Erek Weidner läuft manchmal durch die Straßen, schaut sich die Fassade eines Gebäudes an und beginnt in Gedanken zu bauen: „Ah ja, einmal Sechser-Rundbogen“. Wo andere einfach nur Beton sehen, wandelt der Siebenundfünfzigjährige das Gesehene in Legosteine um. „Ich weiß dann schon im Kopf, welche Teile ich brauche und wo sie hinmüssen, um das Gebäude nachzubauen“, erklärt Weidner. Er ist zweiter Vorsitzender des Vereins „Born2Brick“. Zu Deutsch: Geboren, um zu bauen. Hier trifft er auf Gleichgesinnte, die die Leidenschaft für die Klemmbausteine teilen.
Angefangen habe „Born2Brick“ als „loser Stammtisch“ aus Lego-Enthusiasten im Jahr 2013, berichtet Weidner. 2016 seien erste Veranstaltungen organisiert worden, bei denen es darum gegangen sei, nicht mehr nur allein, sondern gemeinsam zu bauen. Dabei sei schnell klar geworden, dass eine Vereinsstruktur für weitere Vorhaben einen rechtlich sichereren Rahmen bietet. Mitten in der Corona-Zeit hat sich der Verein im Juni 2020 mit zehn Leuten in einer Kneipe in Hattersheim gegründet.
„Born2Brick“ organisiert Lego-Fan-Event im Theater Rüsselsheim
Heute zählt „Born2Brick“ rund 120 Mitglieder. Der offizielle Sitz ist in Frankfurt, die Hauptaktivitäten finden jedoch im westlichen Rhein-Main-Gebiet statt. Sieben- bis achtmal im Jahr treffen sich die Mitglieder an sogenannten Bautischen, um gemeinsam an ihren Projekten zu arbeiten und sich gegenseitig Tipps zu geben. Darüber hinaus werden Onlinestammtische angeboten. Inzwischen ist der Verein von Lego offiziell als Fanklub anerkannt und wird seit drei Jahren mit Sets für Workshops unterstützt. In der Vereinsgeschäftsordnung haben sich die Mitglieder dem Lego-Verhaltenskodex verpflichtet – der unter anderem militärisches Gerät wie Kampfpanzer und sexuelle Inhalte ausschließt.

Im Theater Rüsselsheim organisiert der Verein jedes Jahr an einem Juni-Wochenende das größte Lego-Fan-Event der Rhein-Main-Region. Aus einer kleinen Kulturveranstaltung mit ein paar Hundert Besuchern ist die laut Weidner größte Einzelveranstaltung des Theaters geworden. Rund 4500 Besucher waren es in diesem Jahr. In der Ausstellung zeigen die Vereinsmitglieder riesige Lego-Welten: unter anderem eine Stadt in Miniaturformat, Freizeitpark mit Achterbahn, Burgen, Raumschiffe, Blumengärten und Eisenbahnstrecken. Zudem wurden in diesem Jahr rund 25 Workshops angeboten.
Unter anderem geht es darum, wie man kreativ Autos umbaut, wie man bestehende Gebäude nachbaut oder einen Roboter baut und programmiert. „Das ist sehr gut angenommen worden“, berichtet Bianca Seefeld. Seit einigen Jahren treibt sie im Verein die Mitmachprogramme voran. Ganz nach dem Vereinsmotto: „Erwachsene begeistern, Kinder inspirieren.“
Seefeld ist eigentlich Sachbearbeiterin in der Arbeitssicherheit. Als Kind, so sagt sie, habe sie sich daran erfreut, mit den Steinen etwas auf- und wieder abzubauen, weniger damit zu spielen. Aber irgendwann seien die Steine nicht mehr interessant gewesen. Erst durch ihre Tochter sei die Baubegeisterung wieder geweckt worden. Irgendwann habe sie die alten Lego-Kisten aus dem Keller geholt – ursprünglich um sie ihrer Tochter zu zeigen – und so den Weg zurück in das Hobby gefunden.

Auch Erek Weidner hütet noch immer eine Extrakiste, in der er sein „Kinder-Lego“, also seine ersten Bausteine, lagert. Auch seine Kindheit sei geprägt gewesen von den bunten Steinen, wie er sagt. Irgendwann aber seien „Mädchen und andere Sachen“ interessant geworden, das Lego landete im Keller. Erst als seine Tochter Alicia geboren wurde, habe er sich wieder dafür interessiert, was Lego in der Zwischenzeit entwickelt hatte. „In meiner Jugend gab es noch nicht so viele Varianten von den Steinen, und die Farben waren auch eingeschränkt“, sagt Weidner. Heute gebe es rund 3500 verschiedene Teile – multipliziert mit einer Vielzahl an Farben. Das Erste, was er sich mit der Rückkehr in das Hobby gekauft hat, war ein Mindstorms-Robotik-Bausatz. Seitdem ist die Sammlung rasant angewachsen.
Monorail-Bahn im Museum der Deutschen Bahn in Nürnberg
Der gelernte Elektroingenieur kümmert sich im Beruf um das Weitverkehrsnetzwerk eines Paketdienstleisters – er sorgt dafür, dass Daten an den richtigen Stellen abbiegen und am richtigen Ort ankommen. Netzwerke im Kopf behalten, Strukturen durchschauen, Systeme verstehen: Das kann er. Die Kreativität, sagt er, habe er von seinen Eltern – beide Grafikdesigner. „Die haben mir da einen Drall mitgegeben. Der bricht immer mal wieder durch.“ Auf einer Lego-Platte findet er dafür den Auslass.
„Ich baue technisch und funktional“, sagt er. Der wesentliche Bestandteil des Prozesses sei, zu wissen, was für Teile man habe und wie man sie verbaue. Bei ihm selbst passiere das intuitiv. Seine selbst entwickelte Monorail-Bahn, an der er seit zehn Jahren tüftelt, war sogar neun Monate im Deutschen Bahn-Museum in Nürnberg zu sehen – täglich acht Stunden im Dauerbetrieb. Dafür musste er Kugellager in die Fahrzeuge einbauen, denn „Lego ist letztlich ein Spielzeug“. Wer es zur Maschine mache, verlasse irgendwann das Lego-System.

Bei seiner Tochter Alicia war die Leidenschaft nicht von Anfang an da. „Erst mit dem Verein, und als ich gesehen habe, was man aus Lego alles machen kann, habe ich selbst angefangen, Sets zu bauen“, sagt die Achtundzwanzigjährige. Irgendwann kamen eigene Ideen, eigene Konstruktionen. Sie ist Sozialarbeiterin und arbeitet in einer Grundschule. „Die Kinder waren überrascht, dass ein Erwachsener Lego baut“, berichtet sie.
„Kinder bauen die tollsten Konstrukte aus Lego“
Sie integriert die bunten Steine wie selbstverständlich in ihre tägliche Arbeit. Gegen Langeweile kennt sie ein gutes Rezept. „Wenn man den Kindern eine Kiste Lego hinstellt, dann sind sie plötzlich ganz kreativ und bauen die tollsten Konstrukte daraus.“ Das Paradoxe sei, dass viele Kinder zu Hause durchaus Lego hätten. Aber eben als fertig aufgebaute Sets, die nicht einfach auseinandergenommen werden. Einmal aufgebaut, bleiben sie unangerührt stehen. Die Lego-Kiste im Kinderzimmer, voll mit losen Einzelteilen, sei selten geworden, wie Alicia Weidner sagt. Die Kreativität der Kinder ist ihrer Ansicht nach keineswegs verschwunden – sie braucht nur einen Anstoß.

Erek Weidner sieht darin auch eine Folge des Marktes. Lego habe in der Corona-Zeit Erwachsene als Zielgruppe entdeckt und setze seitdem stark auf komplexe, teure Sets. „Der meiste Umsatz wird mit den großen Erwachsenen-Sets gemacht“, sagt er. Das sei einerseits erfreulich für Enthusiasten wie ihn – andererseits gehe dabei etwas verloren: das Prinzip, aus dem, was man hat, etwas Neues zu machen.
Bianca Seefeld hat deshalb das Kinderprogramm des Vereins in den vergangenen Jahren konsequent ausgebaut. Ihr Ziel: zeigen, dass Bauen keine Vorkenntnisse braucht. „Ich habe ganz oft die Situation, dass Kinder mir sagen, ich kann das nicht so toll bauen“, sagt sie. „Und dann sage ich immer: Doch, das kannst du – es sieht nur anders aus. Aber das ist doch egal.“
Lego ist in der Corona-Zeit aus der Nische gekommen
Spätestens seit der Corona-Pandemie ist Lego wie einige andere Hobbys aus der gesellschaftlichen Nische gekommen, sagt Seefeld. Sie sei nach einem Zeitungsartikel über ihr Lego-Projekt – einem riesigen Berg – von Leuten ganz verwundert angesprochen worden: „Du baust Lego?“ Es sei von vielen als Kinderspielzeug abgetan worden. Sie fand es spannend, zu sehen, wie viele Leute im Nachhinein interessiert waren und ihr seitdem auf Instagram folgen, um zu schauen, was sie so baut.
Martin Kolb hat ebenfalls eine eigene Seite in den sozialen Netzwerken und baut seit 2018 ein Lego-Modell des römischen Limes – konkret des Abschnitts rund um Seligenstadt am Untermain, wo er selbst wohnt. Sein Modell umfasst ein Kastell, ein Lagerdorf und einen Circus Maximus. „Das ist ein bisschen Phantasie aus den Filmen“, sagt er.

Für die Figuren greift Kolb auf Lego-Sonderserien zurück, beschafft aber auch Sonderanfertigungen aus den USA und Asien. Dabei legt er Wert auf historische Genauigkeit: Als Besatzung der Kastelle wählt er nicht die klassischen Legionäre, sondern Auxiliartruppen – die Hilfstruppen, die am Limes Dienst taten. „Die Legionäre waren mehr im Schlachtgebiet“, erklärt er.
Die „Römer am Limes“ mit rund einer Million Lego-Steine
Dass Lego-Bauen einmal sein Hobby werden könnte, hätte er selbst wohl am wenigsten vermutet. Eigentlich sei er auf der Suche nach einem Geburtstagsgeschenk für Neffen und Nichten gewesen, erinnert er sich. Gefunden habe er ein Lego-Fahrrad-Set. Für sich. Als Mountainbiker sei ihm das sofort ins Auge gefallen. Seither baut er. Den entscheidenden Anstoß für das Römer-Thema gab eine Fahrradtour an seinem Geburtstag. Kolb fuhr von Bad Ems entlang des Nassen Limes nach Seligenstadt und stieß dabei auf eine Gruppe von Römer-Darstellern. „Und dann hat es bei mir mit den Römern angefangen.“
Das Modell ist seither nie wirklich fertig geworden – es wächst, wird umgebaut, angepasst. Wie viele Steine verbaut sind? Kolb winkt ab. „Das sind unheimlich viele. Keine Ahnung. Millionen.“ Sein Hobby hat inzwischen eine gemeinschaftliche Dimension bekommen: Gemeinsam mit Vereinskollegen entwickelt Kolb von seinen Modulen digitale Modelle mit Anleitungen für eine Mitmachaktion des Römermuseums in Obernburg. Kinder können dort kleine Module selbst zusammenbauen.
Solche Hilfestellungen braucht der neunjährige Ole nicht. Er hat sein erstes Lego-Set mit drei Jahren gebaut – zur Hälfte allein. Es war ein Sesamstraßen-Modell, eigentlich als 18-plus-Set konzipiert. Sein Vater hatte es ihm geschenkt. Heute besitzt Ole rund einhundert Sets – Minecraft, City, Speed Champions, auch Star Wars ist dabei. Alle hat er inzwischen aufgebaut. Seine Mutter Christin Streller ist dabei ebenfalls ins Organisationsteam von „Born2Brick“ gerutscht. Ihr Mann sei der größere „Lego-Freak“ und habe den Filius angesteckt.
Sohn Ole baut nicht nur mit echten Steinen, sondern erschafft auch im Spiel Minecraft, für viele eine Art „digitales Lego, neue Welten. Knapp 350 mehr oder minder komplexe Umgebungen hat er in den vergangenen zwei Jahren digital erbaut. Der Moment, wenn der letzte Stein seine vorgesehene Position findet, schätzt er in beiden Welten. Die echten Klemmbausteine können aber etwas, was sich am Rechner nicht erzeugen lässt: „Wenn man es am Ende stehen hat, ist es schon cool.“ Er baut am liebsten Minecraft-Welten nach.
Der Verein will mehr Kinder wie Ole begeistern, plant mehr Bauaktionen und hofft zugleich auf ein eigenes Vereinsheim. Es fehle „ein zentraler Punkt, wo wir bauen können, wo wir lagern können, wo wir uns treffen können“, sagt Erek Weidner. Bis dahin bauen sie weiter – in Kellern, Wohnzimmern, Schulen, Museen und auf Bautischen.
