreme, die es in den letzten Jahren zum Problem machen“, sagt er. Zwar komme die Natur mit Änderungen klar, nicht jedoch mit der momentanen Geschwindigkeit. So tief wie im Moment habe er den Pegelstand in Emmerich noch nie gesehen. Dabei habe man schon 2022 die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. Das Problem: Die Wasserstände im Rhein seien in diesem Jahr relativ niedrig gewesen, aus dem Einzugsgebiet sei schon sehr früh wenig Wasser gekommen.
Vom Rhein ist hier Mitte August nicht viel mehr als die Fahrrinne übrig geblieben. Anders als am Mittelrhein sind etliche Schiffe zu sehen. Nur fällt auf, dass es keine Schubverbände mehr sind, nur kleinere Schiffe. Markgraf-Maué deutet dorthin, wo das Wasser auf Land trifft. Das Flachwasser sei mit Wellenschlag belastet, sagt er. Wenn Jungfische in diesem Bereich noch nicht schnell genug schwimmen können, würden sie an das Ufer gespült und verendeten dort. Es ist nur ein weiteres Beispiel dafür, warum es Rückzugsräume für Tiere und Pflanzen brauche, mehr Projekte wie die Flussnebenrinne in der Emmericher Ward. Auch wenn sie unter Extrembedingungen austrockne, seien solche Projekte die Lösung, um Vielfalt und Flusslebensraum zu schaffen.
„Die Nutzung muss sich den natürlichen Bedingungen anpassen“
Ja, der Rhein sei nicht ersetzbar und als Wasserstraße entscheidend für die Wirtschaft. Doch „die Nutzung muss sich den natürlichen Bedingungen anpassen, nicht umgekehrt“. Punktuell könne man Veränderungen vornehmen. „Aber die Idee, wir müssten den Rhein vertiefen, damit wir weiterhin mit den Schiffen wie bisher fahren können, halte ich für ökologisch überhaupt nicht machbar.“ Die Restfunktionen, die noch da seien, gingen dann auch noch zugrunde. Die Schiffe müssten sich dem Rhein anpassen und flachwassertauglich sein. Man könne nur akzeptieren, dass die Kapazität der Wasserstraße weiter abnehmen werde.
Eines wird überall am Rhein deutlich: Gewissheiten gibt es nicht mehr, und die Konflikte um das Wasser werden zunehmen. Entlang des europäischen Stroms, der über Jahrhunderte Begehrlichkeiten weckte, der gezähmt, eingehegt und begradigt wurde und immer noch ein Sehnsuchtsort ist, bleibt die Frage offen: Wer kann vermitteln, wenn an dieser Lebensader Kompromisse gefunden werden müssen?
