
Wieder gibt es in England einen Anlass, um über die Wasserversorger zu klagen. Die Regierungsbehörde OFWAT hat fünf Unternehmen gestattet, ihre Wassergebühren zu erhöhen. Mit dem zusätzlichen Geld sollen sie Investitionen von 3,4 Milliarden Pfund (fast vier Milliarden Euro) finanzieren. Doch die Kunden erleben schon länger, dass die Preise zwar steigen, aber die Leistungen kaum besser werden. Und dann ist da noch die Umweltverschmutzung, wenn massenhaft ungeklärte, fäkalienhaltige Abwässer in Flüssen und Seen landen. Jedes Jahr passiert das hunderttausendfach.
„Ich verstehe, warum die Leute verärgert sind – ich bin es auch“, ließ sich der neue Premierminister Andy Burnham anlässlich der OFWAT-Entscheidung vernehmen. Er hat die Wasserbranche schon länger im Visier. Die Versorger dürften ihre Kunden nicht als „Blanko-Schecks“ betrachten, sagte Burnham. Umweltministerin Angela Eagle hatte zuvor noch erklärt, dass der Unmut zwar verständlich sei, dass die Unternehmen aber das Geld nur zweckgebunden für Baumaßnahmen verwenden dürften.
Der Ärger des Premiers könnte für die Branche gravierende Folgen haben. Denn er fordert nicht nur eine schärfere Regulierung. Einige Politiker aus Burnhams Umfeld und dem linken Labour-Flügel dringen auf eine Verstaatlichung der vor rund 30 Jahren privatisierten Wasserbranche. Ein Unternehmen – Thames Water – könnte unmittelbar davorstehen. Der Konzern versorgt in der Region London rund 16 Millionen Kunden. Doch die Last seiner Schulden von fast 20 Milliarden Pfund ist so groß geworden, dass das Management vor einem Kollaps warnt, wenn Thames Water nicht bald frisches Geld bekäme.
Thames Water steht wohl kurz vor der Verstaatlichung
Seit Burnham vor einem Monat in die Downing Street einzog, wird hinter den Kulissen hart um die Zukunft von Thames Water gerungen. Burnham hat eine Verstaatlichung als „absolut eine Option“ bezeichnete. Andererseits äußerte er aber auch Sympathien für eine genossenschaftliche Unternehmensform. Angesichts der extremen Verschuldung bräuchte das Unternehmen dafür allerdings zunächst einen Schuldenschnitt. Wahrscheinlicher ist daher die temporäre Verstaatlichung durch ein „Special Administration Regime“ (SAR).
Doch zu welchem Preis und zu welchen Konditionen? Das Beratungsunternehmen Teneo schätzte, dass die Unterstellung von Thames Water unter Sonderverwaltung den Staat mindestens 3,3 Milliarden Pfund kosten werde, wenn die Insolvenzverwalter keine privaten Mittel beschaffen können. Das Unternehmen, das viele Jahre der australischen Gesellschaft Macquarie gehörte und heute mehrheitlich im Besitz eines kanadischen Pensionsfonds und des qatarischen Staatsfonds QIA ist, hat lange Zeit sehr hohe Dividenden ausgezahlt und sich gleichzeitig verschuldet. Als die Zinsen stiegen, wurde die Last nicht mehr tragbar. Die Anleihen werden mit „Schrott“-Rating bewertet.
Die Gläubiger von Thames Water, die das Unternehmen jetzt effektiv kontrollieren, haben der Regierung Mitsprache durch eine „goldene Aktie“ angeboten, wollen aber eine Verstaatlichung vermeiden. Aktuell ringen die Regierung und OFWAT mit den Gläubigern darum, wie hoch ein Schuldenschnitt ausfallen muss.
Die Kosten für die Staatskasse wären enorm
Eine repräsentative Umfrage von Yougov im Frühjahr ergab, dass 82 Prozent der Briten eine Verstaatlichung der Wasserversorgung befürworten. Doch würde die Regierung sämtliche 13 großen Wasserunternehmen Englands dauerhaft nationalisieren, müsste der Steuerzahler sehr hohe Summen aufbringen.
Laut internen Schätzungen der Regierung vom vergangenen Jahr könnte die Verstaatlichung rund 100 Milliarden Pfund kosten. Die Gläubiger von Thames Water haben dazu ein Gutachten der Beratungsgesellschaft Frontier Economics bestellt. Laut diesem sollen die Kosten der gesamten Verstaatlichung für die öffentliche Hand sogar 140 Milliarden Pfund betragen, wie die Finanznachrichtenagentur Bloomberg meldete.
Die hohen Summen sind darauf zurückzuführen, dass die Branche hoch verschuldet ist und zudem längerfristig enorme Finanzmittel für die Sanierung und Modernisierung ihrer alten Wassersysteme benötigt. Es wird erwartet, dass allein Thames Water in der Hauptstadtregion bis 2030 Investitionen von 20,5 Milliarden Pfund stemmen muss, um die Wasserrohre und Kanalisationsanlagen zu modernisieren und die Klärkapazitäten zu erhöhen. Auch andere Unternehmen haben einen Milliardenbedarf.
Schon Ende 2024 genehmigte daher die Regulierungsbehörde OFWAT den Unternehmen kräftige Preiserhöhungen: Thames Water darf seine Preise innerhalb von fünf Jahren um 35 Prozent anheben, weit mehr als die Inflationsrate; die durchschnittliche Rechnung wird auf jährlich 588 Pfund steigen.
Kot in den Flüssen
Was die Bürger besonders verärgert, sind nicht nur die rasch steigenden Wassergebühren. Am stärksten empört sie die als skandalös empfundene Umweltverschmutzung aus den Kanalisationssystemen. Die Zeitung „Times“ nannte es eine „nationale Schande“. Wenn es stärker regnet, fließen die Abwassersysteme über und entladen ungeklärte, fäkalienhaltige Abwässer in Flüsse und Seen. Im vergangenen Jahr gab es mehr als 300.000 solcher Vorfälle. Die Abwässer stellen erhebliche Gesundheitsgefahren für Schwimmer dar, etwa aufgrund der Kolibakterien. Es gab Berichte über Kinder, die nach einem Badeausflug schwer erkrankt auf der Intensivstation landeten.
Spezielle Internetseiten, etwa von Rivers Trust, verzeichnen die akuten Belastungen der Flüsse. Das Symbol ist passenderweise ein schwimmendes Kothäufchen. Anlässlich der neu genehmigten Preissteigerungen für die Wasserunternehmen sagte Kierra Box von Friends of the Earth: „Unsere Flüsse und Meere sind voll mit schmutzigem Abwasser und Chemikalien, und trotz der jüngsten Gebührenerhöhungen hat sich die Situation kaum verbessert.“ Dass Kunden nun noch mehr zahlen sollen, bezeichnete sie als „reinen Raub“. Auch die Labour-Regierung äußert sich ähnlich. Der vorige Umweltminister Steve Reed bezeichnete das ganze System im vergangenen Jahr als „kaputt“.
Die Wasserindustrie gelobt Besserung, was die häufigen Abwasserlecks angeht. Vergangenes Jahr haben die Branche und die Regierung einen Plan vereinbart, der Infrastrukturinvestitionen von mehr als 100 Milliarden Pfund über fünf Jahre umfasst. Damit soll auch erreicht werden, dass die Dreckwasser-Abflüsse in Englands Gewässer bis 2030 um die Hälfte verringert werden.
